Festival
Was lehrt uns ein Jugendkulturfestival über die Jugend?

«Basel, was geeeht?!» Am Wochenende fand in Basel das Jugendkulturfestival statt. Kulturredaktorin Naomi Gregoris kam zum Schluss: Jugend ist ein Zustand, kein Zeitpunkt.

Naomi Gregoris
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Der Barfüsserplatz stand am Freitag ganz im Zeichen des Hip-Hops
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Jugendkulturfestival 2017 in Basel
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Fantasy Dance Crew im Theaterfoyer.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Fantasy Dance Crew im Theaterfoyer.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Fantasy Dance Crew im Theaterfoyer.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Asbest live auf dem Theaterplatz.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Asbest live auf dem Theaterplatz.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Sons of Morpheus.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Mangalesung im Birdseye.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Ein bisschen Sonne auf dem Theaterplatz.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Die Fans.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Sons of Morpheus.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Das Boot ist dchon da.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Alles Disco in Blond.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Headbanging.
Jugendkulturfestival 2017 Jugendkulturfestival Basel. Bikepark auf dem Münsterplatz.
Neben Musik bot das JKF auch jede Menge Sport ...
... Literatur und weitere Angebote.
Punk never dies: Die Bitch Queens

Der Barfüsserplatz stand am Freitag ganz im Zeichen des Hip-Hops

Eleni Kougionis

Noemi Steuerwald steht in einem schwarzgoldenen Wu-Tang-Shirt auf der Bühne im Literaturhaus und bringt es auf den Punkt. «Meine Fassade ist wie diese Stadt: so viele Umbauarbeiten.» Sie schaut auf die rund 60 Köpfe vor ihr, alle starren andächtig zurück, ein Junge in der zweiten Reihe fasst sich an die glühenden Wangen. Sie hat die richtigen Worte gefunden für diesen unsäglichen Zeitpunkt im Leben, wo alles unfassbar ist, für dieses unsägliche Wort, das uns aus dem Jugendkulturfestival (JKF) entgegen strahlt, wie die grellweissen Sneakers jedes zweiten Teenies hier: JUGEND.

Eine Auseinandersetzung mit dem Jugendkulturfestival verlangt nach einer Auseinandersetzung mit der Jugend – und die führt man am besten mitten drin, in der «Jugend». Also: Während Steuerwald im Literaturhaus das Jungsein in Worte fasst, wird es auf dem Theaterplatz lieber in Töggeli-Power umgewandelt. Es steht Basel gegen Zürich, etwas jünger gegen etwas älter. Die Tischplatte ist hellblau erleuchtet, wie ein frisierter BMW. Die beiden Basler Jungs liegen vorne. «Wie im ächte Lääbe!», ruft der Kommentator und ölt seine Schlumpfstimme mit einem Zug Helium aus dem rosa Ballon, welche überall verteilt werden.

Am Bierstand schwärmen derweil die Alteingesessenen von den Ursprungszeiten. Sie haben gerade den Jubiläumsfilm auf dem Münsterplatz gesehen und sind hingerissen. Damals sei das noch viel improvisierter gewesen! Nostalgisch klingt das, aber nicht verbittert. Ganz im Gegenteil: Man freut sich, dass das Baby überlebt hat.

Lederjacken und Dosenbier

«Basel, was geeeht?!» Der Begrüssungsschrei funktioniert noch immer. Die Alteingesessenen schlendern zur Bühne. Hier steht der Rapper Corpus Delicti, er trägt eine Maske aus jenem Tüechli, das man als Kind bei Wanderungen immer um den Hals gebunden bekam. «Nickituch» klärt uns eine Dame in beiger Lederjacke auf. Ihre Enkel trügen das auch hin und wieder. Corpus Delicti ruft: «Kein Sinn für die Ironie, tötet die Bourgeoisie!» Die Dame lacht laut auf und zündet sich eine Zigarette an.

Auf dem Barfi hat währenddessen irgendein Hallodri zwanzig Meter JKF-Bändeli aneinandergebunden und macht Massen-Lasso. Niemand wehrt sich. Auch nicht die Turbojugend, die sich vor der Bühne mit Dosenbier warmtrinkt und auf jene Band wartet, die laut Eigenaussage weder Jugend noch Kultur ist, aber zum Festival gehört wie das Astra zu den Turbos: Die Bitch Queens.

Man steht ein bisschen rum und starrt und fühlt sich konformistisch. Im Basler Brei von Preppies, Hipstern und Normalos muten diese Kids in ihren bestickten Kutten noch wie eine richtige Subkultur an. Genug geglotzt. Es ist 2017, die Bitch Queens haben schwindende Haaransätze, und das vorherrschende Motto lautet nicht mehr «out of control», sondern «into whatever».

Büüsis in Polyester

Stichwort für die Band der Stunde: Neben der Elisabethenkirche zucken drei Jungs in katzenlastigen Polyester-Outfits über die Bühne. Sie lärmen und kreischen und wedeln frenetisch mit einem pinken Regenschirm herum. Das Publikum schaut erst schockiert, dann begeistert. Die Fotografin schickt eine SMS: «Ich glaube, das ist das Beste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.» Sie hat Recht: Die «Büüsis», wie sich diese Band nennt, ist grossartig daneben. Klar ist: Wenn die Jugend solche Musik hört, ist alles verloren, also alles gut.

Andere Töne mit ähnlichem Inhalt hört man indessen auf dem Barfi: «Machet eifach ke fucking Bausparvertrag!», schreit Melchior Quitt ins Mikrofon. Der Godfather und sein Rat des Abends. Goodnight motherfuckers!

Schreibmaschinen und Konsum

Auf die Ekstase folgt der Kater. Und den spürt am Samstag auch das JKF: Man hat Kopfweh, es regnet, die Bühnen am Nachmittag sind spärlich besucht. Das Organisationsteam lässt sich die Stimmung nicht verderben, wirft sich in Badekleidung und posiert gut gelaunt auf Facebook. #Rägerave.

Zur etwa gleichen Zeit sitzen sieben Menschen im Literaturhaus und machen etwas, was man nicht versteht. Vorwiegend Staubsaugen und kryptische Phrasen in Schreibmaschinen tippen. Ein Workshop für den Literaturautomat im Oktober, sagt der Flyer. «Ich weiss es im Fall auch nicht so richtig», sagt ein Teilnehmer.

In der Freien Strasse ist es am vollsten. Nur findet hier nicht das JKF, sondern ein ganz normaler Samstag statt. Würden die jungen Menschen so gerne Kultur konsumieren wie sie Kleider shoppen – das Festival könnte sich vor Besuchern kaum retten.

Metal und Showdance

Den Metal-Fans ist das egal. Die headbangen auch auf halbleeren Plätzen. Jetzt zum Beispiel gerade auf dem Theaterplatz zu «Asbest» – zwei Frauen mit roten Haaren und starken Stimmen. Ein paar junge Mädchen mit frisierten Haaren kommen aus dem Foyer des Theaters, bleiben kurz stehen und fangen dann aufgeregt an zu tuscheln. Zwei Minuten sieht man sie ganz vorne, gebannt starren sie auf die beiden Frauen.

Auf der Bühne wo sie herkommen, herrscht das Gegenteil von Geschrei: Die kleine Bühne wurde zu einer Art Entertainment-Stage umfunktioniert, ein enthusiastischer Moderator führt durch Unmengen von 7-Minuten-Shows. Jeweils fünf bis zwanzig junge Tänzer zeigen hier mehr oder weniger austauschbare Choreografien. Was gezeigt wird, ist aber auch eher Nebensache, die jungen Kids freuen sich über erste Auftritte und ihre Eltern über Sitzplätze.

Lesung und Nostalgie

Der Abend tröpfelt dahin, das Wetter zum Glück nicht – aber die Stimmung vom Freitag kommt nicht mehr wirklich auf. Sogar Fabian Degen und seine wie immer grandiose Dragonball-Lesung im Bird’s Eye können daran nichts ändern und gerade als man die Hoffnung ganz aufgeben will, kommt Ellas, eine kleine Band aus Brugg und nimmt einen in die Arme.
Sängerin Jorina Stamm und ihre drei Bandkollegen stehen auf dem Münsterplatz und sind so weich und wohltuend, das einem das Herz aufgeht.

Man fühlt sich an sein erstes JKF erinnert, schmusend im Schatten, mit zu viel Gefühlen und zu wenig Platz dafür. Selig steht man auf dem Münsterplatz und freut sich und schämt sich und weiss nicht, wohin mit sich. Man begreift: Diese «Jugend», dieses anstrengende Wort, dieses Ding, dieser Zeitpunkt im Leben – ist gar kein Zeitpunkt. Sie ist ein Zustand. Und genau dafür ist das JKF da: Es bringt ihn uns zurück.

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