Spionage
Privatdetektive gibt es nicht nur in Kriminalromanen

Vergesst NSA, Google und Co: Am meisten findet noch immer der gute alte Privatdetektiv über uns heraus. Wir haben Max Steiner über seinen Berufs-«Alltag» als Privatdetektiv in Basel befragt. So realitätsfern sind manche Krimis scheinbar gar nicht ...

Benjamin Wieland
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Und täglich der Blick über den Gartenhag: Privatdetektiv Max Steiner macht Jagd auf Blaumacher, Schwarzarbeiter, Diebe, Hehler – vor allem aber Fremdgeher.

Und täglich der Blick über den Gartenhag: Privatdetektiv Max Steiner macht Jagd auf Blaumacher, Schwarzarbeiter, Diebe, Hehler – vor allem aber Fremdgeher.

Kenneth Nars

Max Steiner mag es, wenn es regnet. Dann kann er einfacher andere Leute beschatten. Etwa, indem er sich unter einem Schirm verbirgt – oder hinter den mit Wassertropfen bedeckten Scheiben eines Autos. Was ihm auch entgegenkommt: Die Menschen trödeln weniger bei Schmuddelwetter, sie gehen gezielt ihren Geschäften nach. Auch den Geschäften, die Max Steiner interessieren.

Spionieren – das ist Steiners Beruf. Er ist Privatdetektiv. «Ein richtiger», wie er sagt, einer, der die Detektivschule absolviert hat. Das sei wichtig, denn der Titel ist nicht geschützt. Ein Jahr lang lernte er das Handwerk, immer samstags: morgens Theorie, am Nachmittag ging’s auf die Pirsch.

Privatdetektiv sei sein Traumberuf, sagt Steiner. Von den Aufträgen lebe man «nicht schlecht». Für ein Häuslein, meint er, «reicht es dann schon irgendwann».

Der erste Fall: ein Fremdgeher

Steiner sitzt in seinem Büro in Reinach. Ein karger Raum im Keller eines Mietshauses in einem Wohnviertel. Hier empfängt er Kunden. «Das richtige Büro», sagt er, «also der Raum, wo ich recherchiere, plane, Berichte schreibe, ist woanders.» Wo, verrät er nicht, ebenso wenig wie sein Alter.

Trotz seiner stolzen Körpergrösse ist Steiner eine unauffällige, da durchschnittliche Erscheinung. Karo-Hemd, schwarze Turnschuhe, Jeans: Er ist der Typ Mensch, der einem die Türe aufhalten könnte, Sekunden später hätte man sein Gesicht schon wieder vergessen. Und das ist ihm ganz recht so. «Sehen und nicht gesehen werden», sagt er, «das ist meine Devise.»

Gelernt hat Steiner, der in einem Vorort von Basel aufgewachsen ist, einen technischen Beruf. Mit 25 entschloss er sich, die Detektivausbildung zu absolvieren. «Auf gut Glück», wie er sagt. «Ich hatte damals ja überhaupt keine Ahnung, ob was daraus wird.» Frisch diplomiert liess er eine Website aufschalten. Da klingelte auch schon das Telefon. «Eine Frau wunderte sich, warum ihr Mann immer später nach Hause kommt», erinnert er sich. Wenige Tage später wusste sie die Antwort: Er geht fremd.

Diese «Ehegeschichten», wie er sie nennt, würden noch immer einen grossen Teil seiner Arbeit ausmachen. Aber auch Anwälte melden sich bei ihm, etwa bei Fällen von Schwarzarbeit. Dann sind auch Arbeitgeber wichtige Kunden. Etwa der Restaurant-Besitzer X, der sich nicht erklären kann, warum die Service-Angestellte Y immer so wenig Umsatz macht. Oder der Garagist Z, der wissen will, wo gestohlene Ersatzteile landen.

Beim Nickerchen erwischt

Einmal schickte Steiner einem Abteilungsleiter ein hübsches Foto von dessen Aussendienst-Mitarbeiter. Es zeigte diesen im Firmenauto auf einem Parkplatz. Mitten am Tag. Mit nach hinten gestellter Rückenlehne. Schlafend.

Bei den «Beziehungsgeschichten» seien die Auftraggeber je etwa zur Hälfte Männer und Frauen, die Trefferquote sei ebenfalls ausgeglichen. Männer könne man jedoch einfacher observieren, sagt Steiner. «Die passen weniger auf, die fühlen sich zu sicher.» Frauen seien vorsichtiger, zurückhaltender. «Aber manchmal», wirft Steiner ein, «muss man nur abwarten, bis sie genug Alkohol intus haben. Dann ist es auch bei ihnen rasch vorbei mit Diskretion.»

Hat Steiner genügend Beweise gesammelt, bricht er die Observation ab. Dass er Zielpersonen – oder Observanten, wie sie im Jargon heissen – wochenlang verfolge, komme äusserst selten vor. «Das ist ein Klischee aus Filmen», sagt Steiner. «Ich habe kaum je eine Nacht im Auto verbracht.» Das heisse aber nicht, betont Steiner, dass es nicht auch mal langweilig werden könne in seinem Job. «Wenn Du einen Tag lang eine Tür anstarrst, drehst Du fast durch.»

Unregelmässig – das sind seine Arbeitszeiten fast immer. Zwar verlangt er als Mindestauftrag immer vier Stunden, und diese müssen am Stück gebucht werden. Trotzdem leide das Privatleben. Über dieses schweigt er sich eisern aus. Es könnte ihn erpressbar machen.

Steiner ermittelt am liebsten draussen. «Onlinegeschichten», wie er sie nennt, macht er selten. Gemeint sind versteckte Recherchen im Netz oder per Handy: Jemandem eine anzügliche SMS schreiben, eine schlüpfrige Nachricht auf Facebook oder auf einem Seitensprung-Portal. Schauen, wie die Zielperson reagiert.

Auch technische Hilfsmittel sind willkommen: Hut-Kamera, Tele-Objektiv, Mikrofon – «das ganze Programm», wie er sagt. Dann gäbe es auch altbewährte Tricks: «Ein Riss oder ein Knick in der Zeitung zum Beschatten im Café, das kann schon mal nützlich sein.»

Mit der Umwelt verschmelzen

Privatdetektive brauche es immer, sagt Steiner. Bei der Detektei Basilisk, für die er tätig ist, kann er sich mit zwei Kollegen austauschen. Ab und zu gibt er auch einen Auftrag ab. Starke Konkurrenz ist seinem Berufsstand aber im Netz erwachsen. «Das Internet ist voll mit Spy-Software, Hacker-Programmen und so Sachen. Aber mit der Legalität ist es da nicht weit her.» Auch er müsse mal über eine Hecke in fremde Gärten spähen, «aber ich muss bei der Arbeit darauf achten, dass die Beweise vor Gericht auch verwertbar sind.»

Das Wichtigste bei einer Verfolgung: Man muss darauf achten, dass einen die Zielperson nicht anguckt. «Hat Dir der Observant dreimal ins Gesicht geschaut, bist du gebrannt. Dann gibt’s nur noch eines: Rückzug.»

Entlarvt worden sei er bisher ein einziges Mal, ganz zu Beginn seiner Karriere. Seither habe er das Verschmelzen mit der Umwelt perfektioniert. «Du musst eins werden mit deiner Umgebung. Kleidung, Auftreten, Verhalten – alles muss stimmen. Die Leute sollen durch dich hindurchschauen. Das Ziel ist, dass Du für sie gar nicht existierst.»

Ein schlechtes Gewissen ob seiner Tätigkeit habe er nie. «Ich bin ja nicht schuld an den Dingen. Ich decke nur auf.» Trotzdem müsse er darauf achten, dass er keine Vorurteile aufbaue. «Eine gesunde Distanz zu den Menschen, mit denen ich zu tun habe, ist schon angebracht.»