Wandern

Corona verhinderte Fernwanderung nach Marseille: Stattdessen gings 50 Mal auf den Blattenpass

Der achtzigjährige Oberwiler Jürgen Wiegand wanderte fünfzig Mal auf den Blattenpass: «Auch beim fünfzigsten Mal war es noch ein Erlebnis»

Tobias Gfeller
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Eigentlich ist Jürgen Wiegand bevorzugt Fernwanderer.

Eigentlich ist Jürgen Wiegand bevorzugt Fernwanderer.

zVg

Herr Wiegand, Corona verhinderte Ihre Wanderung nach Marseille. Wie kamen sie auf den Blattenpass als Ersatz?

Jürgen Wiegand: Ich bin ein Bewegungsmensch und ein leidenschaftlicher Wanderer. Ich wollte mein Hobby trotz Coronakrise aufrechterhalten und suchte deshalb nach einer Alternative. Ich wollte aber abseits der Siedlungsgebiete und auf möglichst breiten Wegen wandern, damit ich anderen Leuten mit genügend Abstand ausweichen kann. Wir wohnen am Rande von Oberwil. Da bot sich der Blattenpass geradezu an.

Der Blattenpass hat einen tollen Picknickplatz und eine speziell grosse Sitzbank, doch ansonsten ist er nicht sonderlich spektakulär.

Da täuschen Sie sich. Geht man vom Pass aus rund 300 Meter in Richtung Pfeffingen, hat man plötzlich eine wunderbare Fernsicht bis ins Rheintal. Dazu bietet der Blattenpass aus historischer Sicht interessante Geschichten. Der Pass war schon für die Römer wichtig. Im Mittelalter war er ein bedeutender Übergang für den Handel. Deshalb die vielen Burgen ringsum.

50 Mal die gleiche Wanderung. Wurde Ihnen das nicht irgendwann langweilig?

Das Gute am Blattenpass ist, dass es viele Wege gibt, dorthin zu kommen. Da ist zum Beispiel die Route via Aescher Klus, die mit ihren Burgen historisch gesehen am bedeutendsten ist. Man kann auch oberhalb von Ettingen zum Pass wandern. Dennoch fragte ich mich zu Beginn ehrlich gesagt auch, ob mir das nicht langweilig werden könnte. Doch schon bald begann ich zu bewundern, was man alles entdecken kann. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es neben der Ruine Pfeffingen in der Klus noch vier weitere Burgen gibt. Dazu begeisterte mich jedes Mal aufs Neue die Entwicklung der Natur.

Die wandelnden Farben je nach Jahreszeit, Wetter und Stimmung. Dann entdeckte ich das Pflanzen-wachstum. Ich konnte auf meinen Wanderungen miterleben, wie die Kürbisse unglaublich schnell wuchsen, sich die Rapsfelder färbten, die Obstbäume entwickelten und wie sich die Trockenheit auswirkte. Ich hatte auch beim x-ten Mal ein Auge für die Umgebung und stets auch meinen Fotoapparat dabei. Auch beim 50. Mal war es noch ein Erlebnis.

Gibt es einen Abschnitt, der Ihnen jedes Mal besonders gefallen hat?

Die Farbsymphonien zwischen den Achsen Therwil-Reinach und Ettingen-Aesch machten mich jedes Mal euphorisch. Auf der Höhe Rebgarten oder auf dem Mattengoben waren die Farben mal pastell und mal kräftig. Erst blühten die Bäume weiss, dann leuchtete das Rot der Kirschen.

Wanderten Sie bei jedem Wetter und stets alleine?

Ich wanderte bei Sonne, Hitze, Kälte, Regen und Gewitter. Wenn es regnete, zeigte sich die Natur ganz anders als bei Sonne. Meistens ging ich alleine. Ab und zu begleiteten mich Freunde oder meine Frau.

Von Oberwil bis zum Blattenpass und zurück sind es rund 20 Kilometer. Sie müssen fit sein?

Ich bin körperlich noch gut in Schuss und spürte auch, dass ich von Wanderung zu Wanderung immer fitter wurde.

Sie sind ein begeisterter Fernwanderer und schrieben über Ihre Erlebnisse schon unzählige Bücher. Was macht das Fernwandern aus?

Es sind die Unterschiede, die sich auf einer Fernwanderung zeigen, die mich begeistern und interessieren. Ob landschaftlich oder kulturell. Für mich ist das Schreiben danach so etwas wie das Nacherzählen der Erlebnisse. Manchmal erlebt man etwas beim Schreiben noch stärker oder spürt, dass man etwas zu wenig genau mitbekommen hat. Daher wanderte ich für das letzte Buch von 2018 «Gotthardweg» (Basel – Mailand) die meisten Strecken drei Male.

Wann geht es denn jetzt tatsächlich nach Marseille?

Die Pläne für Route und Übernachtungsmöglichkeiten habe ich alle noch. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr ab Ende März klappen wird.