Spital
Bethesda lenkte erst ein, als Beleg- Hebammen zu kündigen drohten

Nach zähem Ringen um einen neuen Vertrag bleiben die Beleg-Hebammen des Bethesda-Spitals selbstständig

Michael Nittnaus
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Hätte ein Grossteil der neun Beleg-Hebammen des Bethesda gekündigt, hätte das Spital kaum sein in der Region einzigartiges Angebot aufrechthalten können.

Hätte ein Grossteil der neun Beleg-Hebammen des Bethesda gekündigt, hätte das Spital kaum sein in der Region einzigartiges Angebot aufrechthalten können.

Juri Junkov

Was für eine Zangengeburt. Diese Woche legte das Basler Bethesda-Spital seinen Beleg-Hebammen endlich einen neuen Einheitsvertrag vor, mit dem diese sich einverstanden erklärten. Dies nach monatelangen Verhandlungen mit den neun frei praktizierenden Hebammen, die auf Wunsch der von ihnen betreuten schwangeren Frauen auch die Geburt im Bethesda begleiten. Im März hatte Spitaldirektor Thomas Rudin zur «Basellandschaftlichen Zeitung» noch gesagt, dass der neue Vertrag «praktisch fertig auf meinem Tisch liegt», der die bisher zwei verschiedenen Verträge für Beleg-Hebammen vom Bethesda und von der ehemaligen Frauenklinik Bruderholz des Kantonsspitals Baselland (KSBL) ablöst. Was war also geschehen?

«Der Knackpunkt war die Festanstellung», sagt Lucia Mikeler gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Die SP-Landrätin aus Bottmingen, die selbst schon seit 2007 als Beleg-Hebamme am Bethesda arbeitet und dort als eine der aktivsten jährlich rund 120 Geburten betreut, kämpfte als Wortführerin dafür, dass sie und ihre Kolleginnen weiterhin zu 100 Prozent selbstständig erwerbstätig bleiben können. Das Bethesda beharrte lange darauf, die Frauen mit einer mindestens zehnprozentigen Festanstellung ins Dienstsystem des Spitals einzubinden. Für Mikeler ein absolutes No-Go: «Es ist ja gerade das Wesentliche unserer Tätigkeit als Beleg-Hebamme, dass wir die Frauen während der ganzen Geburt begleiten. Wir gehen mit ihnen einen Vertrag ein. Werden wir aber in fixe Schichten im Spital eingeteilt, kann es zu Konflikten kommen, sollte sich just dann eine unserer Frauen zur Geburt anmelden, wenn wir eine andere Geburt betreuen.»

Beleg-Hebammen machten Druck

Doch Mikeler und die meisten ihrer Kolleginnen blieben hart, sicherten sich auch die Unterstützung der Beleg-Ärzte des Bethesda – und drohten Rudin offen mit der Kündigung. Mit Erfolg: Im neuen Vertrag, der der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, steht gleich als Erstes: «Die Beleg-Hebamme ist als selbstständig erwerbstätige Hebamme tätig.» Die Kündigungsdrohung war allerdings ein heikles Pokerspiel: In der Region Basel gibt es kein weiteres Spital, das wie das Bethesda Beleg-Hebammen und Beleg-Ärzte zusammen beschäftigt. Das Universitätsspital etwa arbeitet ausschliesslich mit fest angestellten Hebammen, und am Standort Liestal des Kantonsspitals Baselland gibt es zwar Beleg-Hebammen, die eigene Frauenärztin können Gebärende aber nicht mitbringen. «Wir hätten mit den von uns betreuten Frauen ein völlig neues Angebot und Umfeld suchen und einrichten müssen», sagt Mikeler. Sonst hätten sie sich auf die Wochenbett-Betreuung beschränken müssen. Daher sei sie nun sehr erleichtert.

Was sie natürlich auch wusste, war, dass Rudin selbst unter Druck war: Beleg-Hebammen gibt es in der Region nicht wie Sand am Meer und das Bethesda-Spital möchte unbedingt an diesem Angebot festhalten, das es von vielen anderen Spitälern unterscheidet. Das bestätigt auch Rudin selbst auf Anfrage: «Ich sagte bei den Gesprächen von Anfang an: ‹Ja, wir wollen das Beleg-Hebammen-System.›» Er wehrt sich dagegen, dass das Spital gar nicht anders konnte, als auf die wichtigsten Forderungen der Beleg-Hebammen einzugehen. «Letztlich war es eine Risiko-Abwägung, was es hiesse, wenn einige Beleg-Hebammen den neuen Vertrag nicht mehr unterschreiben.»

700 Franken pauschal pro Geburt

Doch was hat sich im neuen Vertrag der Beleg-Hebammen nun geändert? Erstmals ist die ambulante Geburt als Möglichkeit aufgeführt, dies mit einer Pauschalentschädigung von 700 Franken. Gleich viel erhalten sie bei einer stationären Geburt einer allgemeinversicherten Frau. 750 gibt es für Halbprivat- und 900 Franken für Privatpatientinnen. Damit hat sich das Bethesda beim Einheitsvertrag für ihr eigenes Lohnmodell und gegen jenes des KSBL entschieden. Dieses umfasste bloss eine Pauschale von 500 Franken, dafür aber Zusatzentschädigungen für lange Geburten.

Mit dem Honorar kann Mikeler leben. Berücksichtigt man, dass gleichzeitig der Basisfallwert (Baserate) des Tarifsystems DRG, an den die Pauschale gekoppelt ist, im Vergleich zum alten Vertrag von knapp 9000 auf rund 8600 Franken sank, ist es sogar eine kleine Lohnerhöhung. Zudem gibt es keine Abzüge mehr, wenn Mütter wegen Komplikationen ins Unispital verlegt werden müssen, etwa in die dortige Neonatologie. Die Kündigungsfrist wurde auf Wunsch der Beleg-Hebammen von drei auf sechs Monate verlängert. Allerdings müssen sie dafür «aus qualitativen Gründen» mindestens 15 Geburten pro Jahr am Bethesda begleiten.

Dienste müssen sie übernehmen

Trotz diesem Entgegenkommen findet Rudin nicht, dass er von den Beleg-Hebammen über den Tisch gezogen wurde: «Ich begreife, dass sie gewisse Freiheiten brauchen – schliesslich sind sie ja selbstständig.» Gleichzeitig dürften sich die fest angestellten Hebammen des Spitals nicht benachteiligt fühlen. Deshalb sei es sehr wichtig, dass sich die Beleg-Hebammen verpflichtet hätten, auch reguläre Dienste in der Geburtsklinik zu leisten und falls nötig auch kurzfristig einzuspringen. Dafür werden sie mit pauschal 60 Franken pro Stunde entschädigt. Sozialleistungen und Zulagen werden keine zusätzlichen ausbezahlt, sondern müssen selber abgerechnet werden. Auch das Risiko bei Krankheit und Unfall tragen die Beleg-Hebammen selber. Dazu hält Rudin trocken fest: «Das ist wiederum die Kehrseite der Selbstständigkeit.»

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