Theater Basel

Schauspieleröffnung in Basel: Auch Gott sein macht müde

Der neue Hausregisseur Antú Romero Nunes eröffnet die neue Ära am Theater Basel mit einer betörenden Inszenierung von Ovids «Metamorphosen».

Mathias Balzer
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M.KORBEL2020©_Metamorphosen_8150 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes
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"Metamorphosen" am Theater Basel
M.KORBEL2020©_Metamorphosen_2692 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes
M.KORBEL2020©_Metamorphosen_3386 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes
M.KORBEL2020©_Metamorphosen_6726 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes
M.KORBEL2020©_Metamorphosen_7296 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes
M.KORBEL2020©_Metamorphosen_8882 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes

M.KORBEL2020©_Metamorphosen_8150 Ovids "Metamorphosen", inszeniert von Antú Romero Nunes

bz

Am Anfang steht Überforderung. Ob sie die Götter bei der Erschaffung der Welt heimgesucht hat, wissen wir nicht. Ein Regisseur und ein Ensemble, die Ovids «Metamorphosen» zum Theaterabend destillieren wollen, setzen sich jedoch gewiss und absichtlich einer Überforderung aus. Das Epos aus der Gründerzeit des Römischen Reiches umfasst 15 Bücher mit etwa 12000 Versen.

Weltbeginn, Sintflut, das goldene Zeitalter der Menschheit, wo Milch und Honig fliessen, und ihr Niedergang sind der zeitliche Rahmen. Krieg, Irrfahrt, Inzest und Wahnsinn die Themen. Götter, Halbgötter, Monster, Naturgeister und natürlich Frauen und Männer, Helden und Versager sind das Personal, das von Mythos zu Mythos durch ein unüberschaubares Universum mäandert.

Der Autor Ovid, als Dichterstar gefeiert, als vergrämter Mann in der Verbannung am Schwarzen Meer gestorben, hat in seinem Epos alle damals bekannten Geschichten, Sagen und Mythen versammelt. Die «Metamorphosen» sind zum Fundus für Legionen von Dichtern, Dramatikern, Komponisten und Künstlern geworden. Auch 2000 Jahre nach Ovids Tod erzählen wir uns diese Geschichten. Medea, Diana, Orpheus, Teiresias oder Aphrodite geistern unsterblich durch die Spielpläne der Theater. So auch 2020 am Theater Basel.

Eine fantastische Sammlung von Theatermitteln

Die Überforderung hat sich gelohnt. In kurzweiligen dreieinhalb Stunden spielt sich das elfköpfige Ensemble begleitet von einer Band durch den Stoff.
Regisseur Nunes und Bühnenbildner Matthias Koch geben diesem wilden, in Togas gehüllten Haufen wenig zur Hand. Plastikstühle, eine handliche Nebelmaschine, mal eine Transportbox der Technik, mal ein Bett, mal ein Tisch, eine Handvoll Kostüme. Der Rest ist Spiel und Fantasie, Musik und Klang, in strahlendes Licht gesetzt.

Selbstredend kommen nicht alle 250 Mythen aus Ovids Epos zur Sprache. Eine Auswahl muss sein. Darum geht es jedoch gar nicht. Es geht ums Erzählen. Und es geht auch um die Frage, was Theater kann.

Nunes und sein Ensemble reflektieren diesen Stoff auf kluge und berührende Weise. Ovid hat eine Enzyklopädie menschlicher Dramen und Komödien erstellt, Nunes eine Sammlung der Theatermittel: das Chorische und der Monolog, Dokumentarisches und Slapstick, Trash und klassisches Drama, Kalauer und eiskalter Dialog, Popsongs und Metatheater gehen fliessend ineinander über.

Und genauso werden die Gefühle auf Achterbahn geschickt, angetrieben von der immer präsenten Musik. Trauer und Witz, Schmerz und Melancholie, Verzweiflung und Wahnsinn: Alles ist drin in diesem überbordenden Theater-Tableau, das den Reichtum erzählerischer Formen zelebriert.

Locker und unangestrengt zieht dieser Fluss vorbei. Und ganz nebenbei erhält jede und jeder der elf Schauspielerinnen und Schauspieler Gelegenheit, sein Potenzial im Solo zu präsentieren. Ein Schauspielerinnen-Fest. Aber eben: Auch Götter und Schauspieler werden irgendwann müde.

Es gibt kein Entkommen aus dem Erzählen

Nach der Pause stellt sich Erschöpfung ein. Nicht mental, im Gegenteil. Aus Erschöpfung entstehen erst recht Esprit und Ehrlichkeit. Und das macht diese Inszenierung besonders wertvoll. So schön und spassig das Theaterfest auch ist: Die Frage, ob das nicht alles miese und ausgelutschte Geschichten sind, «voller Sex, Gewalt und schlechter Laune», wird vom Ensemble selbst gestellt.

Was genau wollen uns diese ewig wiederkehrenden Blockbuster-Vorlagen und Heldenreisen eigentlich sagen? Ewig Göttin oder Held zu sein macht müde. Für Nunes Gelegenheit, einen urkomischen Ensembledisput zu inszenieren. Aber auch dieser bietet keinen Ausweg aus der Theater- und Geschichtenfalle. Auch die Dekonstruktion der Geschichte ist wiederum eine Erzählform.

Wenn die Götter und Heldinnen tot sind, erschlagen von der Aufklärung, irren sie als verwandeltes Personal nicht mehr auf dem Olymp, sondern in einem naturalistischen Setting in Endlosschlaufe umher. Denn auch das bietet die Inszenierung zum Schluss: psychologisches Kulissentheater, Blue-Jazz-Melancholie und eine Hommage an Edward Hopper.

Der heimliche, unsichtbare Star ist jedoch ein Wal, genauer der 52-Hertz-Wal. Eine real existierende Kreatur in den tiefen des Meeres, unendlich einsam, weil die tiefe Frequenz seines Gesangs von keinem anderen Wal gehört wird. Ist das tragisch oder eine Form der Freiheit? Egal: Auch diesen Wal kann das Theater ohne technische Hilfsmittel auf die Bühne zaubern. Gehen Sie hin und sehen Sie selbst.

"Metamorphosen", bis 13. Februar, Theater Basel.