Landzunge und Stadtmund
Die Unhöflichkeit im Kapuzenpulli

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.

Eva Oberli
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Gespräche mit entfernten Bekannten im Zug? Oft eher mühsam, findet Eva Oberli. (Symbolbild)

Gespräche mit entfernten Bekannten im Zug? Oft eher mühsam, findet Eva Oberli. (Symbolbild)

Keystone

Aus der Reihe von Dingen, die ich gerne misse: Gespräche mit entfernten Bekannten im Zug.
Wie oft bin ich schon mit aufgezogener Kapuze, Kopfhörern und vorgehaltener Zeitschrift über den Bahnhof Liestal geeilt, wie ein die eigene Prominenz überschätzender C-Promi über den Flughafen von Palma? Wie oft habe ich schon eine zwanzigminütige Bahnfahrt lang auf Französisch in mein totes Handy gesprochen, ein «petit brin de causette» mit einer Freundin vortäuschend? Und wieso? Um zu verhindern, dass mich jemand erkennt und in ein reales Gespräch verwickelt. Scheint übertrieben, ist unverzichtbar.

Denn der durchschnittliche Zugfahrende überschätzt einfach den Wert der eigenen Präsenz gegenüber dem Gegenüber. Nur weil man mir unbedingt erzählen möchte, wie toll die Nichte Rad fährt, welchen neuen Staubsauger man sich holen möchte und wie schlecht man seit Neuestem fettreiche Wurstwaren verträgt, heisst das nicht, dass ich das auch hören will. Abgesehen davon, dass man von mir nicht mal Antworten erwartet, geschweige denn ein richtiges Gespräch führen möchte. Nein, bloss nicht. Lieber nur ein beeindrucktes Heben der Augenbrauen beim Stichwort «stützräderfrei» und ein zustimmendes Nicken bei «kein Beutel und geräuschlos».

Dann nämlich habe ich bereits Aufmerksamkeit geschenkt, womit die eigenen Bedürfnisse meines mitteilungsbedürftigen aber diskussionsfaulen Gegenübers befriedigt sind und mein Part dieses Schwätzchens erfüllt ist. Anders gesagt: Man könnte das Ganze auch direkt sein und mich in Ruhe Musik hören und aus dem Fenster starren lassen. Denn es ist so viel besser, sich bei 130 BPM Songtexte darüber anzuhören, wie anstrengend und ermüdend die Gesellschaft ist, anstatt sich ebendieser Gesellschaft zu widmen. Doch diese selbstgewählte Unterhaltung sei wirklich unerhört, sagt man. Das mache man nicht. Das sei unhöflich. Nein, ist es nicht. Sich ungefragt neben mich zu setzten, in mein Handy zu gucken und mich über meine Whatsapp-Chats auszufragen, weil ich nicht sinnlos Small Talk mit Dir halten will, DAS ist unhöflich.

Klar, könnte man sich auf einer Bahnfahrt nett unterhalten. Eine richtige Unterhaltung bedingt jedoch, sich auch anzuhören, was ich denke. Beispielsweise, dass es wirklich nicht beeindruckend ist, dass eine Achtjährige bereits stützräderfrei Fahrrad fährt. Oder dass man sich anstelle eines geräuschlosen, platzsparenden Staubsaugers ohne Beutel auch einfach einen Besen kaufen könnte. Oder dass man echt nicht der ärmste Mensch der Welt ist, nur weil man fortan auf Charcuterie verzichten muss. Aber will man das dann wirklich hören? Oder verstecken wir uns lieber weiterhin im Kapuzenpulli hinter Bildschirmen und erlerntem Anstand?