Musikgeschichte

Wie Christoph Alispach und der Rock ins Radio kamen

Der ehemalige Radiomoderator blickt zurück auf 33 Jahre Rockmusik bei Radio SRF 3. Er spricht über den steinigen Weg, den die Musikrichtung dabei zu gehen hatte, und wagt auch einen Blick in die Zukunft der Radiolandschaft.

Rolf De Marchi
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33 Jahre lang hat sich Christoph Alispach als Moderator bei Radio DRS 3 – heute SRF 3 – für die Rockmusik eingesetzt.

33 Jahre lang hat sich Christoph Alispach als Moderator bei Radio DRS 3 – heute SRF 3 – für die Rockmusik eingesetzt.

Kenneth Nars

Am 1. November 1983 ging um Mitternacht erstmals Radio DRS 3 on air. Der Basler Christoph Alispach war dabei: als Moderator und als Rockmusikexperte. Und Alispach ist geblieben. Hat massgeblich an der Programmgestaltung von Radio DRS 3 – heute SRF 3 – mitgewirkt, hat alle Höhen und Tiefen des Moderatorendaseins erlebt, hat alle Umwälzungen am Radio mitgemacht. Im Mai 2016 ist er in Pension gegangen. Wir blicken mit ihm zurück auf 33 Jahre Rockmusik beim – so der frühere Slogan – «amtlich bewilligten Störsender».

Christoph Alispach, die Rockmusik war zeitlebens Ihre grosse Leidenschaft. Wie kam das?

Christoph Alispach: Ich gehöre zur Beatles-Generation, bin in die 1960er-Jahre hineingewachsen – eine musikalisch unheimlich kreative Zeit. Ich fing nicht zuletzt wegen dem Drummer der Beatles Ringo Star an, Schlagzeug zu spielen. Bald stand ich mit meiner ersten eigenen Band auf der Bühne.

1967 wurde am Schweizer Radio nicht eine Minute Musik für die Jungen gesendet. Fühlten Sie sich da als 16-jähriger begeisterter Rock-Fan nicht benachteiligt?

Nicht wirklich. Damals gab es im Ausland ein paar gute Radiostationen, die informative Pop-/Rock-Sendungen machten. Dazu kam der «Beatclub», eine monatliche Sendung am Deutschen Fernsehen mit Live-Musik. Dann gab’s noch die englische Rock-Zeitschrift «Melody Maker». Nein, ich fühlte mich nicht uninformiert zu dieser Zeit.

1968 startete das Schweizer Radio mit der wöchentlich gesendeten Hitparade. Verbesserte dies die Situation?

Das war nicht sehr befriedigend. Es standen nur 30 Minuten zur Verfügung, zehn Songs wurden gesendet. Das ging natürlich nur, wenn man die meisten Stücke nach zwei, drei Minuten ausgeblendet hat.

Und in den 1970er-Jahren?

Nicht viel besser. Damals standen der Rockmusik ab 1976 im Sendegefäss «Sounds» gerade mal 45 Minuten täglich zu Verfügung. Die Musik der Jugend wurde damals vom Schweizer Radio nicht genügend wahrgenommen.

Wie stiessen Sie zu Radio DRS?

In den 1970er-Jahren war ich als freier Journalist mit Schwergewicht Sport und Musik bei der Tageszeitung Basler Nachrichten tätig. Ende der 70er-Jahre veranstaltete Radio DRS dann eine Talksendung, für die ein Spezialist für Rockmusik benötigt wurde. Da kamen sie auf mich und so wie’s aussieht, habe ich keinen schlechten Job gemacht. Jedenfalls holten sie mich dann immer öfter als Aushilfe oder Ferienvertreter, bis ich schliesslich eine Festanstellung bekam.

1979 war ein wichtiges Jahr für
DRS 3. Weshalb?

In diesem Jahr richtete Roger Schawinski auf dem italienischen Pizzo Groppera nahe der Schweizer Grenze das Radio 24 ein. Der Sender brachte den ganzen Tag Rockmusik und konnte bis in den Raum Zürich empfangen werden. Nach italienischem Recht war Radio 24 legal, aus Sicht der Schweizer Behörden aber war das ein Piratensender. Der Versuch, den Sender zu stoppen, scheiterte allerdings am mangelnden Entgegenkommen der Italiener.

Wie kam damals Radio 24 bei euch im Radio DRS an?

Naheliegend, dass die Direktion von Radio DRS über Schawinskis cleverer Coup nicht begeistert war. Wir Radiomacher an der Basis allerdings fanden es toll, dass endlich einmal jemand die Initiative ergriff. Radio DRS und die Politik gerieten dadurch immer mehr unter Druck, was schliesslich 1983 zur Freigabe des Schweizer Äthers für Privatradios und zur Einrichtung von DRS 3 führte.

Die Basler waren bei DRS 3 immer dominant vertreten. Woran lag das?

Die abendliche Sendung «Sounds», die wochentags Songs und News aus allen Sparten der Rockmusik präsentierte, wurde 1976 von Christoph Schwegler in Basel erfunden. François Mürner, auch ein Basler, machte damals die Moderation. Dazu kamen als Redakteure Martin Schäfer, Urs Musfeld und ich.

Mit der Zeit bildete sich ein Kern von gestandenen Mitarbeitern heraus, die DRS 3 über Jahrzehnte die Treue hielten. Gab’s da nie die Versuchung, ins Privatradio oder zum Fernsehen abzuwandern?

Ja schon, aber Schweizer Radio SRF ist ein guter Arbeitgeber: Der Lohn ist in Ordnung, die Sozialleistungen auch und der Arbeitsplatz ist sicher, sofern man einen guten Job macht. Andererseits hatten wir relativ viel Freiheit bei der Ausgestaltung der Sendungen. Die Privatsender mit ihrer Werbung sind da viel strikteren Einschränkungen ausgesetzt.

Aber lässt sich diese Entwicklung nicht auch bei SRF 3 (ehemals
DRS 3) beobachten?

Ja, leider, zumindest tagsüber. Dieses ständige Starren auf die Einschaltquoten finde ich bedauerlich. Es könnte ja jemandem bei der Hausarbeit beim Abspielen eines anspruchsvolleren Songs das Bügeleisen auf die Füsse fallen.

Sie waren auch bei der Gründung des Basler Rockfördervereins RFV dabei.

Francis Etique, vormals Sänger bei der Basler Rockband Trashcats, trat 1994 an mich heran, ob ich bei der Gründung eines Rockfördervereins für die Region Basel mitmachen würde. Ich hatte sofort zugesagt. Vor allem mit meinen vielen Verbindungen in die restliche Schweiz vermochte ich dem Verein zu helfen. Ich war auch dabei, als 1997 das erste «BScene» Clubfestival organisiert wurde, in dem in verschiedenen Musikclubs der Stadt junge Basler Bands auftreten konnten.

Und wie lebt es sich als Pensionär?

Wunderbar! Jetzt habe ich mehr Zeit, selber Musik zu machen. Auch komme ich jetzt endlich dazu, alle die Bücher zu lesen, die sich in den vergangenen Jahren angestapelt haben. Ich geniesse das.