Archäologen befreien Geist aus Liestaler Dachstock

In einem Haus in der Kanonengasse hat ein Team der Archäologie Baselland am Donnerstagvormittag ein „Geistergefängnis", eine so genannte Verpflöckung, geöffnet. Die Wissenschaftler stiessen auf einen speziellen Fund.

Benjamin Wieland
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Sabine Buchmann von Archäologie Baselland lockert ein Stoffbündel …
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… das in einem Bohrloch in einem Balken im Dachstock steckt.
… Langsam zieht Buchmann das Stoffbündel aus dem Loch.
Geister
Die Objekte werden in den nächsten Tagen genauer untersucht.
Verpflöckungen wie diejenige im Stedtli kommen in der Region eher selten vor.
Die Bewohner des Hauses wollten im Bohrlich wahrscheinlich Geister, Dämonen oder Hexen einschliessen... ...um sich damit vor Flüchen, Krankheiten und dunklen Mächten zu schützen.

Sabine Buchmann von Archäologie Baselland lockert ein Stoffbündel …

Benjamin Wieland

Die Spannung ist gross, als Konservatorin Sabine Bugmann langsam und vorsichtig einen zweifingerbreiten Pflock aus dem Bohrloch zieht. Ein dunkles Stoffbündel kommt zum Vorschein. Als Bugmann mit einer Pinzette das leere Loch inspiziert, findet sie eine Spinne - und viel Staub. Bugmann wickelt den Stoff auf. Unter vier vorsichtig gefalteten Tüchern kommt ein Stück Holz zum Vorschein.

Archäologe Andreas Fischer hat auch gleich eine Erklärung für die Funde parat. Früher seien oft Spinnen eingeschlossen worden, weil diese verdächtigt wurden, Krankheiten zu verbreiten. „In diesem Fall ist aber nicht ganz klar, ob die Spinne im Rahmen der Verpflöckung eingesperrt wurde oder ob sie selber ins Loch krabbelte und dort verendete." Das tote Tier wird, wie alle anderen Fundstücke, in den kommenden Tagen näher untersucht. Die anwesenden Fachleute bezifferten das Alter der Tücher in einer ersten Schätzung auf rund hundertfünfzig Jahre.

Seltenheit in der Region

Laut Fischer kommen Verpflöckungen wie diese in der Kanonengasse 39/41 in der Region eher selten vor. „In katholischen Gebieten waren solche heidnischen Rituale wie dieses viel stärker verbreitet." Das Loch wurde bei Umbauarbeiten im Rahmen des Manor-Neubaus entdeckt. Es befindet sich im Dachstock des dreigeschossigen Hauses, in dem früher Kleingewerbe betrieben wurde. Es wurde im Jahr 1513 erbaut.

Die Wohl berühmteste Verpflöckung wird in der „Schwarzen Spinne" von Jeremias Gotthelf beschrieben. Dort ergreift eine todesmutige Mutter eine Spinne, welche die Pest verbreitet, und schliesst diese mit einem Zafpen in ein Bohrloch ein. Zwar stirbt die Frau, doch die Seuche ist gebannt.

Eine Verpflöckung zu öffnen, wie das in Liestal der Fall war, hätte zu früheren Zeiten grosses Unverständnis hervorgerufen. „Die Menschen wollten die Krankheiten, böse Geister, Hexen und Dämonen einschliessen, und zwar für immer."

Falls in den nächsten Tagen jemand erkranke, habe es aber eher nicht mit der Öffnung zu tun, ergänzte Fischer mit einem Schmunzeln. „Das waren dann mit grosser Wahrscheinlichkeit schlicht Grippeviren."