Baselland

Der SP-Bauer mit den Positionen abseits des Mainstream

Hannes Schweizer ist als Präsident der Baselbieter Bau- und Planungskommission zur Hypothek geworden. Ist er für seine Anliegen in der falschen Partei?

Leif Simonsen und Hans-M. Jermann
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Hannes Schweizer ist pensioniert, verrichtet aber immer noch am liebsten Handarbeit. Gerne auch auf seinem früheren Bauernhof in Titterten.

Hannes Schweizer ist pensioniert, verrichtet aber immer noch am liebsten Handarbeit. Gerne auch auf seinem früheren Bauernhof in Titterten.

Nicole Nars-Zimmer niz

Am Donnerstag musste Hannes Schweizer erkennen, dass ein neuer Wind weht bei den Baselbieter Genossen. Drei Jahrzehnte hatte der gmögige Bauer Politik aus dem Bauch heraus gemacht. Er sagte immer, was er dachte – und stand dazu. Am Rand der Landratssitzung lasen dem 64-Jährigen nun aber der nicht einmal halb so alte Parteipräsident Adil Koller und Fraktionspräsidentin Miriam Locher die Leviten.

Fortan solle er sich in der Öffentlichkeit erst äussern, wenn er mit der Parteileitung Rücksprache genommen habe, gibt Schweizer zu Protokoll. Tatsächlich hat Schweizer die SP mit seiner Bauchpolitik in die Bredouille gebracht: Der Präsident der landrätlichen Bau- und Planungskommission gab in der «Basellandschaftlichen Zeitung» zu, dass er den Vorschlag unterstützt habe, in der Agglomeration beim öV zu sparen, um so das Angebot auf schlecht frequentierten Buslinien im Oberbaselbiet zu erhalten.

Schweizer wurde daraufhin ebenfalls in der bz von seinem Parteipräsidenten zusammengestutzt. Koller zeigte sich «schockiert». Er gehe davon aus, dass sich die Fraktionspräsidentin Gedanken darüber mache, ob die Kommissionssitze richtig verteilt seien. Die Kritik an Schweizer kommt nicht von ungefähr: Er führt die BPK umsichtig, gilt aber als chaotisch. Die BPK-Berichte stiessen im Parlament bereits auf Kritik.

Ein Tag nach dem Frontalangriff funktioniert die Kommunikationsmaschinerie der SP indes wieder geölt. Der Zwischenfall wird runtergespielt. «Wir haben uns ausgesprochen», sagt Schweizer. «Wäre die Landratssitzung nicht angestanden, wären wir zusammen ein Bier trinken gegangen.»

«In der falschen Partei»

Allerdings: Es ist eine Scheinidylle. Der Landwirt aus dem Oberbaselbiet ist ein Fremdkörper in der Akademikerpartei. Immer wieder vertritt der Oberdörfer Positionen abseits vom Mainstream: 2010 etwa votierte er als einer von wenigen im rot-grünen Lager gegen die Initiative zur Totalsanierung der Baselbieter Chemiemülldeponien. Eine Mehrheit des Stimmvolks hatte er letztlich auf seiner Seite.

Als Schweizer mit 22 Jahren der SP beitrat, war er nur einer von vielen Büezern. Im Gegensatz zu den heutigen Parteikollegen wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf einem Bauernhof in Titterten auf. Die Ungerechtigkeit trieb ihn in die Politik. Seine Eltern konnten sich keine Ferien leisten, Hannes bekam kein Taschengeld.

«Das hat mein Leben und die politische Einstellung geprägt», sagt er. Heute werden die Meinungen seiner Partei nicht von Arbeitern gemacht, sondern von pfeilschnellen Denkern wie Adil Koller und Jan Kirchmayr. Schweizer will aber nicht von einer Entfremdung zwischen der Parteispitze und der Klientel sprechen: «Man muss ja auch nicht arbeitslos sein, um sich für die Rechte der Arbeitslosen einzusetzen», sagt Schweizer. Schweizers Schwager, der langjährige SVP-Nationalrat Christian Miesch, ist der Meinung, dass der Bruder seiner Ehefrau «seit Jahr und Tag» in der falschen Partei sitze.

«Wir haben das Thema Politik immer gemieden», sagt Miesch. Doch beobachtet er, wie die Differenz zwischen Schweizer und dessen Partei immer grösser geworden sei. Die Kreise, die ihn damals in die SP gelockt hätten, gäbe es heute nicht mehr. «Man kann doch nicht mehr von einer Arbeiterpartei sprechen.»

Ist der Höhepunkt in Gefahr?

In diesem Punkt gibt ihm der Gelterkinder SP-Landrat Martin Rüegg recht, der mit Schweizer in der Bau- und Planungskommission sitzt. «Die SP hat sich gewandelt. Doch hat dies mit dem Wandel der Gesellschaft zu tun – heute sind rund 75 Prozent der Menschen im Dienstleistungssektor tätig. Das widerspiegelt sich auch in der Partei.» Mit Schweizer wird voraussichtlich der letzte SP-Bauer 2019 aus dem Landrat ausscheiden.

Bis zu seinem Karrierehöhepunkt wird er aufs Maul sitzen müssen, wenn seine Meinung von der Parteilinie abweicht. «Nicht nur hat sich die Gesellschaft gewandelt, sondern auch die Medien», sagt Rüegg. Meinungsverschiedenheiten, wie es sie jüngst in der SP gab, seien bis vor wenigen Jahren gar nicht erst aufgegriffen worden.

«Es wäre den Journalisten nicht in den Sinn gekommen, die einzelnen Kommissionsmitglieder anzurufen und sie nach ihrem Abstimmungsverhalten zu befragen», sagt Rüegg. Er selbst nahm diese Woche das Recht in Anspruch, sein Abstimmungsverhalten in der Kommissionsberatung zum öV-Programm geheim zu halten.

Gleiches wird künftig auch Hannes Schweizer tun. Sonst werden dem allseits beliebten Bauern nach 30 Jahren Politik ausgerechnet die Genossen im Weg stehen, wenn er mit dem Landratspräsidium den «Abschluss und Höhepunkt meiner politischen Karriere» feiern darf.