Queerbeet
Rosa und Blau unterstreichen das binäre System

In seiner Kolumne schreibt der 18-jährige Buchblogger Josia Jourdan über queere Vielfalt.

Josia Jourdan
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Barbies für Mädchen, Autos für Jungs: Gewisse Stereotypen existieren bereits in der Kindheit.

Barbies für Mädchen, Autos für Jungs: Gewisse Stereotypen existieren bereits in der Kindheit.

Nicole Nars-Zimmer

«Also die Herrenabteilung wäre eigentlich einen Stock tiefer»: So etwas höre ich regelmässig, wenn ich mich in Kleidergeschäften umschaue und dabei nicht nur die – meist sehr viel kleinere und langweiligere – Männerabteilung begutachte, sondern eben auch bei den Frauen nach etwas Passendem suche, weil ich die Kleidung grundsätzlich als ziemlich geschlechtslos betrachte. Es sind diese Aussagen, die zwar nett gemeint sind, mich aber in jüngeren Jahren verunsicherten und meine Wangen heiss anlaufen liessen, während ich schnellstmöglich aus dem Geschäft floh.

Ich bin ein Mann, der gerne mal in der Frauenabteilung einkauft, Eyeliner trägt und seine feminine und maskuline Seite miteinander verbindet. Trotzdem werde ich von der Gesellschaft als Mann erkannt und geniesse die damit einhergehenden Privilegien. Daran ändert ein Croptop oder ein bisschen schwarze Schminke um meine Augen auch nichts. Ich muss nicht meine Geschlechtsidentität, sondern höchstens meinen Modegeschmack erklären, wenn ich in der Frauenabteilung einkaufen gehe. Ich werde vielleicht beleidigt und blöd angemacht dafür, ich werde deswegen aber nicht mit dem falschen Geschlecht angesprochen.

Anders sieht es jedoch bei trans und nicht-binären Menschen aus. Menschen, die sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Als ich letztens in der Lesung von Sascha Rijkeboer sass und Sascha von ihren Erfahrungen als nicht-binäre Person erzählt hat, ist mir nochmals deutlich geworden, wie stark unser Leben von der Unterteilung in diese binären Geschlechter geprägt ist und wie kompliziert dadurch das Leben für Menschen ist, die sich darin eben nicht wiederfinden.

Das geht weit über die Herren- und Frauenabteilungen hinaus. Eine Trendbewegung startet damit sogar schon vor der Geburt und feiert sogenannte Genderreveal-Parties, an denen das Geschlecht verkündet wird und anschliessend auf Social Media gepostet wird. Rosa und Blau unterstreichen dabei dieses binäre System, welches die Existenz von trans und nicht-binären Menschen praktisch ausradiert und Stereotypen von Beginn an reproduziert.

Es sind die Mädchen- und Jungs-Gruppen in der Primarschule, Barbies und Autos zum Geburtstag und die Angst, dass der Sohn queer sein könnte, wenn er sich für Schminke interessiert und gerne einen Rock anziehen würde. Dabei sind solche äusseren Merkmale nicht, was unsere Geschlechtsidentität bestimmt. Geschlecht ist mehr als Rosa und Blau, mehr als Schminke oder die Kleidung, die wir tragen. Genau darum ist es wichtig, dass 2022 dieses Thema der Fokus der queeren Bewegung in der Schweiz sein wird.

«Trans Vielfalt leben» ist das Motto der Pride 2022 und seit Januar dieses Jahres ist es für trans Personen einfacher, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen zu ändern, das Thema rückt immer mehr ins Zentrum des Diskurses. Das sind erste Schritte, aber noch viel wichtiger ist, dass wir cis Personen – Menschen, die sich mit dem Geschlecht, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen worden ist, identifizieren können – trans Menschen zuhören und uns gemeinsam für eine Welt einsetzen, in der diese Menschen sichtbar sind und gleiche Rechte wie wir haben und in der wir uns unabhängig unserer Geschlechtsidentität kleiden und Interessen haben dürfen.

Sascha Rijkeboer: Mir wächst ein Schnauz – Transtrender Chroniken
Kaserne Basel, 22.2., 19.30 Uhr.