Coronavirus

Vor dem Untergang: «Falls keine Hilfe kommt, ist die Veranstalter-Branche in wenigen Monaten ausgelöscht.»

Corona gefährdet in der Eventbranche in beiden Basel Tausende Arbeitsplätze. Nun will der Bund helfen. Doch die Kantone müssen mitziehen.

Hans-Martin Jermann
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Volles Lager, leeres Auftragsbuch: Toni Scherrer, CEO der Aescher Firma Audiorent, blickt sorgenvoll in die Zukunft. Ein Jammeri will der Veranstalter dennoch nicht sein.

Volles Lager, leeres Auftragsbuch: Toni Scherrer, CEO der Aescher Firma Audiorent, blickt sorgenvoll in die Zukunft. Ein Jammeri will der Veranstalter dennoch nicht sein.

Kenneth Nars

Es gibt keinen anderen Bereich unseres Wirtschaftslebens, den die Coronakrise so hart getroffen hat: In der Eventbranche liegen die Einnahmenausfälle seit dem Verbot von Grossveranstaltungen Ende Februar zwischen 80 und 95 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht. Zwar konnten auch diese Firmen von Coronahilfe profitieren – im Baselbiet etwa von A-fonds-perdu-Beträgen für KMU in Not.

Diese wirkte angesichts der riesigen Probleme allerdings wie der berühmte Tropfen auf den heissen Stein. Zudem können einige dieser Betriebe keine Hilfsgelder aus den dafür bereitgestellten Kultur-Töpfen in Anspruch nehmen; diese ist jenen Betrieben vorbehalten, die mehr als 50 Prozent des Umsatzes mit Kulturveranstaltungen erzielen (siehe Box unten).

22000 Arbeitsplätze in beiden Basel

«Viele Betriebe in der Eventbranche fallen zwischen Stuhl und Bank», sagt die Baselbieter Grünen-Nationalrätin Florence Brenzikofer. Die Kultur- und Kreativwirtschaft bietet in der Schweiz laut Statistik des Bundesamts für Kultur von 2018 rund 325000 Arbeitsplätze; in beiden Basel sind es knapp 22 000, 15 000 in der Stadt, etwas weniger als 7000 auf dem Land. Auch wenn Kreativwirtschaft und Eventbranche nicht deckungsgleich sind, so darf man doch davon ausgehen: Alleine in diesem Bereich sind in der Region eine fünfstellige Anzahl Jobs akut gefährdet.

Brenzikofer hat sich in den vergangenen Tagen in Bundesbern gemeinsam mit anderen Parlamentariern für Härtefall-Beiträge an Firmen in der Eventbranche (und überdies an Reisebüros und Schausteller) stark gemacht. Wie es scheint, mit Erfolg: Sowohl der National- als auch der Ständerat wollen ins Covid-19-Gesetz, das derzeit in beiden Kammern beraten wird, einen entsprechenden Passus aufnehmen.

Allerdings fehlen noch Bestimmungen zur Umsetzung sowie das Geld. Der Bundesrat wird bis im Dezember eine entsprechende Vorlage ausarbeiten. Das Geld soll nur dann fliessen, wenn sich die Kantone zur Hälfte an den Beiträgen beteiligen. Ob Letzteres geschehen wird, ist im Moment unklar. Ins Covid-Gesetz eingebaut haben National- und Ständerat zudem die Weiterführung der Erwerbsausfallentschädigung. Davon profitieren selbstständige Kleinunternehmer und Mitinhaber grösserer Firmen.

Die ganze Branche steht auf dem Spiel

Die Baselbieter Ständerätin Maya Graf hat sich im Stöckli für die Aufnahme von Härtefallmassnahmen ins Covid-Gesetz ausgesprochen. Gerade im Baselbiet gebe es eine lebhafte Eventbranche, die von Messen und Veranstaltungen abhängig sei. Graf wehrt sich gegen das Argument, wonach mit zusätzlicher staatlicher Hilfe bloss Strukturerhalt betrieben werde: «Wenn wir jetzt nicht helfen, dann gehen auch jene Firmen Konkurs, die vor Corona gesund und zukunftsfähig waren.» Der wirtschaftliche Schaden, der dadurch entsteht, wäre wesentlich grösser als die nun zu sprechende Hilfe, sagt Graf.

Letztlich steht das Überleben einer ganzen Branche auf dem Spiel, sagen führende Vertreter im Gespräch mit der bz: «Falls keine weitere Hilfe kommt, dann ist die Veranstalterbranche in wenigen Monaten ausgelöscht», sagt Toni Scherrer, CEO der Audiorent Clair AG. Das Aescher Unternehmen ist mit rund 50 Angestellten einer der grössten Player schweizweit und einer der wenigen traditionsreichen. Audiorent bedient als Spezialistin für Licht und Ton Konzerte und Festivals in ganz Mitteleuropa, in der Region gehören zudem Messen und Unternehmen zu den Kunden.

Seit Ende Februar läuft so gut wie nichts. Das Konzertgeschäft ist weltweit tot. Die Mitarbeitenden sind um die 90 Prozent in Kurzarbeit, die Löhne also grösstenteils gesichert. Die Fixkosten hingegen laufen weiter und reissen ein immer tieferes Loch in die Kasse.

Neubuchungen gibts kaum, Weihnachtsfeiern sind abgesagt

Zum Glück habe man sich mit dem Vermieter auf eine Stundung der Geschäftsmieten einigen können. Scherrer will kein Jammeri sein. Die Stimmung in der Belegschaft sei gut. Bei Audiorent und anderen Firmen tüftle man an neuen, coronatauglichen Konzepten. Zuletzt konnte das Unternehmen zwei Gemeindeversammlungen im Unterbaselbiet beschallen. Heute Freitag bedient es die Eröffnungsfeier des Baloise Parks. Man sei froh über jeden einzelnen Auftrag, sagt Scherrer. «Doch im Vergleich zu dem, was in normalen Zeiten läuft, sind das Peanuts.»

Neubuchungen gebe es angesichts der unsicheren Entwicklung der Pandemie kaum. Sämtliche Firmen-Weihnachtsfeiern – in normalen Zeiten ein wichtiger Pfeiler im Jahresendgeschäft – seien abgesagt. Unklar ist ferner, ob im Sommer 2021 Festivals stattfinden können.

Grosse Unsicherheit und keine definitiven Aussichten

Ähnlich äussert sich Roland Schmid, Mitinhaber der Zeisch GmbH mit rund einem Dutzend Angestellten. Das Reinacher Unternehmen erstellt Veranstaltungskonzepte, vermietet aber auch Mobiliar und anderes Material. «Es kann niemand sagen, wann die Veranstaltungen wieder normal laufen: In sechs Monaten, in einem Jahr oder erst in zwei Jahren?» Wie Scherrer stellt auch er grosse Unsicherheit bei Kunden und Besuchern fest. Daran ändere auch der Beschluss der Basler Regierung nichts, wonach ab dem 1. Oktober wieder Grossanlässe mit mehr als 1000 Besuchern zugelassen sind.

Diese Regel helfe Veranstaltern von Sportevents wie dem FC Basel, die mit oder ohne Besucher durchgeführt werden. Doch ohne Not getraue sich kaum jemand, einen Anlass auf die Beine zu stellen: «Die Unannehmlichkeiten sind viel zu gross: Im besten Fall ist es die Angst vor der Quarantäne, im schlimmsten jene vor einem Super-Spreaderevent», sagt Schmid.

Coronagesuche für 48 Millionen Franken

Kultur-Topf in beiden Basel Für Kulturschaffende und -betriebe stehen in beiden Basel eigene Coronapakete zur Verfügung. Anspruchsberechtigt sind Personen oder Institutionen, die zu mindestens 50 Prozent im Kulturbereich tätig sind. In Basel-Stadt wurden per gestern 518 Gesuche für Ausfallentschädigungen mit einem Volumen von total 34,1 Millionen Franken eingereicht. Dies sagt Katrin Grögel, Co-Leiterin der Abteilung Kultur. Davon entfallen 5,3 Millionen (362 Gesuche) auf Kulturschaffende und 28,8 Millionen (156 Gesuche) auf Betriebe.

Allerdings stehen in Basel-Stadt maximal 30 Millionen Franken zur Verfügung, die je zur Hälfte vom Kanton und Bund getragen werden. Grögel geht dennoch davon aus, dass mit den zur Verfügung stehenden Mitteln die Ausfälle grösstenteils erstattet werden können. Dies auch, weil in einigen Fällen der anrechenbare Ertragsausfall nach Abzug aller anderen Entschädigungen (Kurzarbeit, Mietzinsreduktion etc.) tiefer sein wird als die beantragte Summe. Effektiv ausbezahlt wurden bisher 4,3 Millionen.

Beide Basel nehmen noch bis zum 20. September Gesuche für abgesagte oder reduziert durchgeführte Veranstaltungen sowie für Betriebsschliessungen entgegen; der Schadenszeitraum läuft bis 31. Oktober. Im Baselbiet hat die Regierung jüngst den Kulturtopf auf 10,9 Millionen Franken aufgestockt. Per gestern wurden 143 Gesuche von Kulturschaffenden und Betrieben eingereicht; die beantragte Ausfallentschädigung liegt bei 13,5 Millionen, wie Esther Roth, Leiterin Kulturelles.BL auf Anfrage ausführt. Ausbezahlt wurden bisher 0,6 Millionen.

Wie es ab dem 1. November für die Kulturschaffenden weitergeht, ist noch unklar. Zumindest die professionell geleiteten, staatlich subventionierten Betriebe hätten den Auftrag, für die kommende Saison ein dem Leistungsauftrag entsprechendes Programm auf die Beine zu stellen. Bei den ehrenamtlich geführten Kulturinstitutionen und Laienverbänden sei man grosszügiger, wenn diese nicht im selben Rahmen Veranstaltungen und Angebote auf die Beine stellen könnten. «Grundsätzlich wollen aber alle endlich wieder loslegen», sagt Roth. (haj)