Fall Dojo
Nach dem Kickboxer-Prozess: Acht Punkte, die in Erinnerung blieben

Nach zwei Wochen pausiert seit Freitag der Prozess gegen Kickboxer Paulo Balicha und seine Schlägerbande. Diese acht Punkte sind uns in Erinnerung geblieben.

Jonas Hoskyn
Drucken
Rückblick: Fall Dojo
17 Bilder
Hier mit Kittel: Anwalt Jascha Schneider.
...
Prozesstag 7: Shemsi Beqiri (l.) und Paulo Balicha vor dem Muttenzer Strafgericht
Der Basler Kampfsportler Paulo Balicha steht vor dem Baselbieter Gericht.
Er soll zusammen mit einem maskierten und bewaffneten Schlägertrupp das Trainingscenter seines Rivalen Shemsi Beqiri überfallen haben,
Balichas Verteidiger Nicolas Roulet begleitet seinen Mandanten zum Gericht.
Die Staatsanwaltschaft fordert drei Jahre Freiheitsstrafe für Balicha – davon zwei Jahre bedingt.
Shemsi Beqiris Kampfsportschule wurde überfallen.
Beqiri fordert als Privatkläger eine Entschädigung von 50'000 Franken.
Der Prozess bringt das Strafjustizzentum an seine Grenzen. Der Gerichtssaal ist kaum gross genug für alle 17 Angeklagten plus ihre Rechtsvertreter plus die insgesamt 20 Privatkläger plus deren Rechtsvertreter plus das Grossaufgebot an Polizisten.
Kamera hat gefilmt: Der Kampf zwischen Shemsi Beqiri (l.) und Paulo Balicha (r.) unter den Augen der maskierten Schlägern.
Das Video vom Kampf zwischen Balicha und Beqiri ist das wichtigste Beweismittel der Baselbieter Staatsanwaltschaft im Fall Dojo.
Der Kampf zwischen Balicha (links) und Beqiri hatte nichts mit Sport zu tun.
Beobachtet vom Überfallkommando, wehrt sich Thaiboxer Shemsi Beqiri (oben) gegen Paulo Balicha.

Rückblick: Fall Dojo

Nicole Nars-Zimmer (niz)

1 Die Coolness der Angeklagten

Kaum einer der 16 Männer, welche die letzten zwei Wochen über im Gericht sassen, weil sie im Frühjahr 2014 zusammen das Trainingscenter von Shemsi Beqiri überfallen haben sollen, wirkte besonders beeindruckt vom Prozess. Weder von den drohenden Strafen noch dem Grossaufgebot an Polizisten. Diese verbrachten im Übrigen die meiste Zeit ohnehin im Warteraum. Ausser einem Wasserspritzer, den ein Fotograf am Eröffnungstag von einem Angeklagten abbekam, blieb es die gesamte Verhandlung über ruhig.

2 Die Anwälte

Das gilt aber nur für die Anklagebank. Denn in den hinteren Reihen reizten die Anwälte alle Möglichkeiten aus. In schöner Regelmässigkeit beklagten sie eine unfaire Prozessführung, forderten den Abbruch der Verhandlung und deckten das Gericht mit Anträgen ein. Der Gipfel der Absurdität: Einer der Verteidiger beantragte, das Gericht solle bei H&M nachfragen, wie oft die Hose verkauft wurde, welche auf dem Video des Überfalls zu sehen war und seinem Mandanten zugeordnet wurde. Doch auch die Gegenseite bekleckerte sich nicht gerade mit Ruhm. Beqiris Anwalt liess vor seinem Plädoyer erst einmal alle Anwesenden zwei Stunden warten, nur um dann vom Gericht einen Rüffel zu kassieren, weil er seinen dreiminütigen Vortrag im Polohemd und nicht wie üblich im Anzug hielt.

3 Die geschwärzten Akten

Zur Komplexität des Falles trugen auch die Staatsanwaltschaft und das Gericht bei. Aussergewöhnlich grosse Anteile der Akten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geschwärzt. Das brachte die Anwälte mehrfach auf die Palme.

4 Der abwesende Staatsanwalt

Schon während der langjährigen Strafuntersuchung stand der zuständige Staatsanwalt Stefan Fraefel in der Kritik. Vor Gericht tauchte er überraschend gar nicht erst auf. Er ist seit Monaten krankgeschrieben. Was Fraefel aber nicht davon abhält, im Liestaler Einwohnerrat weiterhin als Präsident zu amten, wie ein Verteidiger aufdeckte. Vielsagend darauf die Antwort von Boris Sokoloff, Fraefels Chef, der ihn am Prozess vertrat. «Schwarze Schafe» gebe es überall, habe er laut «20 Minuten» geantwortet.

5 Die Hooligans

Als Nebenpunkt wurde einem der Angeklagten vorgeworfen, dass er einer der Hooligans gewesen sei, die sich nach dem FCB-Match gegen Zürich vor zwei Jahren Scharmützel mit der Polizei geliefert haben. Er ist der Erste aus einer Reihe von FCB-Fans, die sich wegen den schweren Ausschreitungen verantworten müssen.

6 Das Doping

Der Hauptangeklagte Paulo Balicha ist in einem Nebenpunkt wegen Verstosses gegen das Eidgenössische Sportfördergesetz angeklagt. Er hatte knapp 100 Ampullen Steroide aus Thailand importiert. Diese erwiesen sich bei einer Laboruntersuchung allerdings als plumpe Fälschungen.

7 Die Gerüchteküche

Dadurch, dass viele Punkte ungeklärt blieben, brodelte die Gerüchteküche: So kursierte sogar die Geschichte eines Auftragkillers, der Beqiri hätte töten sollen.

8 Die Anträge

Drei Jahre Gefängnis, davon eines unbedingt, verlangt die Baselbieter Staatsanwaltschaft für den Haupttäter Paulo Balicha. Das Strafmass bei den mutmasslichen Mitgliedern der Schlägerbande schwankt zwischen 18 Monaten und 2,5 Jahren. Bei vier weiteren Angeklagten wurden ebenfalls unbedingte Freiheitsstrafen verlangt. Die Verteidiger fordern grossteils Freisprüche. Die Urteile werden am 20. September bekannt gegeben.