Pfingsten

Radikal zugunsten anderer

Christi Botschaft besteht darin, sich für andere einzusetzen – ohne Ausnahme, ohne Kompromiss.

Lukas Kundert*
Drucken
Teilen
Nigeria, Art Brut, Opferung Isaaks – der dazwischentretende Engel ist die alttestamentliche Version des Heiligen Geistes, des Fürsprechers.

Nigeria, Art Brut, Opferung Isaaks – der dazwischentretende Engel ist die alttestamentliche Version des Heiligen Geistes, des Fürsprechers.

zvg/Privatbesitz des Autors

Je weniger sich unsere Gesellschaft auf gemeinsame Werte einigen kann, umso lauter ruft sie nach Institutionen, die diese Werte generieren sollen. Staat, Schulen, Universitäten, Kirchen, Parteien oder Wirtschaft sollen die Lücken füllen, die an den Bruchlinien von Wertekonflikten entstehen. Dabei ist das jeweils argumentierende Subjekt meist der Meinung, dass seine Wertehaltung von der in die Pflicht gerufenen Institution bestätigt gehört.

Als Pfarrer, Theologieprofessor und Kirchenratspräsident erfahre ich, dass diese Beeinflussung des Wertekanons besonders ausgeprägt «von der Kirche» erwartet wird. Dabei ist das Spektrum dessen, was wir leisten sollten, so breit wie unrealistisch. Die einen verlangen den Einsatz für alle leidende Kreatur, gegen Landwirtschaft und Fleischproduktion, obwohl sie selber davon leben. Andere fordern von «der Kirche» die Verhinderung der Präimplantationsdiagnostik, die man notabene selber an der Urne angenommen hat. Und es gibt sogar Menschen, die an der Urne für das Primat des Strassburger Gerichtshofs auch über die Schweizer Rechtsprechung gestimmt haben und gleichzeitig die Kirche nötigen wollten, gegen Entscheide dieser Instanz zu handeln.

Oft sind es Nichtmitglieder, welche die absurdesten Erwartungen hegen. Moralismus scheint die Religion der Säkularen zu sein.

Auseinanderdriftende Werte

Wir leben in einer Welt der divergenten Wertvorstellungen, deren Widersprüche sich auch in uns spiegeln. Wir kritisieren Muslime, wenn wir unsere Vorstellung der Gleichberechtigung der Geschlechter einfordern, während wir gegenüber Autowerbung, die Frauen sexistisch missbraucht, kraftlos auftreten. So wird der verständige Mensch auf ein Pfingstwunder hoffen, auf ein Wunder, das Verstehen möglich macht. Etwas empfinde ich an dieser um sich greifenden «Moralisierung» unseres Lebens allerdings als positiv.

Es ist die Beobachtung, dass die gegenwärtige mitteleuropäische Gesellschaft an Jesus Christus nicht vorbeikommt. Würden sonst die Ansprüche vieler ganz und gar nicht religiöser, längst aus der Institution ausgetretener Menschen an «die Kirche» so oft unter Berufung auf den Sohn Gottes formuliert? Auch wenn diese Verweise meist an der Oberfläche bleiben, ist doch interessant, dass wir in der Gestalt Jesu Christi einen gemeinsamen Nenner finden, auf dem Religiöse und Nichtreligiöse noch miteinander reden können.

Das Neue Testament sagt, die entscheidende Tat Jesu sei gewesen, «für uns» zu sterben. Die Formulierung bezieht sich auf das altgriechische Freundschaftsideal, wonach sich ein Freund in der Schlacht vor mich wirft, auf dass die Lanze ihn und nicht mich treffe. Christus kommt das Verdienst zu, sich so sehr für uns zu verwenden, dass wir den endgültigen Tod nicht erleben müssen. Dementsprechend ist das entscheidende Element neutestamentlicher Ethik nicht eine bestimmte Moral oder ein bestimmtes moralisches Verhalten. Entscheidend ist es, zugunsten anderer zu sein.

Die entscheidende Tat

Das ist keine Norm, sondern eine Bewegung, ein Dazwischentreten. Zugunsten von Armen und Benachteiligten im landläufigen Sinn, aber auch zugunsten von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, vom Shitstorm erfasst werden oder ihrerseits für das Gemeinwesen einstehen und deswegen angegriffen werden. Die entscheidende Tat Christi ist Fürsprache, und Pfingsten ist das Fest, das uns zu Fürsprechern macht.

Als Kirche wollen wir deshalb Menschen stärken, die sich für andere einsetzen – Gewerkschafter oder Arbeitgeberinnen, Abgeordnete oder Regierende, Polizisten oder NGO-Vertreter. Dies haben wir uns auch mit dem gemeinsam mit der bz Basel entwickelten Bildungsformat «Basel im Gespräch» in der Offenen Kirche Elisabethen vorgenommen.

Wir müssen Menschen dazu befähigen, sich für andere einzusetzen. Als Kirche geraten wir dabei immer wieder zwischen die Fronten, wie unlängst die Debatte um das Kirchenasyl gezeigt hat. Das müssen wir aushalten. Das ist der Preis dafür, dass wir uns am Neuen Testament orientieren, welches alles andere ist als ein Steinbruch für politische Meinungen von links bis rechts. Hingegen leitet es uns dazu an, Fürsprache zu leisten – radikal zugunsten anderer. Pfingsten wird dann ganz radikal, wenn die Menschen gelernt haben, jeder Fürsprecher des anderen zu sein.