Politik
Die Frage ums Parteipräsidium: Die Basler Grünen sind im Jugendwahn

Bei der Präsidentenwahl häufen sich die Absagen. Es zeigt sich: Die erfahrenen Parteimitglieder sind allmählich frustriert.

Leif Simonsen
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Raffaela Hanauer greift gemeinsam mit Benjamin Vulpen nach dem Co-Präsidium der Grünen Basel-Stadt. Parteiintern erntet das Duo Skepsis.

Raffaela Hanauer greift gemeinsam mit Benjamin Vulpen nach dem Co-Präsidium der Grünen Basel-Stadt. Parteiintern erntet das Duo Skepsis.

Bilder: zvg

Nach dem ganzen Elend um das desaströse Abschneiden von Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann bei den Wahlen gabs vergangene Woche endlich mal ein vielversprechendes Zeichen vonseiten der Basler Grünen. Zwei aufstrebende Talente, Grossrätin Raffaela Hanauer (27) sowie Benjamin Vulpen (34), der im Vorstand der Jungen Grünen Schweiz sitzt, kündigten an, die Nachfolge des abtretenden Kantonalpräsidenten Harald Friedl antreten zu wollen.

Anzunehmen ist, dass diese beiden am 23. März bei der Mitgliederversammlung gewählt werden. Wer will sich schon diesem Duo in den Weg stellen, das auf den ersten Blick alles mitbringt? Die Arbeitsteilung Mann/Frau gibt ihnen Argumente bei allfälligen Genderdiskussionen, die derzeit im grünen Lager ähnlich hoch im Kurs sind wie die Klimapolitik. Und den bisweilen ungestümen Elan des neuen Duos kann man offiziell nicht kritisieren, wenn man nicht als verbitterter Altpolitiker dastehen will. Folgerichtig hagelt es von den Altpolitikern Absagen, wenns um das Präsidium geht. Die Findungskommission hat, so Recherchen der bz, unter anderem von Michael Wüthrich, Thomas Grossenbacher, Raphael Fuhrer und Jerome Thiriet einen Korb bekommen.

Alters- und Genderfragen beschäftigen die Partei schon länger

Bei einigen der Angefragten, die abgelehnt haben, schwingt folgender Gedanke mit: Eine Kampfwahl gegen ein junges Duo, bestehend aus Mann und Frau, kann nur zum Nachteil des älteren Mannes ausgelegt werden. Inhalte würden hinten anstehen, wenn es um die Geschlechter- und Altersfrage geht.

Damit zeigt sich, dass die Basler Grünen kaum einen Schritt weiter sind als vor ein paar Jahren, als Elisabeth Ackermann 2016 zur Regierungspräsidentin ernannt wurde. Den vorwiegend männlichen Bedenkenträgern, welche Zweifel am Format Ackermanns äusserten, wurde entgegnet, nach zwölf Jahren Guy Morin müsse jetzt einfach eine Frau kandidieren. Und dass die Etikette auch in der Folge weniger wichtig war als der Inhalt, zeigten die Grünen 2019, als sie Unbekannte wie Lea Steinle oder Oliver Thommen auf die Nationalratsliste setzten. Dies erfolgte allein dadurch, dass sie jung und unverbraucht waren im Gegensatz etwa zu langjährigen Grossräten Wüthrich, Grossenbacher oder auch einen alt Regierungspräsidenten Morin, der sich für ein Nationalratsmandat interessiert hatte.

Dossierkenntnisse werden früher oder später fehlen

Nun also sind die Grünen mit dem Duo Hanauer/Vulpen wieder am gleichen Punkt. Wieder stimmt die Verpackung, aber wieder sind Bedenken wegen des Inhalts angebracht. Hanauer gilt als linke Hardlinerin. Inhaltlich steht sie der Linksaussenpartei Basta näher als ihrer jetzigen Partei. Als ehrgeizige Jungpolitikerin könnte ihr Entscheid, vom jungen Grünen Bündnis zu den Grünen gewechselt zu haben, auch mit den Karrierechancen zusammenhängen. Die Basta wird kaum je einen Regierungssitz erobern in Basel, die Grünen hingegen schon.

Doch Hanauer eckt an. Ein bürgerlicher Politiker sagt: «Sie gehört zu jenen, die meinen, sie müssten uns Alten die Welt erklären. Das nervt.» Auch fraktionsintern äussern sich einige skeptisch. Mit ihr werde es kaum gelingen, die verschiedenen Strömungen zu einen und die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien zu intensivieren, meint einer. Eine Integrationsfigur wird auch von Vulpen nicht sein – zumindest nicht von Anfang an. Ihm, der keine Grossratserfahrung hat, fehlt die Akzeptanz bei den erfahreneren Grünen.

Fürs Erste dürfen sich die Grünen aber freuen. Am 23. März werden sie die Doppelspitze feiern können, natürlich begleitet von Twittereinträgen dazu, wie gendergerecht, jung und modern das Grünen-Präsidium sei. Die Probleme des grünen Jugendwahns freilich werden erst im Verlauf der nächsten Jahre sichtbar werden, wenn die zunehmend an den Rand gedrängten älteren Parteimitglieder auch der Parteiarbeit den Rücken kehren. Dossierkenntnisse von Grossenbacher, Wüthrich und Co. werden fehlen.

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