Masseneinwanderung
Politologe Hermann: «Agglomerations-Bewohner leben im Dazwischen»

Personenfreizügigkeit und Einwanderung würden in der Agglomeration oft als Bedrohungen für den letzten Rest ländlicher Idylle angesehen, sagt Politologe Michael Hermann. Ihnen würden die Schuld für Wohnungsknappheit und Staus zugeschrieben.

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Michael Hermann, Politologe

Michael Hermann, Politologe

AZ

In vielen Agglomerations-Gemeinden wurde die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen. Diese haben den Städten, von denen sie leben, die Gefolgschaft verweigert. Was ist da los?

Michael Hermann: Die Agglomerationen und Vorstädte sind ökonomisch eng mit den Kernstädten verwoben. Aber der Entscheid am 9. Februar fusste zu grossen Teilen nicht auf ökonomischen Überlegungen. Entscheidend waren – wie schon bei anderen Abstimmungen zuvor – Wertorientierung und Lebensweise.

Leben die Bewohner der Vororte so anders?

Gerade bei den Bewohnern des suburbanen Gürtels ist der Wohnort oft ein Kompromiss: Man muss in der Nähe der Stadt wohnen, weil da die Jobs sind, gleichzeitig sehnt man sich nach Idylle, Ruhe, Überschaubarkeit. So landet man im Agglomerationsgürtel in halber Distanz zwischen Kernstadt und Land. Die ökonomische Realität ist städtisch – nicht jedoch das Lebensideal. Personenfreizügigkeit und Einwanderung werden hier oft als Bedrohungen für den letzten Rest ländlicher Idylle angesehen. Ihnen wird die Schuld für Wohnungsknappheit, Anonymisierung und Staus zugeschrieben.

Warum haben die Städter dann die Initiative nicht angenommen? Sie «leiden» ja noch stärker unter den genannten Problemen?

Der Unterschied: Die heutigen Städter wollen meist in der Stadt leben. Sie haben ihren Wohnort bewusst gewählt, akzeptieren Phänomene, die mit der Stadt zusammenhängen. Die Agglomerationsbewohner jedoch haben im Kopf die Vorstellung von Land, sie leben aber im Dazwischen.

Überspitzt gesagt: Im Kopf sind sie auf einer Alpwiese und mit den Füssen in der Stadt?

So kann man es ausdrücken. Es gibt in der Agglomeration allerdings noch eine zweite wachsende Gruppe, von der viele Ja-Stimmen stammen dürften. Es sind die verdrängten Städter, Leute also, die gerne an einer guten Adresse in der Stadt leben würden, sich dies aber nicht mehr leisten können. Jene, die weniger städtisch wohnen, als sie gerne würden und jene, die städtischer wohnen, als es ihrem Ideal entspricht, haben sich in der Agglomeration zu einer Allianz zusammengefunden, die dem öffnungskritischen Lager erstmals seit langem eine Mehrheit beschert hat. (bwi)

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