Basel
Von Toilettenschüsseln bis Kaugummiverpackungen: Der wilde Kleinbasler Mueller sammelt alles

Der ewiger Kandidat des Freistaats sammelt alles. Der Künstler ist auf der Mission, Basel unabhängig zu machen.

Lucas Huber
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Er plante schon eine Riesen-Rutschbahn in den Rhein, die Idee der Surf-Welle stammt aber nicht von ihm, sondern von einem Namensvetter: Künstler Christian Mueller.

Er plante schon eine Riesen-Rutschbahn in den Rhein, die Idee der Surf-Welle stammt aber nicht von ihm, sondern von einem Namensvetter: Künstler Christian Mueller.

bz Basel

Wie hebt man sich ab mit einem Allerweltsnamen, wie ihn Christian Mueller trägt? Mit aller Gewalt. Was natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, denn der 36-jährige Kleinbasler, der eigentlich Schwarzbube ist, ist ein durch und durch friedlicher Zeitgenosse. Auch wenn er sich als Separatist sieht. Ein Separatist auf einer Mission, die die Unabhängigkeit der Region Basel zum Ziel hat.

Womit wir mittendrin wären in der Schaffenswelt des Christian Mueller. Und der ist weder Spinner noch Sonderling, sondern vielmehr Querdenker. Einer, der die Grenzen auslotet und gedanklichen Schlagbäumen die Äxte an die Fundamente wünscht. Einen Brotjob hat er auch: Theaterpädagoge am «jungen theater basel». Eigentlich ist er aber ausgebildeter Künstler. Den Traum, von der Kunst zu leben, hat er allerdings begraben, ziemlich tief, ziemlich endgültig: «Es sieht so aus, dass mein Zeug niemand will. Damit hab ich mich abgefunden. Werde ich halt Berufspolitiker.»

Der Mann vom Freistaat

Das sagt einer, der damit niemandem an den Karren fahren will, sondern 2016 als Grossrat, Regierungsrat und Regierungspräsident kandidierte – und gar nicht so krachend scheiterte, wie man vielleicht meinen könnte. Denn seine Partei, die F-U-K (Freistaat Unteres Kleinbasel), soweit man sie denn als Partei bezeichnen kann, besteht lediglich aus ihm und manchmal zwei, manchmal mehr Mitstreitern. Wäre das Wahlquorum nicht erst bei den Wahlen 2020 belanglos, Christian Mueller sässe schon heute im Parlament von Stadt und Kanton Basel.

Doch das ist nur die eine Seite. Für die andere geht der Blick zurück zum Künstler Mueller respektive dessen Verständnis von ebendieser Kunst. Er ist nämlich überzeugt: «Alles kann Kunst sein.» Im Umkehrschluss ist darum auch alles gestaltbar, nichts unverrückbar – «und wir als Menschen sind dem Schicksal nicht einfach ausgeliefert.» Für Mueller hat diese Aussage nicht nur tröstlichen, sondern auch politischen Wert, doch dazu später.

«Wir als Menschen sind dem Schicksal nicht einfach ausgeliefert.»

Christian Mueller

Und damit zum Sammler Mueller. Der sammelte schon als Kind mit Feuereifer Spielzeugautos, Steine, Briefmarken. Er schrieb auch Tagebuch. Und heute? Heute trägt er einen Ersatz-Türkeil mit sich herum, denn er sammelt: hölzerne Türkeile. Und will kein Dieb sein, drum ersetzt er Entwendetes. Rund 40 Stück davon stehen in seinem Bücherregal.
Und stehen müssen sie, erklärt er. Denn erst das mache sie vom praktischen Alltagsgegenstand zur Skulptur und – mit all den Kerben und Furchen und Dellen, die den Keil mit Geschichte füllen – zur Kunst.

Muellers Kunst besteht nämlich nicht darin, von ihm erschaffen zu werden; er lässt die Dinge sich abnutzen, wartend, beobachtend, und ist die Zeit reif, setzt er dem Verschleiss ein Ende. Dann holt er das Alltägliche aus seinem gewohnten Rahmen, um es herzurichten.
Das geschieht mit den Türkeilen, das geschieht mit seinen Sneakers, von denen er seit bald einer Dekade das identische Modell in der identischen Farbkombination trägt. Nur die Abnutzung verändert sich von Paar zu Paar. Christian Mueller kann aus dem Stegreif eine Abhandlung zur Einmaligkeit einer ausgelatschten Schuhsohle halten.

606 WC aus einer Perspektive

Ihre Wirkung entfalten auch sie erst mit der Wiederholung. Das gilt ebenso für seine Sammlung gebrauchter Kaugummipackungen. Eine leere Kaugummipackung ist Müll. 66 Kaugummipackungen aber erhebt Christian Mueller zur Kunst. Auch hier: Er lässt gestalten, bestimmt lediglich die Zeitspanne, die sie in seiner Tasche verbringen und zerbeulen und zerschleissen. So ist der Künstler Mueller auch der Sammler Mueller.

Und weil dem Sammeln stets etwas Obsessives innewohnt, spricht sich Mueller auch davon nicht ganz frei. Denn etwas skurril sei das Ganze ja schon. Das gilt auch für die Filterpapiere, die als Mundstück seiner selbstgedrehten Zigaretten dienen und die jetzt, fein säuberlich aufgefaltet, in einem Sammelalbum prangen. Das gilt für sein Notizbuch, in dem er jeden Abend die Zeit notiert, zu der er zu Bett geht – seit 18 Jahren. Und das gilt für seine Fotosammlung, die ausschliesslich Toilettenschüsseln zeigt. Christian Mueller fotografiert jede Toilette, die er benutzt – seit zwölf Jahren. 606 Bilder sind es bis heute, stets dieselbe Perspektive. Er hat errechnet, dass, statistisch betrachtet, jede Woche ein neues Toilettenbild hinzukommt. Darum spiegelt seine Serie nicht nur die Vielfältigkeit von etwas so Alltäglichem wie einer Toilette. Sie dokumentiert auch einen Teil seines Lebens – und die qualitative Entwicklung von Smartphone-Kameras.

Auch hier hält Mueller lediglich fest, bildet Bestehendes ab und setzt es durch Wiederholung in einen neuen Kontext. Schafft er es dereinst in die Politik, will er die Gestaltungshoheit nicht dem Zufall überlassen. Denn dort geht es nicht um die Individualität der Abnutzungsgrade von Sneakersohlen, sondern um die Gestaltung der gesamten Gesellschaft.
Und denkt man das Konzept Christian Muellers zu Ende, geht einem auf, dass er auch das als Kunstperformance sähe. 2020 wird wieder gewählt. Der Kleinbasler Schwarzbube mit dem Sammeleifer ist in den Startlöchern.

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