Würth AG
Für Kultur macht man in Arlesheim mehr als eine Schraube locker

Diese Woche nimmt die bz die Gemeinde Arlesheim unter die Lupe. Profitieren Sie neben den täglich erscheinenden Artikeln auch von exklusiven Aktionen! Heute: Die Würth AG handelt nicht nur mit Schrauben – sie stellt auch moderne Kunstwerke aus.

Daniel Haller
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Die Würth-Schrauben können in keinem Baumarkt gekauft werden. Sie werden per Direktvertrieb an den Mann gebracht.
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Im Hochregallager in Arlesheim lagern über 100 000 Produkte der Montage- und Befestigungstechnik.
Würth AG in Arlesheim, Schraubenhandel und Kunstsammlung
Werke aus der Sammlung von Reinhold Würth werden im Forum Würth Arlesheim (Dornwydenweg 11) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Zurzeit im Forum zu sehen: «Das Herz der Revolution» von Hundertwasser.

Die Würth-Schrauben können in keinem Baumarkt gekauft werden. Sie werden per Direktvertrieb an den Mann gebracht.

Nicole Nars-Zimmer

Wer 1954 als 19-Jähriger Hals über Kopf die Schraubenhandlung des völlig unerwartet verstorbenen Vaters übernehmen musste, diese zum Weltmarktführer ausgebaut hat und dafür neben mehreren Ehrendoktor- auch einen Ehrenprofessortitel erhielt, dem darf man wohl eine Tellwäscherkarriere attestieren. Für seine ersten Touren als Schrauben-Verkäufer soll Reinhold Würth in schwäbischer Sparsamkeit jeweils ein Picknick eingepackt haben. Heute kann er sich eine umfangreiche Kunstsammlung leisten und macht diese zum Markenzeichen und Imageträger seines Handelsimperiums für Befestigungstechnik.

Die Würth-Gruppe mit Stammsitz im baden-württembergischen Künzelsau umfasst heute über 67 000 Mitarbeitende in über 400 Gesellschaften, darunter die Würth AG in Arlesheim, die älteste und grösste Schweizer Würth-Tochter. Sie wurde 1962 gegründet – nach den Niederlanden als die zweite Auslandsniederlassung. Als die Würth AG 2001 eine neue Lagerhalle in Arlesheim bauen wollte, bewilligte der Patron diese nur unter der Bedingung, dass ein Kunstmuseum integriert wird, das Forum Würth Arlesheim (siehe Text unten). Dieses wurde im Februar 2003 eröffnet.

Modell: Direktvermarktung

«Würth gibts nur bei Würth», betont Pressesprecher Thomas Schwager. In Hobbymärkten sucht man die Marke vergebens. Beliefert werden Profis, und zwar direkt. Diesem Geschäftsmodell ist die Würth-Gruppe seit ihrem Beginn treu geblieben. In der Schweiz beschäftigt Würth 420 Aussendienst-Mitarbeiter, welche die Handwerker und Baugeschäfte besuchen und den persönlichen Kontakt pflegen. Zwar betreibt Würth auch eigene Schrauben-Werke und in Hinwil/ZH werden Kunststoffdübel produziert. Doch im Kern bleibt Würth ein Handelsunternehmen, das beispielsweise Bohrmaschinen und Akkuschrauber einkauft und sie dann unter der eigenen Marke vertreibt. Das grosse Chemielager in Arlesheim zeigt zudem, dass man längst nicht mehr nur Schrauben verkauft, sondern auch alles andere, was im Holz- und Metallbau, im Autogewerbe oder beim Gebäudeunterhalt für Montage- und Befestigung verarbeitet wird.

Was die Kunden aus dem rund 100 000 Artikel umfassenden Sortiment bestellen, sollen sie innerhalb von 24 Stunden bekommen. «98 von 100 bestellten Artikel sind sofort ab Lager lieferbar», erklärt Schwager. Dieses ist mit einer langen Rollbahn ausgestattet, auf der – vergleichbar mit einer Modelleisenbahnanlage – Bestellkisten zirkulieren. Jede ist so programmiert, dass sie an jenen Stellen, wo die bestellten Artikel lagern, ausgeschleust wird. Arbeiterinnen und Arbeiter holen dann die Ware aus den Lagerplätzen, wiegen Metallteile ab, schicken die Kisten auf der Bahn weiter, bis die Bestellung komplett zusammengestellt ist.

«Das ist nicht der neueste Stand», bemerkt Schwager. In den nächsten zwei Jahren soll alles erneuert und stärker automatisiert werden. Jobs – in Arlesheim sind 160 Personen im Lager und in der Administration beschäftigt – sollen dadurch keine verloren gehen. «Die Arbeitsplätze sollen ergonomischer werden. Eine Untersuchung hat ergeben, dass heute die Mitarbeitenden im Lager täglich 18 bis 20 Kilometer zurücklegen.» Zudem soll die Modernisierung das zukünftige Wachstum auffangen.

Shops und Baustellencontainer

Neben der Direktbelieferung der Kunden, die nach wie vor drei Viertel des Umsatzes ausmacht, hat Würth weitere Vertriebskanäle installiert: «Unser direktester Konkurrent ist der Eisenwarenladen im Dorf», meint Schwager. «Fehlt auf der Baustelle etwas, so muss das schnell her, damit man weitermachen kann. Also geht man in den nächsten Laden.» Deshalb hat auch Würth eigene Handwerkershops eröffnet. Hinzu kommt ein Webshop. Auf Grossbaustellen richtet Würth zudem Lagercontainer ein, aus denen registrierte Handwerker sich direkt vor Ort versorgen können. «In Deutschland ist Würth der Spitzenreiter im Befestigungsgeschäft. Es gibt sehr viele Player.» Insgesamt sei der Markt durchs Internet und die entsprechend grössere Preistransparenz härter geworden.

Schweiz: Gebremstes Wachstum

In der Schweiz setzte die Würth-Gruppe – dazu zählen neben der Würth AG in Arlesheim auch Produktionsbetriebe sowie Firmen in der Finanz-, Logistik- oder Elektronikbranche – 2014 881 Millionen Euro um. Der weltweite Umsatz lag bei 10,13 Millionen Euro.

Die Zahlen für das erste Halbjahr 2015 weisen gegenüber dem Vorjahr weltweit ein Wachstum von 8,7 Prozent aus. Das Wachstum der Schweizer Würth-Firmen lag hingegen nur bei 0,6 Prozent.

Integriertes Kunstmuseum

Bunt, verspielt und jeder geraden Linie abhold: Was da an Werken des österreicheischen Malers, Druckgrafikers und Architekten Friedensreich Hundertwasser im Forum Würth Arlesheim hängt, hat kaum Berührungspunkte mit der täglichen Praxis auf dem Bau, wofür die Würth AG die Handwerker beliefert. Im Gegenteil: Hundertwasser kritisierte den rechten Winkel, das rationale Bauen und propagierte, dass jeder Bewohner die Fassade rings um sein Fenster – soweit sein Arm reicht – so bunt anmalen darf, wie es ihm gerade gefällt. Was hat ein derartiger Querkopf in einer Firma zu suchen, die sich in einem hart umkämpften Markt bewegt?

«Bereits 1991 liess Firmenchef Reinhold Würth ein Museum in das Verwaltungsgebäude der deutschen Konzernzentrale in Künzelsau integrieren», berichtet Pressesprecher Thomas Schwager.

Wer von einem Büro ins andere will, durchquere immer das Museum und werde auf seinem Weg mit Kunst konfrontiert – oder davon inspiriert. Dies wirke sowohl nach aussen, indem Menschen das Verwaltungsgebäude besuchen, die sonst keinen Bezug zum Unternehmen haben, als auch nach innen: «Kunst erfüllt die Mitarbeitenden mit Stolz. Sie erfahren in ihrem Bekanntenkreis Anerkennung, in einer solchen Firma zu arbeiten, Kunst steigert ihr Sozialprestige. Das beeinflusst die Firmenkultur positiv.»

Auf die Frage, was die Kunst dem Unternehmen bringe, antworte Reinhold Würth: «Ich weiss es nicht, aber es hat ihm sicher nicht geschadet.»

Vor allem moderne Kunst

Das Modell des integrierten Museums wurde mittlerweile an 15 Würth-Standorten übernommen, davon drei in der Schweiz: Chur, Rorschach und Arlesheim. Die gezeigten Bilder stammen alle aus der rund 17 000 Objekte umfassenden Sammlung von Reinhold Würth. Sie umfasse vor allem zeitgenössische, moderne Kunst, berichtet Schwager. Doch befasst er sich auch mit Alten Meistern: «Schraubenmilliardär Würth kauft teuerste Madonna», titelte «Die Welt»: Um die 50 Millionen Euro soll der Unternehmer für die «Schutzmantelmadonna» von Hans Holbein bezahlt haben, ein Bild, das 1525 der Basler Jakob Meyer zum Hasen in Auftrag gegeben hat. Das Bild hängt in der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall, die Würth gehört. Ab August 2016 soll es als Leihgabe in einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich zu sehen sein.

Für das Forum Würth in Arlesheim kommt ein so teures Werk dagegen kaum infrage: Die Kosten für den Transport der Bilder, das Wachpersonal, die Kunsthistorikerinnen für die sonntäglichen Führungen oder die Kunstpädagoginnen für die Kinderworkshops muss jeder Würth-Standort nämlich selbst finanzieren. Die Höhe des Budgets, das die Arlesheimer Tochter für dieses Kultursponsoring ausgibt, wird nicht publiziert.

Wochenübersicht Arlesheim Leseraktionen

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