Herzstück

Opas Sommerferien

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

Martin Dürr
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Der Opel Kadett ist beladen: Los geht's auf der Überholspur in die Sommerferien. (Symbolbild)

Der Opel Kadett ist beladen: Los geht's auf der Überholspur in die Sommerferien. (Symbolbild)

Pascal Meier

Als ich ein kleiner Junge war, gab es nichts Besseres als die erste Sommerferienwoche. Unglaubliche sechs Wochen unendliche Weite vor mir. Alles war möglich. Das Universum stand still. Na ja, fast. Am Bündelitag packte Dad akribisch den Opel Kadett und seufzte bei jedem weiteren Koffer, den wir anschleppten. Richtig verzweifelt wurde er, wenn Mutter Tüten, Körbe und Taschen brachte, unstapelbar weit über den Rand gefüllt mit Haushaltsgegenständen und Vorräten.

Man weiss ja nie, ob es die Dinge am Ferienort gibt. Vielleicht will man mal eine dreistöckige Torte backen oder ein Abendkleid nähen. Der Hund braucht auch sein gewohntes Schlafplätzchen, sonst leidet er an Sommer-Insomnia. Wir Jungs standen unauffällig in der Nähe herum und passten auf, ob wir neue Wörter lernen. Irgendwann war das Platz-Wunder vollbracht, alles im Auto inklusive Strolchi und Buben. Endlich. Wir fuhren los! Das heisst: Wir fuhren nicht los. Dad trommelte mit seinen Halbleder-Autohandschuhen nervös auf dem Steuerrad, testete zum x-ten Mal Blinker und Scheibenwischer und fragte: «Was macht sie jetzt noch!?!» Einer von uns wurde als Kundschafter ins Haus geschickt. Mutter suchte einen Artikel aus dem Beobachter (Februar oder März?), den sie nochmals lesen wollte. Mit dem halben Jahrgang Zeitschriften kam sie dann (»die kann ich gut auf den Schoss nehmen»).

Der Rest des Tages bestand aus Zeit aufholen. Wir rasten auf der Autobahn nach Norden. In extra gekauften Schulheften durften wir Hintersitz-Passagiere unsere Reiseerlebnisse notieren. Das hielt uns davon ab, schon auf der Höhe von Bad Bellingen lauthals zu streiten, wer welche imaginäre Sitzgrenze wie weit überschritten hatte. Ich übte mich in Statistik und machte Striche für jedes überholte Auto. Bis zur Lüneburger Heide waren es immer genau 1897, vor allem VWs. Wir selbst wurden dabei nur achtmal überholt, von «Spinnern», wie Dad schimpfte. Wertvolle Zeit verloren wir, wenn einer der Buben oder der Hund mal musste. Dann brausten wir weiter auf der linken Spur, immer weiter.

In Soltau hüpfte mein Bruder im Hotel auf dem Bett, bis es Ärger gab. Die Konfitüre beim Frühstück kam in kleinen Gläsern. Die leeren sammelte Mutter ein, «weil die hier nicht recyceln». Dad verdrehte die Augen. Dann ging’s wieder los, in Lübeck auf die Fähre nach Dänemark. Ich hatte Heimweh. In Gilleleje verbrachten wir relativ ereignislose Wochen. Höhepunkt: Es hatte einen Fernseher (zu Hause gab’s keinen). Von 5 bis 7 Uhr wurde auf Dänisch gesendet. Dann war Programmschluss. Dafür fingen die Schweden an zu senden (das dänische Programm mit schwedischen Untertiteln). Es gab rote Pölser. So rot wie meine Haut, als ich beim Baden in einen Schwarm Feuerquallen geriet. Drei Tage Feuerqualen unter der Dusche.

Also, liebe Kinder, grämt euch nicht, wenn ihr nur Ferien am Münchensteinersee macht. Oder am Jurameer, wenn das Mittelland dank Klimaveränderung vollgelaufen ist. Nächstes Mal erzählt Opa von der abgebrochenen Rundreise durch die Schweiz. Spoiler: Es regnete.