Leitartikel

Komet Corona: Zur Virus-Pandemie in der Region Basel

Patrick Marcolli
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Das leere Basel – am Marktplatz ist kaum jemand anzutreffen.

Das leere Basel – am Marktplatz ist kaum jemand anzutreffen.

Roland Schmid

In einer Zeitung der Region ist, vor vielen Jahren, folgender Titel zu lesen gewesen: «Komet Halley über dem Laufental». Viel häufiger als der Himmelskörper in Sichtweite der Erde, taucht dieser Satz seither an Redaktionssitzungen auf. Als ironisch gemeintes Beispiel für den ohne Erkenntnisgewinn bleibenden Versuch, globale Phänomene auf lokales Niveau herunterzubrechen.

In diesen Tagen ist es die Corona-Pandemie, die uns lokalen Journalisten in diesem Sinn zu schaffen macht, uns zu denken gibt, uns herausfordert. Wie lässt sich über Corona mit Erkenntnisgewinn für die Region Basel berichten? Ein massstäbliches Herunterbrechen und Nacherzählen der globalen Phänomene würde sich rasch erschöpfen. Den Kometen Halley sah man eben nicht nur vom Laufental aus.

In diesem Zusammenhang habe ich mich an die Erzählungen meines lange verstorbenen Grossvaters zur Spanischen Grippe erinnert. Als Bub hat er hautnah mitbekommen, wie diese Pandemie zahlreiche Menschen in seinem Dorf im Leimental dahinraffte. Davor hatte er den Kanonendonner aus den Vogesenschlachten des Ersten Weltkriegs gehört und war bei Schweizer Grenzsoldaten um Essen betteln gegangen. Es folgten Lehre als Stuckateur, Weltwirtschaftskrise, Arbeiterdemonstrationen für anständige Löhne und der Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg. Danach die Zeit des äusseren Friedens, der sozialen Besserstellung und Absicherung und des allmählich grenzenlosen (West-)Europa.

Was wir heute in der Corona-Krise erleben, ist zweifellos ein historischer Umbruch, wie ihn mein Grossvater zeit seines Lebens mehrfach erfahren hat. Für die heute lebenden Generationen in Mittel- und Westeuropa – und vor allem in der Schweiz – sind Zäsuren und Umbrüche dieses Ausmasses zum Glück ungewohnt. Man hat den Fall der Berliner Mauer mitverfolgt und die Flugzeuge am 11. September 2001 in die Twin Towers fliegen sehen. Aber die meisten von uns sind am eigenen Leib verschont geblieben von heftigen historischen und damit gesellschaftlichen Brüchen. Umso wichtiger ist es, sich dies zu vergegenwärtigen: Umbrüche und Zäsuren stehen nicht einfach erratisch da in der Geschichte. Sie haben immer ein Davor und ein Danach.

Auch wenn der Umbruch global ist und in seinen Auswirkungen global sein wird: Er hat einen lebensweltlichen Kern, einen Ort des Alltags. Diesen aus möglichst vielen Perspektiven auszuleuchten und in einen Kontext des «Vorher», des «Jetzt» und schliesslich des «Danach» zu setzen, ist die Aufgabe von Lokaljournalisten. Das Corona-Virus trifft die Region Basel in einer Zeit der vollen wirtschaftlichen Blüte. Die Krise trifft mit voller Wucht auf eine Stadt, in der die Pharma und damit die Suche nach Heilung von Krankheiten beheimatet ist. Sie trifft auf eine Stadt mit einer langen kulturellen Tradition, in der schon die gesellschaftliche Erfahrung mit der Pest des Mittelalters im weltberühmten Totentanz umgesetzt wurde. Sie trifft auf eine Stadt, die immer internationaler geworden ist, immer mehr Möglichkeiten zum sozialen Vergnügen bietet, in der sich in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen verschiedenster Herkunft im öffentlichen Raum begegnen und dicht an dicht aufhalten. Und sie trifft auf ein Dreiland, das offener und grenzenloser ist denn je, wo seit kurzem grüne Basler Trams ins Elsass und nach Südbaden fahren.

Wir alle, auch wir Medienschaffende, sollten uns bewusst sein, was vor der Krise war, um einordnen zu können, wie sich diese Gesellschaft angesichts einer Pandemie verhält, die zwar schlimm ist, aber eindämmbar scheint. Wir müssen das Davor kennen, um zu sehen, was auf dem Spiel steht – und uns dann fragen, was kommen könnte, wie wir in Zukunft leben möchten und wie nicht. Möchten wir wieder Grenzen und Abschottung? Separation statt Integration? Vorschrift statt Freiheit? Es wäre fatal, wenn dies das Corona-Erbe wäre. Wir als Medienschaffende werden aber auch abbilden, was abseits des Virus geschieht. Vieles davon mag jetzt nicht so relevant oder gar vernachlässigbar erscheinen. Aber es ist wichtig, zu zeigen, dass es durchaus andere Themen und Ereignisse gibt. Diese werden, wenn sich die Lage an der Pandemie-Front beruhigt, wieder in den Vordergrund treten.

Irgendwann ist der Komet Corona nämlich verglüht und wir möchten uns wieder darüber aufregen, wenn ein Parkplatz abgebaut wird oder die Quartierbeiz die Lärmvorschriften ignoriert. Tun wir dies vor unserem neuen Erfahrungshintergrund und setzen alles in eine grössere Perspektive, gewinnen wir dieser Pandemie eine positive Seite ab.