Topverdiener-Initiative
Soziologie-Professor Ueli Mäder: «Das soziale Basel muss immer wieder neu erkämpft werden»

Peter Schenk
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Der Soziologie-Professor Ueli Mäder setzt sich für mehr Umverteilung ein.

Der Soziologie-Professor Ueli Mäder setzt sich für mehr Umverteilung ein.

Keystone

Topverdiener müssen in Zukunft in Basel mehr Steuern zahlen. Die Initiative der Juso wurde am Sonntag überraschend mit 52,7 Ja-Stimmen angenommen.

Der Soziologe und Armutsforscher Ueli Mäder (68) äussert sich zum Wahlausgang. Für seine Bücher «Wie Reiche denken und lenken» und «Geld und Macht in der Schweiz» hat er auch mit 200 reichen Schweizern ausführliche Interviews gemacht.

Höhere Steuern

Um 3000 Personen sind betroffen

Die höhere Besteuerung von Topverdienern betrifft das steuerbare Einkommen und nicht den Lohn. Laut Finanzdepartement sind 3000 Personen von der neuen Abgabe betroffen. Höher versteuert wird nur der Betrag ab der Grenze von 200'000 respektive 300'000 Franken. Bis 200'000 Franken beträgt der Steuersatz 2019 22 Prozent. Der Betrag zwischen 200'000 und 300'000 Franken wird mit 28 statt 26 Prozent versteuert. Das sind 2000 Franken mehr. Wer eine Million versteuert, muss
23'000 Franken mehr zahlen. (psc)

Herr Mäder, hat Sie das Ja zur Topverdiener-Initiative überrascht?

Ja – und gefreut. Sie ist ein wichtiges Zeichen für die Umverteilung, und diese tut not. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber der kann weiter führen.

Wie erklären Sie sich die Annahme?

Die Transparenz der sozialen Ungleichheit hat zugenommen. Es gibt heute etliche besonnene politisch liberale Personen, die befürchten, dass die zunehmende Polarisierung auch den sozialen Zusammenhalt gefährdet. Das wirkt.

Zeigt sich Basel nicht undankbar gegenüber den vielen Reichen, die doch mit ihrem Geld uneigennützig Stiftungen, Kulturprojekte und gemeinnützige Vorhaben unterstützen?

Es gibt in Basel tatsächlich eine hohe Wertschätzung gegenüber den begüterten Kreisen, die Gutes tun. Es gibt aber auch das Bewusstsein, dass man den sozialen Ausgleich nicht dem Goodwill der Privaten überlassen darf. Man ist sich der einseitigen Abhängigkeit bewusst und sagt: Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Ist die Annahme der Initiative auch eine Reaktion des sozialen Basels, das sich für mehr Steuergerechtigkeit einsetzt?

Das soziale Basel hat zwar eine lange Tradition, muss aber immer wieder neu erkämpft werden. Dass jetzt die Reichensteuer neu verhandelt wurde, zeugt von einer konstruktiven Kultur der Auseinandersetzung.

Glaube Sie, dass es Reiche geben wird, die Basel wegen der höheren Steuer verlassen?

Einzelne vielleicht schon, aber um sie ist es nicht schade: Sie sollen gehen. Viele Reiche wissen, wie wichtig eine gute Infrastruktur und sozialer Ausgleich sind. Es gibt Reiche in Basel, die gerne Steuern zahlen, weil sie an einem starken wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge interessiert sind – an Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Auch die Abschaffung der Pauschalsteuer in Zürich hat gezeigt, dass nur einzelne Reiche Zürich verlassen haben und die Einnahmen aber zugenommen haben.

Ist die Annahme der Topverdiener-Initiative eigentlich ein städtisches Phänomen?

Der Unterschied zwischen Urbanität und Ländlichkeit hebt sich teilweise immer mehr auf. In der kleinen Schweiz sind die Wege kurz, und mit den sozialen Strukturen nähern sich vermutlich auch Positionen zur Besteuerung der Reichen an.

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