Coronavirus

Hochbetrieb beim Amateurfunk: Die ungefilterte Kommunikation ist in der Krisenzeit gefragter denn je

In diesen turbulenten Tagen erlebt der Amateurfunk einen Aufschwung. Ein Thiersteiner Ehepaar mit Funk-Anlage zu Hause hat derzeit alle Hände voll zu tun.

Dimitri Hofer
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René Lutz und Carine Kalbermatten funken in ihrem Keller in Grindel mit Menschen aus der ganzen Welt.

René Lutz und Carine Kalbermatten funken in ihrem Keller in Grindel mit Menschen aus der ganzen Welt.

bz

Vielen Schweizer Funkamateuren ist das kleine Dorf Grindel ein Begriff. René Lutz führt in der abgelegenen 500-Einwohner-Gemeinde ein ungewöhnliches Geschäft. Gemeinsam mit seiner Frau Carine Kalbermatten betreibt er einen Laden, in dem sie Utensilien für Amateurfunk verkaufen. Im Wohnhaus haben sie eine riesige Funk-Anlage eingerichtet, über die sie mit Menschen aus der ganzen Welt kommunizieren.

Momentan sind die beiden stark beschäftigt. Ihre Produkte verschicken sie, da das Geschäft in Grindel geschlossen ist, an ihre Kunden. «Als lizenzierter Funkamateur merke ich, dass aktuell viel mehr Betrieb auf den Amateurfunkbändern herrscht als normalerweise», sagt René Lutz. Der Thiersteiner musste, wie alle, die Amateurfunk betreiben möchten, eine Prüfung ablegen. In der Schweiz ist dafür das Bundesamt für Kommunikation zuständig. In unserem Land gibt es rund 6000 Funkamateure, zu denen jedes Jahr etwa 300 neue hinzu kommen.

Man kriegt ungefilterte Informationen über Corona

Dass in dieser turbulenten Zeit mehr telefoniert wird und Videochats boomen, erstaunt nicht. Das Hoch, das der Amateurfunk in der Coronakrise erlebt, überrascht jedoch. Es stellt sich die Frage, weshalb es die im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte Technik in Zeiten von sozialen Medien noch braucht. «Amateurfunk ist eine direkte Kommunikation. Sie läuft über Funkwellen von einer Antenne zur anderen», erklärt René Lutz. Internet und Strom aus der Steckdose seien nicht nötig. Eine Überlastung des Systems könne es nicht geben.

Wie wichtig Amateurfunk sein könne, habe sich erst kürzlich bei den Buschfeuern in Australien gezeigt: Die verheerenden Feuersbrünste zerstörten grosse Teile der Telekommunikationsinfrastruktur. «Viele Handys funktionierten nicht mehr und über öffentliche Einrichtungen war die Kommunikation stark eingeschränkt», sagt Lutz. Australische Funkamateure hätten der Bevölkerung deshalb Notfunkeinrichtungen zur Verfügung gestellt.

In diesen Tagen kommunizieren René Lutz und Carine Kalbermatten mit Menschen, die rund um den Erdball daheim sind. «Es ist spannend, da wir die Informationen ungefiltert erhalten.» Man erfahre in den Gesprächen aus erster Hand, wie das Coronavirus das Leben auf der ganzen Welt einschränkt. Die Pandemie ist in den Unterhaltungen das vorherrschende Thema. «Einiges, was wir gehört haben, ging unter die Haut», erzählt René Lutz. Als Schweizer dürfte man sich glücklich schätzen, in einem Land mit hervorragendem Gesundheitssystem zu leben.

Im Homeoffice holen viele ihre Funkausrüstung hervor

Grösstenteils sprechen die Schwarzbuben aber auch momentan mit Funkamateuren aus der Schweiz. «Derzeit kommunizieren wir häufig in offenen Runden miteinander», sagt Lutz. In den vergangenen Wochen habe er mehrfach von Funkamateuren gehört, die im Homeoffice mehr Freizeit als zuvor haben. «Jemand sagte, dass er schon seit 30 Jahren nicht mehr gefunkt und kürzlich seine alte Leidenschaft wieder entdeckt habe.»

Bei René Lutz brennt das Feuer für den Amateurfunk seit drei Jahrzehnten. Wenn er sich seinen Gesprächspartnern vorstellt und ins Mikrofon spricht, nennt er immer zuerst sein Rufzeichen: HB9NBG. Dieses wurde ihm, wie jedem anderen Funkamateur in der Schweiz, zugeteilt. Derzeit sagt er es noch ein wenig häufiger als sonst.