Schillingsrain

Auslaufmodell: Nach 109 Jahren endet das Liestaler «Erziehungsheim»

Das Zentrum Schillingsrain in Liestal, in dem derzeit 14 verhaltensauffällige Knaben leben, ist in Auflösung. Ende Jahr wird der Heimbetrieb ausgelagert, das Schulhaus steht zum Verkauf und in ein paar Jahren soll auch das Wohnheim umgenutzt werden.

Andreas Hirsbrunner
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Diese Parzelle steht noch bis heute zum Verkauf. Das Schulhaus darauf dürfte danach abgerissen werden.

Diese Parzelle steht noch bis heute zum Verkauf. Das Schulhaus darauf dürfte danach abgerissen werden.

Kenneth Nars

Die angesehene Sozialinstitution Schillingsrain in Liestal ist auf Talfahrt. Für die Öffentlichkeit wurde das im September erstmals sichtbar. Bruno Imsand, Präsident der Kettiger-Stiftung, die den Schillingsrain trägt, kündete an, dass die Stiftung Erlenhof in Reinach das Heimangebot des Schillingsrains per 2019 übernehme (bz berichtete).

Aufmerksame Zeitungsleser stiessen im September dann noch auf ein zweites Indiz für die Talfahrt: Die Kettiger-Stiftung hat eine 3680 Quadratmeter grosse Parzelle im Liestaler Röserenquartier zum Verkauf «an den Meistbietenden» ausgeschrieben. Heute endet die Angebotsfrist. Was nicht im Inserat stand, aber den Verkaufsunterlagen zu entnehmen ist: Auf dieser Parzelle befindet sich das Schulhaus des Schillingsrains. Dieses kaufte die Kettiger-Stiftung vor zehn Jahren von der Organisation Insieme, die zuvor darin im Baurecht die Heilpädagogische Schule betrieben hatte.

Vorwurf der «Misswirtschaft»

Am Handel war auch der damalige Insieme-Stiftungsrat Hans Lippuner beteiligt. Er sagt: «Ich setzte mich dafür ein, dass die Kettiger-Stiftung das Schulhaus für einen moderaten Preis erhielt. Es tut mir wahnsinnig weh, wenige Jahre später mitansehen zu müssen, dass dieses völlig intakte Gebäude nun wahrscheinlich abgerissen wird.» Noch Ende 2008, als die Kettiger-Stiftung das Schulhaus nach einer Sanierung unter anderem mit Bundessubventionen einweihte, sprach sie von «einem weiteren Meilenstein in der Geschichte des Schillingsrains».

Für Anwohner Ruedi Schweizer, ein Ur-Liestaler, ist die Entwicklung in den letzten Jahren nicht nachvollziehbar: «Innerhalb von zehn Jahren ist die einst wohlhabende, gut geführte Organisation an die Wand gefahren worden.» Schweizer spricht von «Misswirtschaft» und verweist auf die Geschichtsschreibung der Stiftung, in der unter dem Jahr 2002 steht: «Der Schillingsrain ist schuldenfrei und sein Platzangebot weiterhin sehr gefragt.»

Der Vorwurf fällt in erster Linie auf Imsand, der die Kettiger-Stiftung seit 2009 präsidiert. Er sagt dazu: «Das ist ein mutiger Vorwurf. Wir werden als Stiftung vom Kanton und vom Bund beaufsichtigt und von dort war noch nie etwas Vergleichbares zu hören.» Als Grund für die Veränderungen im Schillingsrain macht Imsand vor allem den Wandel in der Schullandschaft verantwortlich. Die integrative Schulung habe dazu geführt, dass es immer weniger Heimeinweisungen gebe. Sie verfolge das Ziel, möglichst viele Jugendliche in den Regelklassen zu halten. Weiter nennt Imsand Schulsozialarbeiter, die einen guten Job machten, die von vier auf drei Jahre verkürzte Sekundarstufe und geänderte pädagogische Konzepte.

Einbruch bei den Einnahmen

Für den Schillingsrain hatte das fast schon dramatische Auswirkungen: Laut Imsand lebten bis Ende 2017 28 Jugendliche im Heim; in der ersten Hälfte dieses Jahres waren es 21, jetzt noch 14. Alles übrigens Knaben im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, die als verhaltensauffällig und normal begabt gelten. Mit dem Rückgang der Zuweisungen sanken die Einnahmen und der Platzbedarf; deswegen erfolge nun der Verkauf der Schulhausparzelle und die Auslagerung der Angebote an die Erlenhof-Stiftung, sagt Imsand.

In den letzten Jahren sei etwa die Hälfte der Jugendlichen aus dem Kanton Baselland, der Rest von andern Kantonen im Schillingsrain untergebracht worden, sagt Stefan Hütten von der Baselbieter Bildungsdirektion. Er bestätigt die von Imsand genannten Gründe für den Rückgang der Zahl der Bewohner und ergänzt: «Heute prüfen die Fachkräfte vor einer Fremdunterbringung konsequent, ob eine Pflegefamilie oder ein Heim dafür die richtige Form ist.» Imsand geht davon aus, dass es den Schillingsrain in drei bis fünf Jahren nicht mehr braucht. Man denke deshalb derzeit mit dem Kanton und der Stadt Liestal darüber nach, wofür man die Gebäude nutzen könnte.