Sturmgewehr

Sicherheitsexperte zur Polizei-Aufrüstung: «Bisherige Waffen reichen aus»

Der ehemalige Polizeibeamte und Sicherheitsexperte Rafael Behr ist überzeugt, dass die aktuelle Bewaffnung der Polizei zur Bekämpfung des Terrorismus ausreicht.

Mark Walther
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Stärkere Waffen würden Polizisten nichts nützen, findet Rafael Behr.

Stärkere Waffen würden Polizisten nichts nützen, findet Rafael Behr.

KEYSTONE

Herr Behr, ist es richtig, Streifenpolizisten mit Sturmgewehren ausrüsten?

Rafael Behr: Nein. Bisher konnte mir niemand plausibel erklären, warum es diese Kriegsbewaffnung braucht. Ich sehe keinen Mehrwert in den stärkeren Waffen. Im Kampf gegen Terroristen reicht die bisherige Bewaffnung der Polizei aus. Dieser Meinung sind praktisch alle Fachleute. Man muss auch sehen: Sturmgewehre haben eine höhere Durchschlagskraft als Pistolen. Sie sollen Menschen nicht nur stoppen, sondern töten. Davon sind aber auch Unbeteiligte betroffen. Die Gefahr, dass sie getroffen werden, ist in der Stadt unberechenbar.

Zur Person

Rafael Behr

Rafael Behr (58) ist Professor für Polizeiwissenschaften mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie am Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg. Ausserdem lehrt er am Institut für kriminologische Sozialforschung (IKS) der Universität Hamburg und an der Universität Bochum. Vor seiner akademischen Laufbahn war Behr selbst Polizeibeamter.

Der Baselbieter Polizeikommandant Mark Burkhard sagt, es brauche neue Waffen, weil Terroristen oft Schutzwesten trügen und auf grössere Distanzen bekämpft werden müssten.

Ich kenne keine Situation, in der ein Terrorist sich mit einer Weste schützte. Zu den grossen Distanzen: Das ist ein Standardargument der Aufrüstungsbefürworter. Häuserkämpfe und Feuergefechte über Hunderte Meter sind aber gerade in Städten illusorisch. Das ist bisher nur einmal im Ansatz vorgekommen: Beim Anschlag auf «Charlie Hebdo» in Paris. Jetzt nimmt man dieses Attentat als Referenz, obwohl es seither in dieser Form nicht mehr vorgekommen ist. Weder im Pariser Club Bataclan noch in Brüssel oder Nizza.

Aber das Szenario könnte sich wiederholen.

Das lässt sich nicht ausschliessen. Aber ob es wahrscheinlich ist, ist eine andere Frage. Die Terroristen haben Fantasie und gehen immer wieder anders vor. Sie agieren etwa vermehrt als Einzeltäter und ohne Sprengstoff, bewaffnen sich stattdessen mit gewöhnlichen Haushaltsgeräten. Darum ist es auch schwierig, die nächste Eskalationsstufe vorherzusehen.

Sturmgewehr

Kantone wollen ihre Polizei besser ausrüsten

Gewisse Kantone reagieren auf die Terroranschläge in Frankreich, Belgien und Deutschland mit Aufrüstung. Die Kantonspolizeien Bern, St. Gallen und Aargau haben Sturmgewehre angeschafft, mit denen sie ihre Generalisten – besser bekannt als Streifenpolizisten – ausstatten. Das bestätigte Stefan Blättler, Präsident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten am Dienstag gegenüber dem SRF-Nachrichtenmagazin «10 vor 10». Welche weiteren Polizeikorps ebenfalls aufgerüstet haben, wollte Blättler nicht sagen. In Basel-Stadt und -land werden keine Sturmgewehre angeschafft. Im Stadtkanton untersucht man momentan, mit welchem Munitionstyp mit mehr Durchschlagskraft die bereits vorhandenen Maschinenpistolen ausgerüstet werden können. Ausserdem findet nächstes Jahr eine erneute Schulung für Polizisten zur Einsatztaktik bei Terrorbedrohungen an. Baselland ist daran, neue Maschinenpistolen zu beschaffen.

Welches Vorgehen schlagen Sie vor?

Man sollte die kriminalistische Professionalität der Polizei stärken und dafür sorgen, dass sie erfolgreich mit dem Nachrichtendienst zusammenarbeitet. Man darf eines nicht vergessen: Ein Attentat, an dem viele Terroristen beteiligt sind, muss vorbereitet werden, bedarf einer grossen Logistik. Nachrichtendienste sind spezialisiert darauf, solche Vorgänge aufzuspüren. Deshalb braucht es einen starken Nachrichtendienst und nicht militärische Bewaffnung der Polizei. Darin sehe ich nur eine symbolische Aufrüstung.

Was meinen Sie damit?

Ich fürchte, die Bevölkerung will sehen: Wir sind bis an die Zähne bewaffnet, wir sind den Terroristen ebenbürtig. Dabei ist das Argument der Waffengleichheit hinfällig: Der Gegner ist waffentechnisch nicht überlegen. Er nutzt nur Situationen, auf die wir nicht vorbereitet sind. Überdies hat die Polizei ja bereits Maschinenpistolen. Das sind massive Instrumente, werden aber höchst selten eingesetzt. Die Aufrüstung soll der Bevölkerung noch mehr Sicherheit vermitteln.

Kann das nicht auch ein Unsicherheitsgefühl hervorrufen?

Durchaus. Man denkt doch: Wo sich viel Polizei befindet, muss viel Unsicherheit sein. Die schweren Waffen können dieses Gefühl noch verstärken. Darüber hinaus entfernt sich die Polizei von der Bevölkerung. Zu Polizisten mit schweren Waffen sucht man den Kontakt weniger als zu einem Streifenpolizisten, der lediglich eine Pistole trägt. Die Entwicklung geht in Richtung Militarisierung der Polizei. Das hat mit einer Bürgerpolizei nichts mehr zu tun. Auch mit den Polizisten kann das etwas machen. Wenn ich die Waffe habe, finde ich auch Situationen, um sie einzusetzen.