Katastrophenübung

Explosive Mischung: Muttenz simuliert Chemieunfall

In Muttenz übten die Baselbieter Blaulicht-Organisationen den Katastrophenfall. Die Übung «Rotaia» zeigt: Wenn es auf der Schiene knallt, geht es rasch, bis Hilfe da ist. Kommen aber noch ein Fanzug und ein lecker Kesselwagen hinzu, wird die Sache kompliziert.

Benjamin Wieland
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 Wenn gar nichts mehr hilft, helfen immer noch Lappen: Mitarbeiter der ABC-Wehr, gehüllt in eine Art Imker-Anzug, verstopfen die Lecks im Zisternenwagen mit Holzpflöcken und Stoff.
 Tenor: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
 Kein Selfie heute: Eine Gafferin wird weggebracht.
 Dieser Figurant hat was abgekriegt.
 Eine Wasserwand isoliert den Stoff, so gut es geht.

Zur Verfügung gestellt

Ganze zwei Jahre lang haben die Planer am Szenario herumgedoktert. Möglichst realistisch sollte die Havarie daherkommen, und dabei wurde an alles gedacht – an wirklich alles. Keine halbe Stunde alt war die Katastrophen-Übung gestern Vormittag in Muttenz, da tauchte eine Handvoll Journalisten am Schadenplatz auf, wie aus dem nichts. Keine echten Journalisten, sondern Schauspieler, mit dem Auftrag, sich forsch aufs Gelände zu begeben, möglichst nah heran an die entgleisten Güterwagen, möglichst nah heran an die Verletzten und an die brüllenden Feuerwehrleute. Die Gegenspielerin der Reporter, die Polizei, war aber auch parat.

«Rotaia»

80 Figuranten und ein Regierungsrat

Alles, was im Kanton Baselland im Notfall aufgeboten werden kann, war gestern auf dem Muttenzer Rangierbahnhof anzutreffen. Dreizehn Organisationen waren bei der Einsatzübung «Rotaia» involviert, darunter die ABC-Wehr Baselland, der Lösch- und Rettungszug Basel der SBB und die Baselbieter Polizei. Insgesamt 350 Feuerwehrleute, Sanitäter, Polizisten und Zivilschützer kamen zum Einsatz, ebenso rund
80 Statisten. Die meisten von ihnen sassen im blockierten Fanzug. Das Übungsszenario für «Rotaia» hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Krisenstab (KKS) und der SBB ausgearbeitet.

Auf der Beobachterterrasse befanden sich auch der Baselbieter Sicherheitsdirektor Isaac Reber und die höchste Baselbieterin, Landratspräsidentin Elisabeth Augstburger.
Rebers Fazit zu «Rotaia»: «Einsatzübungen zeigen unter einigermassen realistischen Umständen Schwachstellen, die wir ohne Druck beheben können. Nur so ist unser Krisenstab gewappnet, wenn es dann ernst gilt. Wir hoffen allerdings, dass es nie so weit kommt.»

Und so wurden die Journalisten gestoppt, bevor sie auf dem Güterbahnhof überhaupt einen der zuckenden Feuerwehrschläuche überschreiten konnten. Alles sehr realistisch. Nur beim Tonfall stimmte noch etwas nicht so ganz. «Gehen sie zurück auf die Brücke», wies ein Polizist die Reporter freundlich an. Dann folgte sogar noch ein «Bitte».

Der Kanton Baselland ist zu Übungen verpflichtet, wie gestern eine in Muttenz stattfand. Alle zwei bis drei Jahre soll überprüft werden, ob Feuerwehr, Polizei, Sanität und Zivilschutz im Stande wären, ein gröberes Unglück zu bewältigen: Kommen alle rechtzeitig? Trampeln sie sich auf den Füssen herum? Funktionieren die Gasmasken? Hat wieder jemand sein Fahrzeug so abgestellt, dass die anderen nicht mehr vorbei kommen? Ging ein Schwerverletzter vergessen?

Die Ausgangslage der heutigen Übung mit dem Namen «Rotaia» (italienisch für Gleis) hätte sich für einen Hollywood-Blockbuster anerboten: Mehrere Wagen eines Güterzuges entgleisen auf dem Rangierbahnhof Muttenz. Sie haben eine Flüssigkeit geladen – welche es ist, das weiss man nicht, aber an den Wagenseiten prangen grelle Metallplaketten. Das lässt nicht auf Sirup schliessen.

Auf dem Nebengleis steht ein anderer Güterzug, auch er mit potenziell explosiver Fracht: Zisternenwagen, mit Benzin gefüllt. Und als wäre das noch nicht genug des Unheils, steht hinter den entgleisten Waggons gleich noch ein Sonderzug, zum Bersten voll mit Fussballfans.

Die wollen eigentlich an ein Auswärtsspiel ihres Lieblingsvereins, doch jetzt ist der Fanzug blockiert, und mancher Passagier nutzt den Zwischenstopp, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Einige kommen dabei mit der auslaufenden Flüssigkeit in Berührung, von der immer noch niemand genau weiss, ob sie gefährlich ist.

Bis auf die Unterhosen

Doch Hilfe naht. Um 10 Uhr springen die Zisternenwagen aus den Geleisen – so will es das Übungslogbuch – schon wenige Minuten später steht ein Einsatzleiter der SBB-Feuerwehr vor dem Fanzug und fuchtelt mit den Händen. Um 10:22 fährt die Muttenzer Ortsfeuerwehr ein, dann geht es schlag auf Schlag. Immer mehr Behelmte tauchen auf, der Fanzug wird evakuiert. Die Kontaminierten müssen sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und kommen unter die Dusche.

Löcher mit Lappen gestopft

Dann steht jene Person auf dem Schadenplatz, auf die alle gewartet haben. Es ist der «Chemiefachberater», so stehts auf seinem Personenwagen geschrieben. Er weiss, um welche Substanz es sich handelt, die da noch immer aus dem Zisternenwagen gurgelt. Auf der Gefahrentafel stehen die Ziffern «80/1736» – Benzylchlorid! Eine farblose Chemikalie. Ein Abnehmer ist die Parfümindustrie. In der Form, wie die Substanz gemäss Übungsprotokoll austritt, sollte man sie sich aber eher nicht auf die Haut spritzen, denn das gäbe Verätzungen.

Längst hat die Feuerwehr eine Wasserwand aufgebaut, «um die Chemikalie herunterzudrücken», wie es ein Feuerwehrmann ausdrückt. Jetzt treten die Mitarbeiter der ABC-Wehr in Aktion. In ihren Anzügen sehen sie aus wie rot gekleidete Imker. Mit Holz und Lappen verstopfen sie die Lecks am Waggon.

Eineinhalb Stunden nach dem «Unfall» kommt so etwas wie Routinestimmung auf unter den rund 350 Einsatzkräften: Gefahr gebannt, Verletzte versorgt.

Für die Journalisten gibt es nichts mehr zu berichten – sie zotteln von dannen. Die falschen, aber auch die echten.