Nähkästchen

Madlaina Matter ist schlagfertig: «Wenn die mir aufs Fudi gaffen, sollen sie»

Madlaina Matter, die Volleyball-Kapitänin von Sm’Aesch Pfeffingen über Mädelscliquen, Superkräfte und Schuppenflechten.

Mirjam Bollinger
Drucken
Teilen
Madlaina Matter ist voller Energie: als Profivolleyballerin und angehende Ärztin.

Madlaina Matter ist voller Energie: als Profivolleyballerin und angehende Ärztin.

Nicole Nars-Zimmer

Frau Matter, worüber unterhalten wir uns?

Madlaina Matter: Energie! Das passt so direkt nach dem Training (lacht).

Sie spielen seit Sie zwölf Jahre alt sind Volleyball bei Sm’Aesch Pfeffingen. Sind Sie auch jenseits des Sports ein Energiebündel?

Ja, nebst dem Volleyball studiere ich Medizin. Damit ich beides bewältigen kann, muss ich mit viel Energie in den Tag starten.

Mit einem Powerzmorge?

Definitiv! Ein Müsli mit Magerquark, vielen Früchten und Nüssen.

Abgesehen vom Zmorge; woraus ziehen Sie Kraft?

Aus dem Wechselspiel von Volleyball und Studium: Volleyball gibt mir Kraft für die Uni und umgekehrt. Wenn ich beispielsweise mal keine Energie für die Uni habe, weiss ich, dass ich in zwei Stunden in der Halle stehen werde. Das gibt mir Motivation.

Bleibt bei einer solchen Auslastung Rest-Energie für Anderes?

Also (zögert). Wenn ich mal mehr als 24 Stunden frei habe, gehe ich gerne in die Berge, weil ich dort gut abschalten kann. Mein Mami ist aus dem Engadin, deshalb haben wir Kinder alle Bündner Namen: Lucas, Gian Andri, Ladina und Madlaina. Ich bin die Jüngste. Das ist ein grosser Vorteil, weil die älteren Geschwister vieles sowohl vorgelebt, als auch vorgekämpft haben. Ich stehe ihnen sehr nahe.

Das klingt sehr harmonisch. Wohnen Sie noch zu Hause?

Ja, eine eher praktische Angelegenheit: Ich wohne direkt neben der Trainingshalle. Manchmal wünsche ich mir schon meine eigenen vier Wände, aber weshalb sollte ich ausziehen, nur «weil man das so macht» in meinem Alter? Eigentlich lebe ich schon jetzt in einer WG mit meiner Familie.

Geben Sie mir Ihr Kraftrezept nach einer durchfeierten Nacht? Gibt es das überhaupt?

Nein (lacht). Ehrlich gesagt gibt es das nicht.

Okay, schade. Dann habe ich Ihnen meines.

Ein Überraschungsei (lacht, packt aus und stösst dabei ihr Wasserglas um)!

Sind Sie schusselig?

Eigentlich nicht, aber wenn ich ein Überraschungsei bekomme... Es ist ein lachender Alien! Das passt zu mir, ich bin immer fröhlich. Eigentlich ist das mein Credo: Mit einer positiven Einstellung macht man grössere Fortschritte und ist offen für neue Situationen. Das versuche ich auch als Kapitänin dem Team zu vermitteln. Meiner Meinung nach bringt es nichts, stauche ich die Mädels zusammen, wenn es mal nicht so läuft.

Apropos: Ich stelle mir Ihr Team als grosse Mädelsclique vor.

Dem ist schon so, die Frauen im Team sind meine Freundinnen. Gestern Abend gingen wir zu viert abendessen und haben darüber diskutiert, wie privilegiert wir in unserem Beruf sind. Leute in anderen Jobs pflegen mit ihren Arbeitskollegen je nachdem keinen engen Kontakt, da sie nach der Arbeit ihr Privatleben führen. Das ist bei uns ganz anders. Wir sehen uns jeden Morgen und jeden Abend zum Training, wir durchleben so viele Emotionen zusammen. Eigentlich sind wir eine Ersatzfamilie...

...die auch mit negativen Energien zu kämpfen hat?

Klar gibt’s das auch. Letztes Jahr war der Zusammenhalt schwierig. Immer wieder habe ich versucht, jenseits des Sports etwas zu unternehmen, was aber kaum zu Stande kam. Das ist schon kräfteraubend: Man steckt viel in den Teamspirit und das Resultat ist dürftig. Dieses Jahr sind wir hingegen ein super Team, ohne angestrengt etwas dafür tun zu müssen.

Hatten Sie als Kind einen Superhelden?

Nein. Ich gehörte zu den kassettenhörenden Kindern. Das «Rössli Hü» habe ich gemocht! Aber das ist ja kein Superheld... Wahrscheinlich waren einfach meine Geschwister die heimlichen Superhelden, weil sie alle gut im Sport waren. Das hat mich schon geprägt, ich wollte so sein wie sie.

Mit Ihren 1,82 Metern haben Sie ja beinahe eine Superkraft. Welche zusätzlichen Kräfte wünschen Sie sich?

Im Volleyball wäre es die Supersprungkraft und im Studium das Bilderbuchgedächtnis, damit ich nie mehr etwas auswendig lernen müsste.

Die knappe Bekleidung im Damenvolleyball ist immer wieder Anlass für Sexismusdebatten. Wie stehen Sie dazu?

Tatsächlich werde ich immer mal wieder gefragt, ob es mich nicht stört, in solch kurzen Shorts zu spielen. Vielleicht ist es Gewohnheit, vielleicht Pragmatismus oder ein anderes Körpergefühl, das Sportler und Sportlerinnen haben. Man geniert sich kaum für seinen Körper. Als ich noch OL machte, war es normal, dass Frauen und Männer gemeinsam duschten. Mich persönlich hat das nie gestört. Aber wir hatten vor ein paar Jahren eine Spielerin im Team, die sich bei Kniebeugen immer ein Handtuch umband, wenn ein Trainer hinter ihr stand. Ich abstrahiere das: Die Aufgabe meiner Trainer ist es ja, meine Bewegungen zu korrigieren oder notfalls einzugreifen. Und wenn es Zuschauer gibt, die mir aufs Fudi gaffen wollen, dann sollen sie doch.

Sie stehen kurz vor dem Bachelorabschluss in Pharmazie, gleichzeitig studieren Sie Medizin. Was halten Sie von Alternativmedizin?

Krankheiten müssen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Manchmal kommt man mit Schulmedizin nicht zum erwünschten Ergebnis, dann braucht es Alternativen. Letztes Semester besuchte ich eine Vorlesung über chinesische Medizin. Ein Patient mit einer starken Schuppenflechte wurde vorgestellt, bei dem die herkömmliche Schulmedizin nicht anschlug. Nach einem Jahr Behandlung mittels chinesischer Medizin war die Schuppenflechte verschwunden. Meiner Meinung nach wäre es anmassend, der Alternativmedizin keine Beachtung zu schenken.

Wo werden wir Sie denn in Zukunft antreffen?

Ich frage mich, wie lange die Doppelbelastung noch gut geht. Vor allem weil bald medizinische Praktika auf mich zukommen. Da kann ich meinen Patienten schlecht sagen: «Kommen Sie später wieder, ich muss ins Training!» Da mein Traum eine Volleyballkarriere im Ausland ist, müsste ich das Studium dann zwar unterbrechen. Spitzensport lässt sich nun mal nur bis zu einem gewissen Alter machen. Arbeiten kann ich noch bis 65!