Interview

Uniratspräsident Ueli Vischer: «Die Uni muss den Gürtel enger schnallen»

Erstmals nimmt die Universität Baselausführlich Stellung zu den Plänen umeinen Standort in Liestal, die Attacken der Baselbieter FDP und einem Projekt, wie sie die Streitereien zwischen denbeiden Trägerkantonen beikommen will.

Hans-Martin Jermann und Benjamin Rosch
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Kenneth Nars

Seit Monaten steht die Basler Uni unter Beschuss aus dem Baselbiet. Zu teuer, zu gross, zu wenig Verbundenheit mit dem Kanton Baselland, lauten nur einige der Vorwürfe. Und als die Uni ihre wirtschaftliche Bedeutung für die Region analysieren liess, wurde die Wertschöpfung kleingeredet. Jetzt bricht die Uni-Leitung ihr Schweigen. Mit der bz sprachen Uniratspräsident Ueli Vischer und die Rektorin, Andrea Schenker-Wicki über die aktuellsten Herausforderungen der über 550 Jahre alten Institution.

Herr Vischer, haben Sie sich bereits bei der Baselbieter FDP bedankt?

Ueli Vischer: Wir haben Kontakt mit der Parteipräsidentin aufgenommen und gefragt, ob wir das tun dürfen, was wir nun auch gegenüber Ihnen machen – nämlich Fakten darlegen. Wir sind nun bei der Landratsfraktion der FDP eingeladen, was uns freut. Unabhängig von der FDP zirkulierten in der Öffentlichkeit zuletzt Informationen, die so nicht stimmen und die die Uni in ein schlechtes Licht rücken.

Unsere Frage mit dem Dank bezog sich darauf, dass die FDP der Uni nach eigenen Angaben ja eine Hilfestellung zum Sparen bieten wollte. Wie ist dies bei Ihnen angekommen?

Vischer: Wir nehmen zu Parteivorstössen nicht Stellung. Solche gehören zur politischen Diskussion. Wir haben den beiden Regierungen im Oktober 2016 mit einem ausführlichen Bericht unsere Anträge für das Globalbudget 2018–2021 unterbreitet. Dabei haben wir das finanzielle Umfeld, speziell jenes des Trägerkantons Baselland, berücksichtigt. Wir anerkennen, dass auch die Uni den Gürtel enger schnallen muss.

Die Uni steht unter permanentem Rechtfertigungsdruck – das war vor zehn Jahren, als der Kanton Baselland Mitträger der Uni wurde, noch ganz anders.

Vischer: Es ist richtig, dass heute Beschlüsse der beiden Kantone infrage gestellt werden, die damals unbestritten waren. Etwa jener zum Wachstum der Uni: Damals wurde das Ziel vorgegeben, dass die Uni auf 13 000 Studierende anwachsen soll. Eine sinnvolle Grösse. Heute stehen wir ziemlich exakt an diesem Punkt, haben also das Ziel erreicht. Nun wird von politischen Gruppen gefordert, die Uni solle wieder kleiner werden. Die Planung und die Neubauten der letzten Jahre waren auftragsgemäss auf dieses Wachstum ausgerichtet. Die Uni wieder zu verkleinern, wäre auch wirtschaftlich ein Unsinn, da wir mit weniger Studierenden gewisse Skaleneffekte nicht mehr erzielen können.

Wie soll sich denn die Universität in den nächsten Jahren entwickeln?

Andrea Schenker-Wicki: Die Uni zählt derzeit 12 852 Studierende, nach einem starken Wachstum hat sich die Zahl in den letzten zwei, drei Jahren etwa auf diesem Niveau eingependelt. Die Uni befindet sich derzeit in einer Konsolidierungsphase und das ist aus unserer Sicht gut so.

Will die Uni innerhalb der aktuellen Grösse die Schwerpunkte verschieben, also in strategisch wichtigen Fächern und Fakultäten wachsen auf Kosten anderer Bereiche?

Schenker-Wicki: Wir müssen keine neuen Schwerpunkte setzen, wir haben unseren Schwerpunkt und unsere Strategie. Wir sind eine Volluniversität mit einem klaren Schwerpunkt in den Life Sciences, Naturwissenschaften und der Medizin. 75 Prozent unserer Mittel fliessen in diese Bereiche.

Vischer: In den Life Sciences sind wir forschungsmässig hervorragend. Neben der Forschung ist aber auch die Ausbildung unserer Jugend unsere Aufgabe. In der Schweiz dürfen alle jene Fächer studieren, die sie wollen. Einen Numerus clausus gibt es nur in der Medizin, was in den begrenzten Kapazitäten begründet liegt – übrigens mit negativen Folgen.

In allen anderen Fächern ist ein Numerus clausus kein Thema?

Schenker-Wicki: Nein. Ein Numerus clausus mit dem Ziel, die Zahl der Studierenden an der Uni zu senken, würde kostenmässig nicht viel bringen. Die Räume für die erwähnten 13 000 Studierenden sind gebaut und gut ausgelastet. Ausserdem gehe ich davon aus, dass bei einem Numerus clausus viele Studierenden an die benachbarten Universitäten Bern und Zürich wechseln würden, weil sie dort keine zusätzliche Prüfung bestehen müssen. Dies gilt sicherlich auch für Studierende aus Baselland und Basel-Stadt. Das würde für Basel einen massiven Abbau der Bundesmittel sowie der Mittel aus den übrigen Kantonen bewirken.

Die Zahl der Studierenden aus dem grenznahen Ausland ist zuletzt stark angestiegen.

Vischer: Der Ausländeranteil ist an der Uni Basel aber kleiner als an vergleichbaren Schweizer Hochschulen wie Zürich oder Bern.

Hinter den ausländischen Studierenden steckt kein Staat, der die Uni Basel entschädigt. Das ist ein finanzielles Problem.

Vischer: Das ist ein Problem, aber kein spezifisches der Universität Basel. Richtig wäre, dass die ausländischen Studierenden vom Bund finanziert werden sollten; so wie jene aus anderen Kantonen, bei denen die Herkunftskantone Beiträge bezahlen. Leider wird diese Meinung von den Entscheidungsträgern des Bundes bis heute nicht geteilt.

Schenker-Wicki: Wir werden uns Gedanken zu einem differenzierten System machen. Aber man darf nicht vergessen: Als Universität sind wir daran interessiert, dass die besten Leute zu uns kommen können. Nur so können wir unseren Platz als eine der 100 forschungsstärksten Universitäten weltweit halten.

Kommt eine Zugangsbeschränkung für ausländische Studierende infrage?

Vischer: Natürlich könnte man mit einer substanziellen Anhebung der Studiengebühren die Nachfrage nach Studienplätzen einschränken. Aber ausländische Studierende sind für die Universität und für die Volkswirtschaft eine Bereicherung. Insbesondere bei den Doktorierenden sind es hervorragend qualifizierte Leute, die zu uns kommen wollen. Sie bereichern die Forschungsteams und bedeuten für die Region einen Brain gain. Nicht vergeblich gewichten die Rankings ausländische Studierende positiv. Sie bedeuten internationale Vernetzung und bewahren vor Provinzialisierung.

Was halten Sie von einer generellen Erhöhung der Studiengebühren, um die Kostendeckung seitens der Studierenden zu erhöhen?

Vischer: In unserem Bericht an die Regierungen haben wir dargelegt, dass wir da etwas machen können. Immerhin haben wir bereits vor vier Jahren die Studiengebühren erhöht, sodass unsere Gebühren heute schon am oberen Rand der Schweizer Unis liegen. Nicht vergessen sollte man dabei, dass mit solchen Massnahmen die zur Diskussion stehenden substanziellen Einbussen nicht kompensiert werden können.

Womit dann?

Schenker-Wicki: Wir haben in Basel eine spezielle Ausgangslage, weil mit dem Globalbudget für die Uni zwei Sachverhalte verquickt sind: Das eine ist das laufende Budget für Lehre und Forschung, das zweite ist das Immobilienbudget mit einem Fonds zur Finanzierung und Unterhalt von Neubauten und anderen Immobilien. Dieser Fonds wächst gemäss Regierungs- und Parlamentsbeschlüssen jedes Jahr, um die Infrastruktur der Universität zu finanzieren. Dafür verzichtet man auf Investitionskredite. Wenn ich nun sparen muss, muss ich zuerst die zusätzlichen Ausgaben dieses Immobilienfonds einsparen. Dies ist nur teilweise möglich, weil die Immobilien schon im Bau sind. Denn Rest müssten wir aus dem Betriebsbudget, also aus der Lehre und Forschung bezahlen. Damit würden die Immobilien über die Lehre und Forschung quersubventioniert, was eigentlich nicht geht. Dieser Umstand ist den Regierungen bekannt, und dieses Problem muss gelöst werden, bevor wir über konkrete Sparmassnahmen reden.

Eben. Wo könnte die Uni Geld sparen?

Vischer: Wir haben den Regierungen an Beispielen aufgezeigt, wie sich die Schliessung von ganzen Einheiten oder Fakultäten auswirken würde. Ein konkretes Beispiel: Eine unserer Fakultäten kostet die Uni ungefähr 15 Millionen. Würde man sie schliessen, könnten die beiden Trägerkantone nur um total circa vier Millionen entlastet werden. Dies hat mit den verschiedenen Finanzierungsquellen zusammen, die bei der Schliessung auch versiegen. Und wenn ein Basler oder Baselbieter Student dieses wegfallende Fach anderswo studiert, müssen die Kantone dies bezahlen Das Resultat ist – im Vergleich zum Schaden – für die Trägerkantone also nicht mehr interessant, zumal mit der Schliessung der Fakultät volkswirtschaftliche Verluste einhergehen.

Nach welchen Kriterien würden Sie also entscheiden, welche Fakultäten in einem Krisenszenario wegfallen müssten?

Vischer: In einem Krisenszenario müsste Sparvorgaben eher mit der Methode Opfersymmetrie erreicht werden – also mit linearen Kürzungen über alle Bereiche hinweg – gegenüber einer Schliessung einzelner Fakultäten. Damit müsste ein Qualitätsverlust in Kauf genommen werden. Bei gewissen Einheiten wird auch das schwierig sein, weil die Kosten überproportional aus Personalkosten bestehen. Substanziellere Beträge könnte man ausgerechnet bei jenen Fakultäten sparen, welche für die Regierungen und für unsere Region eine hohe strategische Bedeutung haben: Die Life Sciences, also insbesondere Naturwissenschaften und Medizin. Und das will eigentlich niemand.

Wäre es nicht sinnvoll, die Uni würde eigene Gebäude bauen, anstatt sich teuer bei Dritten einzumieten – wie etwa im Jakob-Burckhardt-Haus am Bahnhof SBB?

Vischer: Die Miete dort ist nicht speziell hoch, sie bewegt sich im Durchschnitt des Marktes.

Was ist denn eine teure Liegenschaft?

Schenker-Wicki: Das neue Bio-Zentrum. Aber wir sind auch sehr stolz auf diesen Neubau.

Aber langfristig macht es doch Sinn, über eigene Liegenschaften zu verfügen und entsprechend keine Mieten bezahlen zu müssen?

Vischer: Sie haben im Grunde Recht. Als wir mit den Wirtschaftswissenschaften ins Jacob-Burckhardt-Haus einzogen, wurde der Uni die Liegenschaft zum Kauf angeboten. Wenn die Uni eine Liegenschaft ins Eigentum übernimmt, beteiligt sich der Bund mit 25 bis 30 Prozent an der Investition. Damals haben die Regierungen aber die Genehmigung zum Kauf nicht erteilt.

Wäre ein Umzug der Juristen nach Liestal auch finanziell interessant?

Vischer: Dazu kann ich mich noch nicht konkret äussern. Grundsätzlich aber ist ein Neubau immer teurer als eine bestehende Liegenschaft, auch in Liestal. Wir haben aber klar und seit 10 Jahren signalisiert: Sollten die Trägerkantone einen Umzug der Juristen und der Wirtschaftswissenschaften ins Baselbiet wollen, dann machen wir das. Wohl werden es weder die Professoren noch die Studierenden schätzen, aber wir evaluieren das. Die Rektorin hat dazu gute Ideen.

Wie sehen diese aus?

Schenker-Wicki: Dazu ist es noch etwas zu früh.

Mit einem Standort in Liestal könnte sich die Aufregung im Baselbiet um die Uni merklich abkühlen.

Schenker-Wicki: Ja, vielleicht wäre ein weiterer Standort in Baselbiet auch unter diesem Aspekt gut. Wir haben in den vergangenen Jahren wohl zu wenig dazu beitragen können, dass sich der Kanton Baselland mit der Uni identifiziert. Die Universität Basel ist auch die Universität des Baselbiets! Das Motto meines Rektorats lautet: «Impact on Society» – wir wollen und müssen nun der Bevölkerung zeigen, was diese Uni der Gesellschaft bringt. Zum Beispiel Arbeitsplätze, die wir durch Innovation generieren.

Das klingt gut, aber was heisst das konkret?

Schenker-Wicki: Konkret bedeutet dies, dass wir an der Universität eine Innovationsinitiative starten werden. Diese werde ich zu gegebenem Zeitpunkt vorstellen. Mit dieser Initiative wollen wir junge Leute motivieren, sich selbstständig zu machen und mit ihren Forschungsresultaten und Ideen Unternehmen zu gründen und der Gesellschaft dadurch wieder etwas zurückzugeben, was sie von ihr erhalten haben, nämlich eine gute Ausbildung auf hohem Niveau.

Das stimmt. Dennoch wäre es ja ein wichtiges Zeichen für die Uni beider Basel, wenn man dem Kanton Baselland auch etwas gäbe...

Schenker-Wicki: Das ist so. Es braucht einfach noch ein bisschen Zeit. Aber Sie haben recht, das Problem ist nicht nur die Kommunikation, wir müssen auch den Tatbeweis erbringen (klopft auf den Tisch).

Nennen Sie uns einen Zeithorizont für dieses Projekt?

Schenker-Wicki: Vorstellen werden wir es sicher noch in diesem Jahr.

Noch zu einem anderen Thema: Die bz hat geschrieben, die Uni generiere jährlich eine Wertschöpfung von einer Milliarde Franken.

Schenker-Wicki: Für diesen Artikel hätte ich Ihnen ein Summa gegeben. (lacht)

Bei diesem Lob werden wir skeptisch. Was bedeutet das, eine Milliarde? Ist das viel?

Schenker-Wicki: Wir wurden ja mit dem Vorwurf konfrontiert, das sei wenig, weil das Budget der Uni seinerseits 748 Millionen betrage. Man muss allerdings nicht das Budget, sondern den Return on Investment anschauen: die Investition der beiden Kantone von 329 Millionen Franken pro Jahr. Im Vergleich dazu ist eine Wertschöpfung von einer Milliarde ein stolzer Betrag. Bundesbeiträge, EU-Mittel, private Drittmittel, zusätzliche Arbeitsplätze, zusätzliche Löhne, Nachfrage nach Konsumgütern etc: Dies alles entsteht nur, weil die Universität eine gute Arbeit leistet und eine solide Grundfinanzierung hat. Bei den Bundesbeiträgen holen wir ein relativ grosses Stück vom Kuchen in die Region.

Nach Kantonen wurde die Wertschöpfung aber nicht aufgeschlüsselt. Warum nicht?

Schenker-Wicki: Wir haben die entsprechenden Daten nicht. Wir hätten eine so grosse Unschärfe in den Resultaten gehabt, dass wir besser darauf verzichteten.

Vischer: Die Wertschöpfung wäre deshalb auch kein geeignetes Kriterium, um die Beiträge der Kantone zu berechnen. Wenn, dann wäre es allenfalls deren Finanzkraft.

Aber die Stadt hat wohl mehr von einer hohen Wertschöpfung der Uni als die Landschaft...

Vischer: Davon kann man wohl ausgehen.

In Basel haben wir seit dieser Woche einen neuen Bildungsdirektor: Conradin Cramer. Er gilt als Ihr politischer Ziehsohn, Herr Vischer, Sie haben mit ihm auch in der Kanzlei zusammengearbeitet. Wie können Sie sich dem Vorwurf erwehren, dass Sie ihm näherstünden als etwa der Vertretung aus Baselland?

Vischer: Regierungsrat Cramer gehört politisch der nächsten Generation an. Wir haben politisch nie zusammengewirkt. Richtig ist, dass er bis jetzt in der gleichen Kanzlei, wie ich gearbeitet hat. Ich fühle mich da aber nicht eingeschränkt. Die Universität ist stolz auf ihre zwei Trägerkantone, das haben wir im Universitätsrat verinnerlicht – und deshalb gibt es hier keine falschen Präferenzen. Der Uniratspräsident wird von den beiden Regierungen bestimmt. Sie sind also frei, mich zu wählen – oder eben nicht. Es ist in der Tat eine Funktion, in deren Inhaber die Exponenten beider Kantone Vertrauen haben sollten.