Graffitiszene

Plötzlich so milde: Wie die Basler Justiz jetzt mit Sprayern auf Kuschelkurs geht

Ein junger Basler steht vor Gericht, weil er Trams und Züge beschmiert hat – der Kanton will künftig aber die Graffitiszene an Bord holen.

Leif Simonsen
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Die Schlachthofstrasse im Industrieareal des Basler St. Johann ist seit einigen Wochen Tummelfeld für Sprayer.

Die Schlachthofstrasse im Industrieareal des Basler St. Johann ist seit einigen Wochen Tummelfeld für Sprayer.

Kenneth Nars

Das Sündenregister ist lang. Der damals 19-jährige Basler soll vor drei Jahren an mehreren Dutzend SBB-Waggons, Häuserzeilen und vor allem BVB-Trams seine Sprayereien hinterlassen haben. Die Schäden fürs Entfernen der Schmierereien beliefen sich auf über 100000 Franken. Vielfach entlarvten ihn Videokameras. Bei den Ermittlungen war hilfreich, dass er bei seinen Touren mit der Spraydose jeweils die Signatur «TRZ» anbrachte – ein Markenzeichen, mit dem er sich in der Szene einen Namen machen wollte.

«Grosse kriminelle Energie, rücksichtsloses Vorgehen»

Sein Verhalten wird im Urteil, welches das Jugendgericht vor eineinhalb Jahren gefällt hat, als «dreist» bezeichnet. Er scheute sich nicht, am helllichten Tag Trams vollzuschmieren. «Sein rücksichtsloses Vorgehen zeugt von grosser krimineller Energie, einem weitgehend fehlenden Respekt vor fremdem Eigentum», heisst es im Urteil. Für den heute 22-jährigen mutmasslichen Täter setzte es eine Bewährungsstrafe ab. Zudem bleibt er auf 100000 Franken Schulden sitzen. Seine Anwältin hat gegen den Entscheid Rekurs eingelegt. Der Fall wird morgen Mittwoch vor dem Basler Appellationsgericht verhandelt.
Vandalismus gehört neben Rauschgiftkonsum zu den meistverbreiteten Delikten unter Jugendlichen. Selbst die verstärkte Videoüberwachung im öffentlichen Raum hat daran nichts verändert.

Sonja Körkel, Sprecherin der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), sagt: «Die durch Vandalismus entstandenen Schäden sind über die vergangenen Jahre konstant geblieben.» Dies, obwohl auch in den Trams heute Kameras hängen. Seit Jahren schlägt sich auch die Basler Stadtreinigung mit hohen Kosten zur Beseitigung von Sprayereien herum. Das Programm Spray-Out sieht Unterstützung für Hausbesitzer vor, deren Wände verschmiert worden sind. Dominik Egli, Leiter der Basler Stadtreinigung, sagt, die Beteiligung an der Entfernung von Sprayereien an privaten Liegenschaften seien in den vergangenen Jahren mehr oder weniger gleich hoch gewesen. 2019 habe man 330000 Franken aufgebracht, 2018 waren es 390000 Franken gewesen. Die Gesamtkosten für die Entfernung von Tags im öffentlichen Raum beliefen sich 2019 auf 900000 Franken.

Im Wissen darum, dass die Sprayerszene nicht von ihrem Handwerk ablassen wird, hat die Verwaltung angefangen, zu differenzieren. Egli sagt: «Sprayereien sind ein weiter Begriff. Das können wahre Kunstwerke sein, aber auch hässliche Schmierereien.» Wenn es ums Entfernen geht, gelte in der Altstadt weiterhin das Credo: Alles muss weg. Doch ausserhalb dieses Perimeters lasse man sich von einem anderen Gedanken leiten: «Es gibt drei Formen einer Wand. Die eine ist grau und unberührt. Die Zweite ist hässlich versprayt. Und die Dritte ist mit schönen Kunstwerken besprayt.» Die dritte Variante sei nicht nur optisch eine Aufwertung, sondern auch am günstigsten zu unterhalten – sofern man die Graffiti nicht entferne.

Verwaltung stellt Künstlern Wände zur Verfügung

Erste Freiräume hat Basel-Stadt für die Graffitiszene bereits geschaffen – und damit auf die Forderungen einer Petition nach mehr legalen Sprayermöglichkeiten reagiert. An der Birsstrasse und der Schlachthofstrasse hat die Kantonsverwaltung den Wandkünstlern jüngst nackte Wände zur Verfügung gestellt. Im Sommer sollen weitere Flächen folgen, darunter auch an prominenteren, «spektakulären» Orten, wie Egli verspricht.

Für den jungen Basler mit der Signatur «TRZ» ist das eine Verheissung, die in weiter Ferne liegt. Zunächst gilt es für ihn, Schulden abzubauen – sofern das oberste Basler Gericht am Mittwoch nicht zum Schluss kommt, dass ihm seine Jugendsünden nachgesehen werden.