Schaulager
Die Emanuel-Hoffmann-Stiftung macht Ferien in Münchenstein

Während der Renovation des Kunstmuseums im kommenden Jahr verschwinden die Werke der bedeutenden Sammlung nicht im Lager, sie werden ausgestellt – auch im Schaulager.

Simon Baur
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Blick auf Werke von Hans Arp und Max Ernst. Beide Künstler sind sowohl in der Sammlung des Museums wie auch in der Emanuel-Hoffmann-Stiftung vertreten.

Blick auf Werke von Hans Arp und Max Ernst. Beide Künstler sind sowohl in der Sammlung des Museums wie auch in der Emanuel-Hoffmann-Stiftung vertreten.

Nicole Nars-Zimmer niz

Wir erinnern uns. Im «Satellite» während der Art Basel vor zwei Jahren auf dem Messeplatz präsentierte sich das Schaulager unter den Begriffen «Sammeln, Bewahren, Erforschen». Was gesammelt wird, fliesst vorwiegend in die Emanuel-Hoffmann-Stiftung, die Maja Sacher-Stehlin 1932 im Andenken an ihren verstorbenen Ehemann gegründet hatte. Das Schaulager in Münchenstein kümmert sich um das Bewahren und Erforschen, was mit dem programmatischen Namen des Hauses erklärt wird. Seit über achtzig Jahren sammelt die Emanuel Hoffmann-Stiftung Kunst. Brueghel, Archimboldo und Füssli sucht man dort vergeblich – die Stifterin hat den Zweck ihrer Gründung auf die Gegenwartskunst fokussiert.

Der Zukunft verpflichtet

In den beiden ersten Paragrafen der Stiftungsurkunde von 1933 steht denn auch prägnant und deutlich: «Aus dem Stiftungsertrag sind Werke von Künstlern zu kaufen, die sich neuer, in die Zukunft weisender, von der jeweiligen Gegenwart noch nicht allgemein verstandener Ausdrucksmittel bedienen und zwar ohne Rücksicht auf Nationalität und materielle Lage der Künstler, einzig nach dem Massstab der künstlerischen Qualität innerhalb dieser neuen Ausdrucksmittel. ( . . . ) Die Ankäufe der Stiftung sollen durch dauernde Ausstellung öffentlich sichtbar gemacht werden, um das Verständnis für die jeweils neuesten künstlerischen Ausdrucksmittel in breiteren Schichten zu wecken und zu vertiefen.»

Acht Jahre nach der Gründung wurde eine Vereinbarung mit der Öffentlichen Kunstsammlung getroffen, in der festgehalten ist, dass die Ankäufe dem Kunstmuseum als Depositum übergeben werden und dass sich das Museum verpflichtet, die Depositen gleich zu behandeln wie seinen eigenen Besitz. Diese Vereinbarung ist bis heute praktisch unverändert in Kraft.

Die Emanuel-Hoffmann-Stiftung ist eine Stiftung in Reinform: mit einem eng gefassten Stiftungszweck, der das Stiftungsgut vor Verkäufen schützt. Maja Oeri, Stiftungspräsidentin und Gründerin des Schaulagers, ist denn auch nicht an den Vermögenswerten, sondern an der Authentizität des autonomen Kunstwerks interessiert. Zahlreiche Spitzenwerke dieser Sammlung, Werke von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Hans Arp, Max Ernst, Salvador Dalí, Joan Miró, Yves Tanguy, Robert Delaunay, Bruce Nauman, Richard Serra und ganz vielen anderen, sind seit Jahren in den unterschiedlichsten Präsentationen des Kunstmuseums integriert. Momentan sind es rund 40 Werke.

Bereits vor fünf Jahren waren in der Ausstellung «Holbein bis Tillmans» Bestände aus der Öffentlichen Kunstsammlung im Schaulager zu Gast. Im kommenden Jahr wird dies wieder der Fall sein; doch es sind ausschliesslich Werke, die bereits im Schaulager Gastrecht geniessen, dort aufbewahrt und gepflegt werden, wenn sie nicht öffentlich gezeigt werden. Auch viel Neues wird ausgestellt. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde die Sammlung stark erweitert, vieles davon war bisher nie zu sehen. Hinzu kommen Werke, die schon lange nicht mehr gezeigt wurden – etwa Arbeiten von Miriam Cahn, Julian Schnabel, Gary Hill und Jane & Louise Wilson, doch auch die Sammlungsgeschichte soll in die Ausstellungskonzeption einfliessen.

Neue Sicht, neue Kunst

Worin liegt der Reiz einer solchen Ausstellung? Kunstwerke haben ein Eigenleben und können nur optimal zur Geltung kommen, wenn sie in unterschiedlichen Kontexten gezeigt werden. Andere Räume lassen Kunst zu «neuer» Kunst werden. Wer bedenkt, dass in der Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung rund 180 Künstler vertreten sind – und dies teils mit grossen Installationen und umfangreichen Werkgruppen –, macht sich vielleicht eine ungefähre Vorstellung, welchen Blockbuster das Schaulager rechtzeitig zur nächsten Art Basel vorbereitet.

Dann wird man vielleicht zum ersten Mal überhaupt sehen, welche Qualität diese Sammlung hat, ob sie als eigenständige Sammlung funktioniert und welchen Stellenwert sie für die öffentliche Kunstsammlung auch in Zukunft hat.

Dass die Einbindung in das Basler Museum eine einmalige Angelegenheit ist und jeder Vergleich mit anderen Sammlungen im Museum unfair wäre, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Ankaufsstrategien miteinander diskutiert werden. Maja Oeris Einsitz in der Kunstkommission hat sich nicht nur für den Erweiterungsbau, das Verwaltungsgebäude des Museums und den jüngsten Ankauf eines der Bilder «Verkündigung nach Tizian» von Gerhard Richter als Glücksfall erwiesen. Sie erläutert im Gespräch, Pierre Huyghe würde konzeptionell optimal in die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung passen, man habe aber darauf verzichtet, weil Bernhard Mendes Bürgi eine grössere Werkgruppe für das Museum erworben habe.

Exzellente Kooperationen

Und aus den 1960er-Jahren existiert ein Beschluss der Stiftung, auf den Erwerb von Zeichnungen weitgehend zu verzichten, da dies der damalige Leiter des Kupferstichkabinetts, Dieter Koepplin, bereits exzellent tat.

Solche Kooperationen sind nicht nur ein Glück für das Museum, sondern auch für die Kulturstadt Basel. Denn dieses Engagement ist weltweit einmalig.

Um diese Sammeltätigkeit auch zu dokumentieren, erscheint zur kommenden Ausstellung im Schaulager ein ausführlicher Sammlungskatalog, der zwar noch in Arbeit, jedoch bereits auf 500 Seiten angewachsen ist. Heidi Naef, Kuratorin der Ausstellung, erklärt, dass Biografien der Künstler, Werkbeschreibungen und Farbabbildungen den Wälzer nicht nur zu einem Leseerlebnis machen, sondern er sich auch für wissenschaftliches Arbeiten eignet. Wer hier an eine Bibel denkt, liegt nicht daneben. Ohne pathetisch zu werden: diese Ausstellung wird eine Offenbarung und das Schaulager setzt damit erneut ein weithin sichtbares Zeichen. Ein solches Engagement zeugt von Selbstvertrauen und einem substanziellen Interesse für Kunst und ihre Kreation.

Eine Energie ist spürbar, die der Kunst gut tut – und die auch Basel gut tut.

Die Ausstellung «Die Sammlung der Emanuel-Hoffmann-Stiftung» beginnt am 13. Juni 2015 und dauert bis zum 31. Januar 2016.
Zudem erscheint der Sammlungskatalog, der ausführlich die Sammlungsgeschichte und die einzelnen Werke dokumentiert.

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