Portrait

Sam Himself: Von Nobody zu sich selbst

Musiker Sam Himself gewährt einen Einblick in seine Gedanken und Gefühle über Vergangenes. Er spricht über seine Musik und das Leben in New York. Ab November will er zusammen mit Anna Rossinelli begeistern.

Olivia Fierz
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Er selbst – Sam Koechlin posiert etwas widerwillig mit Sonnenbrille in der Sommerhitze.

Er selbst – Sam Koechlin posiert etwas widerwillig mit Sonnenbrille in der Sommerhitze.

Kenneth Nars

Etwas widerwillig setzt Sam Koechlin seine Sonnenbrille auf. «Mit der sehe ich doch aus wie ein Macker», sagt er und posiert dann trotzdem für das Foto dieses Artikels. Vielleicht könne er ja sein Alter hinter den grossen dunklen Gläsern verstecken, sagt der noch nicht ganz 30-Jährige ironisch. Im Pavillon des Schützenmattparks legt er sie schliesslich auf den Tisch. Die Distanz ist weg, und Koechlin wirkt entspannter. Er stellt viele Fragen – sein Gegenüber gibt Antworten zu Journalismus und Literatur, während Koechlin nickend zuhört. Der auf ihn gerichtete Fokus scheint ihm anfangs etwas unangenehm zu sein. Dabei ist er seit seiner Rückkehr aus New York im Fokus der Schweizer Medien und müsste sich an die Aufmerksamkeit gewöhnt haben. Vielleicht ist es auch nur Neugier und Koechlin fragt aus purem Interesse.

Nach zehn Jahren in New York weilt der Musiker wieder in Basel– «eine temporäre Rückkehr», betont er. Die geplante Tour mit Anna Rossinelli im April führte ihn zurück in die Schweiz. Doch aufgrund des Corona-Lockdowns fand diese aber nicht statt und musste auf November verschoben werden. Trotz der abgesagten Tour bleibt Koechlin in Basel. Corona sowie auch die politische Instabilität in New York halten ihn von seiner Rückreise ab. Die aktuellen Geschehnisse in den ganzen USA würden ihn sehr beschäftigen, sagt er.

Zurück in der Stadt, in der er aufwuchs, erinnert er sich vor allem an seine Schulzeit. Schon damals war sein Weg ein anderer als der seiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Mit langen Haaren interessierte sich Koechlin wenig für Sport, denn beschäftigt mit seiner Musik, war er lieber für sich alleine und nicht am Fussballspielen mit den anderen. Sein Künstlername «Sam Himself» beschreibt also in gewisser Weise auch den jungen Sam Koechlin, doch sind seine Haare jetzt kurz und platinblond.

Der Name entstand an einem Konzert, bei dem er die Bühne mit seiner Duo-Partnerin teilen sollte. Diese tauchte jedoch nicht auf, und so wurde Sam Koechlin als «Sam Himself» auf die Bühne gebeten. Es ist diese überspitzte Selbstpräsentation, die der Name «Sam Himself» vermittelt. Und genau darum hat er den Namen auch behalten, weil es die extrovertierte, künstlerische Präsentation ist, mit der er sich so oft nicht identifizieren kann. «Schwer zu glauben, aber eigentlich bin ich eher schüchtern. Da hilft es, sich selbst nicht immer ernst zu nehmen», sagt er lachend.

Mit neunzehn Jahren verliess Sam Koechlin seinen Heimatort und ging nach New York, um dort Teil der Musikszene zu werden. Es war ihm schon lange klar, dass es die New Yorker Szene ist, zu der er dazugehören möchte; die Hauptstadt des Jazz, der Ursprung der Hip-Hop-Kultur und das Zentrum von verschiedenen musikalischen Entwicklungen – nicht irgendeine also, sondern eine historisch prägende Szene.

Angekommen in der Konkurrenz

«New York und ich, das passte einfach irgendwie», beschreibt er sein Bauchgefühl, auf welches er vertraute. Mit seiner Gitarre und einer kleinen Reisetasche kam Koechlin eine Atlantiküberquerung später in New York an und verbrachte die erste Zeit verträumt im Freiheitsgefühl, von Zuhause weg zu sein, in der Hoffnung nach oben, hin zum grossen Musikbusiness zu kommen. Wie ein Hauptdarsteller in einem etwas kitschigen Hollywood-Film hatte er sich gefühlt, sagt Koechlin. Diese romantische Beziehung zu New York durchlebte aber auch toxische Zeiten und ist bis heute ambivalent.

Schwer zu glauben, aber eigentlich bin ich eher schüchtern.

(Quelle: Sam Koechlin Musiker)

Dabei fing sie eher einseitig an: «Als ich ankam, merkte ich, dass es New York ziemlich wenig interessiert, ob ich hier bin oder nicht». Das filmähnliche Bild der New Yorker Musikszene traf erstmals auf die Härte der Realität. Die Realität, dass Koechlin für die Musikszene von New York noch unbekannt war. «Es war nicht so, dass ich am falschen Ort war und die Party woanders stattfand. Ich war am richtigen Ort, aber einfach nicht eingeladen. Am Anfang war das eine einsame Zeit», erinnert sich Koechlin. Eine prägende aber auch, die sich in seinem Lied «Nobody» widerspiegelt. Darin vermittelt er die Wichtigkeit, sich selbst und seine eigene Musik zu finden und sich in dieser Form zu akzeptieren, in der man gerade ist. «Auch wenn das heisst, vorerst mal ein Niemand zu sein», sagt er.

Wenn Koechlin über sich selbst und seine Erfahrungen erzählt, dann spricht er mit einem starren Blick, der nur manchmal die Augen seines Gegenübers streift. Seine Ausdrucksweise wirkt ruhig und konzentriert, als ob er seinen Gedanken aufmerksam folgt, um daraus verständliche Wörter und Sätze zu bilden. Und wenn man Sam Koechlin zuhört, dann scheint diese Konzentration verständlich, denn seine Gedanken sind vielschichtig und zahlreich – eine Ansammlung von Reflexionen über verschiedene Abschnitte in seinem Leben. In New York anzukommen, seine eigene Musik und einen Platz in der Musikszene zu finden, sind nur einige davon.

Musik zum Weinen und Tanzen

Die eigene musikalische Ausdrucksweise hat Sam Koechlin mittlerweile gefunden. Seine Musik ist eine Mischung aus Melancholie und Tanzfreude, die er brummend mit seiner tiefen Stimme begleitet. Er selbst bezeichnet seine Musik als «Fondue-Western-Sound» – irgendwo zwischen Indie und Pop, amerikanisch und doch schweizerisch finden sich seine Lieder in den Musik-Kategorien. Sie seien aber nicht viel wert, wenn er sie nicht mit Menschen teilen kann, meint Koechlin. Es ist ihm wichtig, dass seine Lieder nicht mit eigenen Emotionen geprägt werden – so, dass, unabhängig von seinen Erfahrungen, jede und jeder einen eigenen Zugang zu ihnen finden kann. «Ich bin dankbar dafür, ein Publikum zu haben. Dass es Leute gibt, denen meine Musik etwas bedeutet, darum geht’s mir. Wie viele das schlussendlich genau sind, solche Zahlen sind mir gar nicht so wichtig.»

 Sam Himself startet musikalisch durch.

Sam Himself startet musikalisch durch.

Kenneth Nars

Mittlerweile hören ihm viele zu. Koechlin füllt Konzertsäle wie «Baby’s All Right» am Broadway in Brooklyn, und am Open Air St. Gallen spielt er vor mehreren tausend Hörerinnen und Hörern. Im Juni wurde er zum «SRF Best Talent» gekürt. Wenn er auf der Bühne steht, gehe es ihm aber nicht um die künstlerische Selbstpräsentation, sondern darum, das Konzert gemeinsam mit dem Publikum zu erleben. Die extrovertierte Präsentation auf der Bühne fordert ihn jedes Mal aufs Neue heraus, denn die Schüchternheit folgt ihm oft bis dahin. «Selbstironie hilft», sagt er. Sei es der überspitzte Eigenbezug in seinem Künstlernamen oder die ausgelassene Verrücktheit, mit der er in seinem neuen Musikvideo durch die Langstrasse in Zürich tanzt – die Selbstironie begleitet Koechlin im gleichen Schritt wie die Schüchternheit.

«Die Willensstärke kommt von meinem Trotz»

Nicht nur der Weg zur Musik hat in Sam Koechlins Schulzeit seinen Ursprung – die Willenskraft, die ihn dazu antrieb, entsprang ebenfalls dieser Zeit. «Das war diese Jetzt-erst-recht-Haltung, die damals entstand und mit der ich darauf antwortete, ausgelacht und ausgeschlossen worden zu sein. Wohl auch darum, weil ich das Gefühl hatte, dass mich nicht wirklich jemand versteht.» Eine Trotzhaltung, die sich auszahlte, denn der Weg führte ihn nicht nur vor ein grosses Publikum, sondern auch zu sich selbst und zu dieser selbstironischen Sicht auf die Welt, durch die er nicht immer alles allzu ernst nehmen kann.