Corona

Was das Virus mit den Menschen macht: Vier Menschen, vier Basler Schicksale

Eine Frau in Quarantäne, ein Kind, eine Prostituierte und eine alte Frau: Vier Menschen aus der Region Basel erzählen, wie das Corona-Virus ihren Alltag auf den Kopf gestellt hat.

Benjamin Rosch
Drucken
Teilen
Auch in diesem Gewerbe schlägt sich die Angst vor dem Corona-Virus im Alltag nieder. (Symbolbild)

Auch in diesem Gewerbe schlägt sich die Angst vor dem Corona-Virus im Alltag nieder. (Symbolbild)

Martin Toengi

Simone und ihre schwierige Familiensituation

Es war Donnerstag vor der Absage der Fasnacht, als Simone, 43, ein Mail vom Tagesheim ihres Sohnes in ihrem Postfach öffnete. Darin stand, dass sich eine Mitarbeiterin mit dem Corona-Virus angesteckt hatte. Es war der Ausbruch des Corona-Virus in Basel-Stadt. «Zuerst wusste ich nicht, was das bedeutete», sagt sie. Erst am Freitag wurden ihr die Konsequenzen bewusst: 14 Tage Quarantäne verordnete das Gesundheitsdepartement und schickte ihr zwei Packungen Atemschutzmasken.

Simone ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die Tochter zog noch am Freitagmorgen aus, so entkam sie der Quarantäne. «Verständlich, sie wollte ihren 18. Geburtstag nicht
zu Hause eingesperrt feiern», sagt Simone. Ihr Sohn Nick blieb bei ihr. Er ist erst vier Jahre alt. Für Simone brach eine Zeit an, die sie heute als die «vielleicht anstrengendste in meinem ganzen Leben» bezeichnet: zwei Wochen auf engstem Raum ein Vollzeitprogramm für einen Vorschüler zu gestalten. Doch das war nicht das grösste Problem.

Simone wollte ihren Vater besuchen, der in einem Basler Privatspital liegt. Sein Zustand war zu jenem Zeitpunkt kritisch. Doch das Gesundheitsdepartement und auch das Spital blockten ab: Wie sollte eine Quarantäne-Patientin in ein Spital gelangen, einem der verwundbarsten Orte der Stadt? «Am Sonntagabend ging es meinem Vater ganz schlecht, es sah so aus, als würde er die Nacht nicht überleben», erzählt Simone. Schliesslich half ihr Hausarzt. «Er kam in Schutzmontur vorbei und machte einen Abstrich, der bewies, dass ich das Virus nicht trug», sagt Simone. Die Leute in der Nachbarschaft hätten ganz schön grosse Augen gemacht, erzählt Simone. In einem Dorf wie Riehen spricht sich so etwas schnell herum. Doch das Unterfangen klappte. Danach gewährte das Spital eine maximale Besuchszeit von einer halben Stunde. «Nick habe ich mitgenommen.» Anfangs hätte das niemand verstanden. «Aber ich konnte ihn ja nicht alleine lassen und es hätte niemand auf ihn aufpassen können, ohne nicht selber unter Quarantäne gestellt zu werden», sagt Simone. Nick wartete im Isolierzimmer, während Simone ihren Vater besuchen konnte. Ihren Schilderungen zufolge hatte auch das Spitalpersonal Respekt vor einer Ansteckung. Auf den Gängen seien die Leute vor ihr davon gewichen.

Die schlimmsten Erwartungen sind nicht eingetroffen, doch die Situation konnte Simones Vater nicht ganz verstehen. «Er fragte mich, warum ich ihn nicht öfter besuchen kam, wie noch bis vor kurzem», sagt Simone. Zum Einkaufen schickte sie die Tochter, manchmal half auch eine Freundin aus. Wenn ihre Tochter vorbeikam, öffnete sie die Tür einen Spalt, um ein paar Worte auszutauschen. Manche hingegen klingelte sie bloss, stellte etwas vor die Türe und machte sich danach schnellstmöglich aus dem Staub. Dafür ist die Angst schlicht zu gross.

Seit vergangenem Donnerstagmorgen ist der Spuk vorbei. «Ich bin wirklich erleichtert. Ich hätte nie gedacht, dass man so viel basteln und backen kann!», sagt Simone und lacht. Jetzt freut sie sich, endlich wieder unter Leute zu gehen, zu arbeiten. Sie kann ihren Vater wieder öfter besuchen. Symptome hatten weder Simone noch ihr Sohn keine je gezeigt. (bro)

***

Louis und seine Sorge um die Grosseltern

Im Grossen und Ganzen habe er schöne Ferien gehabt, zögert Louis nicht zu sagen. Auch wenn er sich das alles anders vorgestellt hatte. Er ist acht Jahre alt, dieses Jahr hätte er seine erste Fasnacht erlebt. «Ich habe drei Jahre lang Trommeln geübt und beherrsche jetzt sechs Märsche. Vier wären nötig, um mitzulaufen.» Er schwärmt vom Sujet, dass seine Clique, die Antygge, ausgespielt hätte, und wie er gemeinsam mit seinen Eltern auf den Bummel gegangen wäre. Doch aus all dem wurde nichts. Als die Regierung die Fasnacht abblies, «war das schon doof».

Aber Louis kann gut nachvollziehen, warum das geschah. Der Primarschüler ist sehr gut informiert über das Corona-Virus. Er weiss, wie viele Leute bereits daran gestorben sind, er verfolgt die Ausbreitung und kennt die Risikogruppen. Er selber hat aber keine Angst. «Kinder sind schliesslich weniger stark betroffen als Erwachsene», sagt er. Dennoch: als seine jüngere Schwester eine bakterielle Lungenentzündung erlitt, machte er sich Gedanken, wie sehr nun ihr Immunsystem belastet sei. «Zudem mache ich mir grosse Sorgen um meine Grosseltern», sagt er. Beide sind über achtzig Jahre alt. Besonders vor einem Ausbruch der Krankheit im Altersheim fürchtet sich Louis.

Zu Hause ist das Corona-Virus regelmässig ein Thema. Den Schulstart am Montag hat Louis verpasst. «Mein Mami hat gesagt, wir sollen noch einen Tag zusätzlich zu Hause bleiben. Vielleicht haben ja andere Kinder das Corona-Virus, und diese würden dann am Dienstag fehlen», erklärt Louis. Auch aus Rücksicht auf die Schwester. «Ihr geht es aber sehr viel besser, sie geht auch wieder zur Schule.» Louis ist sichtlich erleichtert. Rasch zählt er auf, wo genau seine Schwester zur Schule geht, in welche Klasse und bei wem.

Auch wenn er um sich selber kaum besorgt ist: So ganz wohl ist Louis nicht, dass die Schule nach den Ferien ihren gewohnten Gang genommen hat. «Wenn jemand das Virus hat, aber nichts davon bemerkt, dann fasst er vielleicht einen Türgriff an, zum Beispiel beim WC. So kann sich das Virus schnell verbreiten.»

Trotz der Seifenboss-Aktion des Erziehungsdepartements zeigte sich Louis also kritisch. Das war am Donnerstag, als er wie viele andere noch nichts von der Schulschliessung ahnte. Bereits einen Tag später ist das alles Makulatur. Für die nun einsetzende Schulschliessung hat er klare Vorstellungen. «Ich werde meine Lehrerin bitten, die Hausaufgaben per Post zu schicken», sagt Louis. Denn den ganzen Stoff innert kürzester Zeit aufzuholen, das würde ihm nicht leicht fallen. Für die Zeit zu Hause hat er sich einen Plan zurecht gelegt: Lesen, trommeln und die Schwester ärgern. Lieber würde er in die Dreirosenhalle. «Das hat mein Mami verboten», sagt er wehmütig, räumt aber ein: «Das ist wahrscheinlich das Beste». Schlimm wäre für Louis, sollte nun auch noch sein Tennisclub vorübergehend schliessen. Denn jeden Tag zu Hause zu hocken und ewig das gleiche zu tun, das werde sicher bald einmal langweilig. «Und dann hoffe ich, dass jemand ein Gegenmittel findet und das Corona-Virus besiegt.» (bro)

***

Carina und der leere Strassenstrich

Nein, sagt Carina, so leergefegt habe sie die Strassen noch nie erlebt. Seit zwanzig Jahren betreibt sie einen Salon für Sexarbeiterinnen an der Webergasse. Die meisten Frauen kommen aus Ungarn und arbeiten teils seit vielen Jahren temporär in Basel.

Als vor rund zwei Wochen der erste Ansteckungsfall von Corona im Kanton Basel-Stadt bekannt wurde, seien gleich Dutzende von Frauen auf einmal abgereist. «Einige hatten Angst vor einer Ansteckung, andere wurden von ihren Familien gebeten, zurückzukehren», erzählt Carina.

Wer geblieben ist, mache sich tendenziell wenig Sorgen um die eigene Gesundheit. «Im Sexgewerbe gibt es eine ganze Reihe ansteckender Krankheiten, da versetzt ein Corona-Virus nicht gleich alle in Panik.» Zwei Frauen, die für Carina arbeiten, kommen auf sie zu und halten ihr zwei Flaschen Desinfektionsmittel vor die Nase. «Die Müller-Drogerie hat wieder aufgefüllt», sagen sie freudig. «Zum Glück», entgegnet Carina. Sie habe erst kürzlich Nachschub aus Frankreich gebracht. «Die Hygiene ist bei uns immer wichtig, aber in diesen Zeiten natürlich besonders.»

Mehr Panik als das Virus löst bei Carina und den Sexarbeiterinnen derzeit die fehlende Kundschaft aus. «Ich schätze, die Nachfrage ist um siebzig Prozent eingebrochen», so die Bordellbetreiberin. Das bestätigen die Prostituierten. Zum Beispiel Tina, die seit vielen Jahren auf dem Strassenstrich in Basel arbeitet: «Wenn es gut kommt, habe ich noch zwei, drei Kunden, normalerweise habe ich mindestens zehn am Tag.» Was sie am meisten ärgert: «Jetzt machen alle Männer auf Panik wegen Corona, aber ein Gummi will sich nie einer freiwillig anziehen.» Auch viele andere Prostituierte von der Webergasse machen sich Sorgen um ihr Geschäft. «Wir müssen Geld für unsere Familie in Ungarn verdienen», sagen zwei Schwestern, die erst am Vorabend angekommen sind. «Angst haben ist für uns gar keine Option.»
Andere überlegen sich, so bald wie möglich wieder abzureisen. «Hier läuft nichts mehr. Zero!» Das sagt eine Sexarbeiterin frustriert, die gerade von einem Mann abgewimmelt wurde.

Die Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe Alinea gibt an, dass sie derzeit Anfragen von Frauen aus dem Ausland bekommen, die sich über die Lage in Basel informieren. Sie schreibt auf Nachfrage: «Prekär erleben wir vor allem die Situation von Sexarbeiterinnen aus dem Ausland, die für eine kurze Zeit in die Schweiz kommen, um ihre Existenz und die ihrer Familien zu sichern. Ihnen fehlt jetzt teilweise das Geld, um wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.»

Auch Bordellbetreiberin Carina beantwortet regelmässig Anfragen von ungarischen Frauen. Soll ich herkommen oder nicht? Sie und die Sexarbeiterinnen harren derzeit in grosser Unsicherheit aus: Werden die Grenzen bald dichtgemacht? Die Nachtclubs geschlossen? Prostitution verboten? «Das wäre ein finanzielles Desaster», sagt Carina und zieht an ihrer Zigarette. Ihr bleibe nichts anderes übrig, als abzuwarten. Fest steht: Für die Sexarbeiterinnen rund um die Webergasse gibt es derzeit keinen Plan B. (sam)

***

Liselotte und ihre Einsamkeit

Wenn nur diese Gedanken nicht wären. «Kaum aufgestanden, studiere ich an diesem blöden Mist herum», sagt Liselotte. Die Seniorin aus Allschwil gehört mit ihren 86 Jahren zu der Corona-Virus-Risikogruppe. «Dann frage ich mich: Was soll ich heute machen, was essen. Und was bringt das alles überhaupt noch.» Meistens schalte sie dann den Fernseher ein, um sich abzulenken.

Am liebsten schaue sie etwas leichtes, unterhaltsames, aber das sei in letzter Zeit schwierig geworden. «Alles dreht sich nur noch um Corona», sagt Liselotte. «Klar ist das Virus ernst zu nehmen. Aber wenn ich mich jetzt auch noch damit beschäftige, werde ich nur verrückt.» Deshalb versuche sie zu vertrauen, dass sie davon verschont bleiben werde. «Da hilft mir mein Glaube.» Sie selbst habe ihr Leben bisher noch nicht eingeschränkt wegen der Epidemie. Das haben andere für sie übernommen. So wurde ihr letzte Woche mitgeteilt, dass der Englischkurs, der von Pro Senectute beider Basel angeboten wird, vorerst nicht stattfinden werde. Damit fallen für Liselotte nicht nur ein Gehirntraining ins Wasser, sondern auch wichtige soziale Kontakte.

«Die Hausaufgaben habe ich zwar meistens nicht gemacht, aber es war nett, unter Leuten zu sein», erzählt Liselotte. Nach dem Kurs sei sie mit der Gruppe noch einen Kaffee trinken gegangen und anschliessend habe sie den Mittagstisch im Calvinhaus besucht, angeboten von dem Seniorendienst Allschwil. Auch dieser wurde kürzlich bis auf weiteres gestrichen. «Ich bedaure das sehr, aber es ist bestimmt eine sinnvolle Massnahme», räumt Liselotte ein. Jetzt gehe sie ab und zu in das Restaurant Lindenhof zu Mittag essen, direkt vor ihrer Haustür. Dort sei sie zwar auch alleine, aber immerhin ein wenig unter Leuten. Die ehemalige Bäckerin ist körperlich weitgehend gesund. Was ihr zu schaffen macht, ist ihre Einsamkeit.

Ein in unserer Gesellschaft verbreitetes Phänomen, jeder dritte gab bei der letzten Gesundheitsbefragung an, sich oft oder manchmal einsam zu fühlen. Das kann laut Experten auch gesundheitliche Folgen haben, besonders für ältere Menschen die sich zurückziehen und nicht mehr auf sich Acht geben.

Kürzlich hat Pro Senectute beider Basel verkündet, dass wegen des Corona-Virus alle Kurse die drinnen stattfinden vorübergehend abgesagt werden. Auf Facebook hat die Organisation um Rückmeldung zu diesem Entscheid gebeten, der ihr nicht leicht gefallen sei. Sie weiss, dass es vielen älteren Menschen wie Liselotte geht und wie zermürbend Isolation sein kann. Liselotte war nie verheiratet. «Der, der mir gefallen hat, wollte mich nicht und der, der mich wollte, gefielt mir nicht», beschreibt sie es. Sie hat keine Kinder, keine Enkel. Das sei nie ein Problem gewesen, sie habe immer gerne gearbeitet und zuletzt ihre Eltern gepflegt.

Aber jetzt, da sie aufgrund des Alters nicht mehr so mobil sei, wisse sie immer weniger mit sich anzufangen. Vor zwei Jahren sei ausserdem ihre beste Freundin gestorben. Immerhin: Den Besuchsdienst, den sie vom Roten Kreuz in Anspruch nimmt, findet bisher noch statt. Die «nette Dame» komme noch heute Nachmittag vorbei, freut sich Liselotte. (sam)