Nähkästchen

SRF3-Moderator Lukie Wyniger im Nähkästchen: «Ich plädiere für laute Musik überall»

Lukie Wyniger moderiert das SRF3 Reggae Special. Er spricht über Homophobie in der Branche, über Loredana und gibt Musiktipps.

Zara Zatti
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Lukie Wyniger findet sich die falsche Person, um über Feminismus zu sprechen.

Lukie Wyniger findet sich die falsche Person, um über Feminismus zu sprechen.

Juri Junkov

Welchen Begriff haben Sie gezogen?

Feminismus.

Waren Sie am 14. Juni 2019 am Frauenstreik?

Nein. Und als weisser, privilegierter Mann fühle ich mich auch als falsche Person, um über Feminismus zu sprechen. Das müsste eigentlich eine Frau machen. Dennoch finde ich es wichtig, dass sich alle zum Thema Gleichstellung Gedanken machen. Ich bin mir sicher, dass auch ich nicht immer alles richtig gemacht habe.

Was haben Sie Ihrer Meinung nach denn falsch gemacht?

Ich glaube, dass das oft bei den Details anfängt. In meiner Art zu sprechen, musste ich dazulernen. Wenn man etwa nur die männliche Version verwendet und glaubt, Frauen damit einzuschliessen, dann liegen wir falsch. Die Frauen gehen so oft vergessen.

Sie sind Musikjournalist. Wie gross ist das Thema Sexismus in der Branche?

Ich bewege mich vor allem im Rap, Hip Hop und dem jamaikanischen Reggae und Dancehall. Da kommt es sicher immer wieder zu Sexismus. Auf der anderen Seite wird genau dort auch eine andere Art von Feminismus gelebt. Jamaikanische Dance-Hall- Ikonen zum Beispiel haben eine ganz andere Auffassung von Feminismus als in Europa.

Im Sinne von einem selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper?

Ja. Nehmen wir etwa die Dancehall-Künstlerin Spice. Sie setzt ihren Körper sehr bewusst und konkret in Szene. Für mich kann das als Body-Positivity-Bewegung interpretiert werden. Vor allem aber will ich nicht nach Jamaika gehen, und dort erklären was Feminismus ist.

Wie sieht es im Dancehall mit sexistischen Parolen gegenüber Frauen aus?

Der Dancehall hat seinen Ursprung in Jamaika. Dort steht man bezüglich Gleichstellung an einem ganz anderen Punkt als wir. Sie brauchen sicher noch Zeit. Hinzu kommt, dass in Jamaika generell viel offener und expliziter über Sexualität gesprochen wird als bei uns. In Jamaika hört man auf der Strasse oft sexuelle Sprüche. Aber auch von Frauen gegenüber Männern.

Singen Frauen im Dancehall auch gleich über Männer wie umgekehrt.

Ja. Wenn ein Mann in Jamaika einen in unseren Augen sexistischen Song macht, dann dauert es zwei Tage und eine Dancehall-Künstlerin kontert mit einem Song. Dann aus der Sicht der Frau.

Reggae steht auch im Verruf homophob zu sein.

Homophobie ist ein Teil der jamaikanischen Gesellschaft. Wir sind da weiter. Aber auch da muss man relativieren: In der Innerschweiz am Stammtisch höre ich die gleichen Sprüche wie in Jamaika. Und: Ich möchte nicht in einer anderen Kultur moralisch missionieren gehen. Als Jamaika kolonialisiert wurde, haben Europäer das Christentum mitgebracht und Homosexualität verteufelt. Heute kommt der Europäer und sagt, Homosexualität ist jetzt völlig normal. Wenn ich aber in Jamaika bin, dann sage ich immer ganz bewusst, dass ich kein Problem mit Homosexualität habe.

Wann spielen Sie einen Song nicht?

Wenn er explizit homophob ist. Ich spiele einen Song nur, wenn ich hinter dem Text stehen kann.

Sie sind schon lange Radiojournalist. Hören Sie Ihre Sendungen selbst nach?

Nein, in der Regel eigentlich nicht. Auch nach all dieser Zeit fällt es mir doch immer noch schwer, mir und meiner Stimme selbst zuzuhören.

Sie haben ein längeres Interview mit Loredana geführt. Wie war das?

Sie ist ein sehr spezieller und spannender Mensch. Ich respektiere sie für ihre Kunst. Die Betrugsvorwürfe kann ich nicht beurteilen. Aber offenbar gilt bei ihr die Unschuldsvermutung nicht. Noch vor dem Urteil ist sie längst als Gangsterin abgestempelt. Wäre es ein Schweizer Mann, vermute ich, der Umgang wäre ein anderer.

Internationaler Erfolg gelingt nicht vielen Künstlern aus der Schweiz. Wieso?

Ich glaube, Musiker und Musikerinnen erhalten in unserer Gesellschaft noch zu wenig Anerkennung. Für viele ist Musik nur ein Hobby. In Jamaika ist eine Musikkarriere eine von wenigen Möglichkeiten aus dem Ghetto zu kommen. Hier hat man unzählige andere Optionen. Hinzu kommt, dass Musik in unserem Alltag eine untergeordnete Rolle spielt. Anders als in anderen Kulturen läuft Musik häufig nur im Hintergrund. Ich plädiere stark für laute Musik überall.

Gibt es Musik, die Sie heimlich hören und Ihnen peinlich ist?

Nein. Ich stehe dazu, wenn ich einen Song gut finde. Egal von wem er ist. Wenn mir einmal ein Song von Beatrice Egli gefällt, dann würde ich mich nicht dafür schämen.

Bei welchem Lied stellen Sie das Radio ab?

Bei Bligg. Seit er wieder versucht Hip Hop zu machen, hat er mich verloren.

Weil es schlecht ist?

Ich nehme es ihm nicht ab. Ich habe das Gefühl er spielt etwas, das er nicht ist.

Funktioniert Rap auf Schweizerdeutsch?

Ja. Immer wieder und immer mehr. Es funktioniert dann, wenn es authentisch ist. Lange hat man sich zu sehr an Amerika orientiert. Ich glaube aber die Schweizer Rapper und Rapperinnen sind auf einem guten Weg eine eigene Identität zu finden.

Ihre aktuellen Musik-Empfehlungen?

Nines aus England, Booba aus Paris, Trettmann aus Deutschland, Lila Iké aus Jamaika.