Basler Strafgericht

Zuhälter muss wegen Vergewaltigung sechseinhalb Jahre hinter Gitter

Ein 38-Jähriger muss wegen schweren Misshandlungen an zwei Frauen sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Vorwürfe einer weiteren Prostituierten durfte das Gericht nicht berücksichtigen.

Patrick Rudin
Drucken
Teilen
(Symbolbild)

(Symbolbild)

AZ

«Sie haben ein ausgesprochen frauenverachtendes Verhalten zum Ausdruck gebracht», sagte Gerichtspräsident Roland Strauss gestern Freitag zum Angeklagten. Der 38-jährige Zuhälter aus Mazedonien muss für sechs Jahre und sechs Monate ins Gefängnis: Die fünf Richter verurteilten ihn wegen mehrfacher Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Freiheitsberaubung, Förderung der Prostitution und anderer Delikte.

Der Mann hatte sämtliche Taten bestritten, das Gericht wertete seine Aussagen allerdings durchweg als unglaubwürdig. Im März 2015 kam er in Untersuchungshaft, nachdem er eine ungarische Prostituierte mehrfach schwer misshandelt hatte. Kaum war er drei Wochen später wieder draussen, lernte er eine 21-jährige, psychisch angeschlagene Frau kennen und zwang sie in einer Wohnung im Klingental zum Anschaffen. Das Geld behielt er. Die Richter stuften die Aussagen der beiden Opfer als glaubwürdig ein. Die 21-Jährige sagte auch vor Gericht gegen ihren ehemaligen Peiniger aus, die Ungarin hingegen erschien nicht.

Das Gericht griff deshalb auf ihre früheren Aussagen bei der Staatsanwaltschaft zurück: In sogenannten Konfrontationseinvernahmen musste die Frau zwar nicht direkt dem Beschuldigten begegnen, doch dessen Verteidiger durfte jeweils Fragen stellen. Das Recht wurde massiv benutzt: Nach mehrstündigen Sitzungen liess der Verteidiger damals 63 Nachfragen zu den Details der Übergriffe stellen. «Es entsteht der Eindruck, die Verteidigung habe versucht, die Frau zu zermürben», meinte Strauss dazu.

Staatsanwalt Stephan Kindler hatte für den 38-Jährigen eine Freiheitsstrafe von acht Jahren gefordert. Die Differenz liegt hauptsächlich an Freisprüchen in einem anderen wichtigen Punkt der Anklage: Die Vorwürfe einer weiteren aus Ungarn stammenden 24-jährigen Prostituierten durfte das Gericht nicht berücksichtigen, weil die Basler Staatsanwaltschaft keine Konfrontationseinvernahme durchgeführt hatte. Der Gerichtspräsident rügte die Staatsanwaltschaft, weil sie bereits drei Wochen vorher von der geplanten Ausreise der Frau wusste und nicht schnell genug reagierte.

Die vom Angeklagten geschwängerte Frau lebt heute vermutlich in Ungarn, auch ihre Anwältin hat keinen Kontakt mehr zu ihr. Die Frau wollte zuerst gar keine Aussagen machen und verteidigte den Angeklagten teilweise. So sagte sie bei der Staatsanwaltschaft zu Beginn etwa aus, es sei keine eigentliche Vergewaltigung gewesen: Sie verstehe den Begriff so, dass jemand an Händen und Füssen festgehalten werde.

Opfer misstrauten Polizei

Der Fall zeigt, wie schwierig die Bestrafung von Gewalt im Rotlichtmilieu ist: Alle Opfer hatten Angst, die Ungarinnen misstrauten der Polizei, eine der Frauen war illegal in der Schweiz. Der Streit um die Verwertbarkeit der Aussagen ist komplex, der Fall wird wohl an das Appellationsgericht weitergezogen.

Rechtskräftig ist jedoch die Wegweisung des 38-jährigen Mazedoniers: Das damals zuständige Baselbieter Kantonsgericht hat seine Niederlassungsbewilligung bereits kassiert, nach dem Strafvollzug wird er ausgeschafft. Seine in der Schweiz lebende Ehefrau hat ihn schon früher nach Übergriffen verlassen, die Alimente für die beiden Töchter bezahlt die Sozialhilfe.