Landzunge und Stadtmund
Kindheitserinnerungen Jahrgang 1999

Was saure Zungen, Samtpullover und durchfeierte Nächte mit dem Rauchverbot in Gaststätten zu tun haben.

Eva Oberli
Drucken
Teilen

Bild: Urs Jaudas

Mein absoluter Lieblingsfilm als ich ein Kind war? Oder besser gesagt: Als ich mich mit elf Jahren in einer Selbstdiagnose als «zu erwachsen» für Prinzessin Lillifee und die wilden Hühner befand? Das war ganz eindeutig Vorstadtkrokodile 2. Und obwohl ich die ganzen 90 Minuten wohl fehlerfrei mitsprechen könnte, traue ich mich nicht, mir diesen Film nach Jahren wieder anzusehen.

Ein fremder Mensch im Internet beschrieb mein Dilemma in den treffenden Worten:

«Es ist so, wie eine ehemalige Mitschülerin zu treffen, in die man früher heimlich verliebt war: Man freut sich sehr, aber man hat Angst vor der Wahrheit.»

Denn es ist doch so: Bei vielen hochgepriesenen Relikten aus der Kindheit macht man später die Erfahrung, dass diese nicht wie guter Wein altern, sondern eher wie Buttermilch. Heissgeliebte Jahrmarktsüsswaren schmecken nicht mehr prickelnd, sondern nur noch künstlich nach Apfel und zu viel Konservierungsstoffen, der beim Rodeln früher als «Todesschanze» bezeichnete Hügel entpuppt sich als nur mittelmässig aufregende Schafskoppel. Und die meisten alten Kinderserien kann man sich kaum mehr anschauen, ohne sich ständig vor lauter Fremdscham die Hände vors Gesicht zu schlagen, weil die Dialoge und Handlungen derart grotesk daherkommen. Klassisch «schlecht gealtert» eben.

Das richtige und das falsche Vintage

Meine Generation erlebt in Sachen Musik, Mode und Popkultur gerade ein Revival der 80er- und frühen 90er-Jahre. Ich finde das auch cool, jetzt. Aus der Perspektive derjenigen, die sich zurückbesinnen.
Aber mir graut schon davor, wenn unsere Generation mal die ist, auf die man sich zurückbesinnt. Heute ziehen sich Jungspunde Schlaghosen, Samtpullis und bunte Windblocker-Jacken an, hören Spice Girls und Tupac und sagen, sie seien im falschen Jahrzehnt geboren.

Aber irgendwann wird es eine Zeit geben, in der die Jugendlichen sagen: «Ich hätte in den 2010ern geboren werden sollen!» Die tragen dann neonfarbene Skinny Jeans, Ugg Boots (die gefälschten, natürlich) und diese seltsamen schwarz-grellbunten Color-Block-Bikinis von 2015. Dann ist Bubble Tea ihr Center Shock und One Direction sind ihre Backstreet Boys. Um Himmels Willen.

Wenn Partys das neue Rauchverbot werden

Den aktuellen Umständen geschuldet kann ich nicht anders, als mir vorzustellen, dass in Zukunft vielleicht auch Partys zu diesen abstrakt wirkenden Erinnerungen gehören könnten. Vielleicht erzählen wir sowas mal unseren Kindern:

«Als wir jung waren, da war es völlig normal sich samstagabends mit 800 Fremden in eine Mehrzweckhalle zu zwängen. Wegen der wummernden Bässe konnte man sich nur schreiend unterhalten und fortbewegen sowieso nur, wenn all die anderen Körper, zu einer einzigen pulsierenden Masse verschmolzenen, gewillt waren, dieses Vorhaben zu unterstützen. Wir haben ganze Nächte lang zwischen vorsätzlich zerschlagenen Bierflaschen und Pfützen von Wodka und Fruchtsaft getanzt, sind einander schwitzend, mit Glitzer und verschmierter Schminke im Gesicht um den Hals gefallen, haben uns zwischen Charlotta und Angelina die Seele aus dem Leib gebrüllt und uns dabei jung, lebendig und frei gefühlt.»

Und unsere Kinder stecken in türkisen Skinny Jeans, schlürfen von ihren Bubble Teas und gucken uns genau so dumm an, wie wir unsere Eltern, wenn sie erzählen, dass es früher völlig normal war, in Gaststätten zu rauchen.

Aktuelle Nachrichten