GLP Basel-Stadt
Plötzlich Nationalrätin: Wie Katja Christ die Basler Grünliberalen ins Bundeshaus hievte

Katja Christ von der GLP vertritt Basel in Bern. Es ist die Krönung einer Politkarriere zwischen Kalkül und Zufall.

Benjamin Rosch
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Katja Christ
6 Bilder
Katja Christ mit Tanja Soland im Kongresszentrum am Wahlsonntag.
Eine Premiere für Basel-Stadt: Katja Christ (neu)..
...wird erste GLP-Vertreterin des Stadtkantons in der grossen Kammer.
Christ reichten dafür 3816 Stimmen.
Katja Christ bei den Wahlen 2019 mit Christoph Eymann, Sibel Arslan, Eva Herzog und Beat Jans.

Katja Christ

Roland Schmid

Das Bild hat etwas Marienhaftes. Katja Christ, 47, schlingt ihre Arme um den Körper ihres Sohnes, beide können ihre Tränen kaum zurückhalten. «Katja, Katja!», dröhnen ihre Anhänger durch das Wahlforum. Den ganzen Nachmittag, seit der Verkündung der Zwischenresultate, hat Christ gezittert und gerechnet, jetzt ist die Sensation Tatsache: Ihr Name leuchtet auf dem Bildschirm auf. Katja Christ ist Basler Nationalrätin. Es ist ein Moment der Ekstase, ein Coup der Wahltaktik und die frühe Krönung einer Politkarriere, die eigentlich erst angelaufen ist. Wer ist diese Frau, die Basel die nächsten vier Jahre in Bern vertritt?

Vier Tage später sitzt eine aufgeräumte Katja Christ im Café Schiesser. Ihre blonden Haare fallen über die weisse Bluse, über die sie wie so oft ein Jackett trägt. In Christs Rücken türmt sich das Basler Rathaus. Rund fünf Jahre hat sie dort drin politisiert, jetzt wird sie den Grossen Rat verlassen. Viele müssen länger warten, bis sie sich für ein höheres Amt empfehlen dürfen.
«Crazy» sei sie gewesen, die erste Woche als gewählte Nationalrätin. Erst am Dienstag kam Christ dazu, die Nachrichten zu schauen. «Da habe ich begriffen: Ich kam ja im 10 vor 10.»

Zu Hause stapeln sich Blumensträusse und ungelesene Post, «darunter die ersten Anschriften mit ‹Nationalrätin Katja Christ›». In ihrer Stimme liegt unverhohlen Stolz, aber es schwingt auch eine grosse Portion Überraschung mit. Wenige hätten auf Katja Christ gewettet, als die bürgerlichen Parteien von Basel-Stadt am 7. Februar 2019 die gemeinsame Listenverbindung verkündeten. Die Grünliberalen mit Christ als Präsidentin waren mehr Juniorpartner als Alliierte in einem Schulterschluss von CVP bis LDP. Der für Christs Einwilligung nötige Unterpfand ist bekannt: Gemeinsam mit den beiden Randnotizen BDP und EVP formierte sie die Unterliste «Mitte» und überlistete so die Strategen der grösseren Parteien. 3816 Stimmen hat Christ erhalten. So wenige hatten in den vergangenen dreissig Jahren niemandem gereicht.

Als Christs Politkarriere eigentlich zu Ende war

Allen Unkenrufen zum Trotz: Christ hat ihren Sieg nicht gestohlen. Bereits vor rund einem Jahr sorgte sie mit einem überraschend starken Resultat an den Riehener Wahlen für Aufsehen. Unter ihre Ägide fällt auch der Achtungserfolg mit einer Volksinitiative zur Begrenzung der Ruhegehälter von Regierungsräten. Freilich hätte vor drei Jahren nicht viel gefehlt, und ihre Karriere wäre im Sand verlaufen. Bei den kantonalen Wahlen schnitten die Grünliberalen schlecht ab und verloren die Fraktionsstärke im Parlament. Nach Auszählung der Briefstimmen war Christ abgewählt. Eine Schmach für sie, die wenige Monate zuvor das Präsidium der GLP übernommen hatte. Erst am Abend, dank den Urnenstimmen, spülte es Christ wieder in den Grossen Rat.

Seither reichte sie acht Anzüge und ein knappes Dutzend Anfragen an die Regierung ein. Manches ist der Zufälligkeit der Lokalpolitik geschuldet, Petitessen wie Abfall am Rheinufer oder Sitzgelegenheiten in der Freien Strasse. Die Hauptarbeit widmet Christ aber jenem Thema, das sie politisiert hat: der Bildung. Sie sass acht Jahre im Elternrat, später wehrte sie sich gegen das Frühfremdsprachenkonzept «Passepartout» und Leistungschecks.

Latin-Rhythmen als Lebensschule

Es ist Mittwoch und Sitzung im Grossen Rat. Katja Christ sitzt nur selten an ihrem Platz. Viel öfter steckt sie die Köpfe zusammen mit ihren Parteikollegen David Wüest-Rudin und Esther Keller. Sie beide waren am Wahlsonntag auch die ersten Gratulanten. Im Gegensatz zu Wüest-Rudin gehört Christ nicht zu den Vielrednern. Sie wählt ihre Voten mit Bedacht, macht keine Politik aus dem Bauch heraus. «Mein Ruf als Anwältin, Politikerin und Mutter ist mir in jedem Moment am Rednerpult bewusst. Was ich sage, damit muss ich bis in alle Ewigkeit leben.»

Selbstkontrolle ist eine wichtige Charaktereigenschaft im Leben von Katja Christ. Ihre Lebensschule war der Sport. Während ihres Jus-Studiums («solide, keine Überfliegerin») opferte sie ihre ganze Freizeit dem Wettkampf-Tanzen. Chachacha, Samba, Rumba, Jive und Paso Doble – Christs Spezialität waren die lateinamerikanischen Rhythmen. Sie verlangen Selbstdisziplin, Körperbeherrschung und die Fähigkeit, das Innere nach Aussen zu tragen, ohne die Kritik zu scheuen. Einmal hat sie sich im Training sogar die Nase gebrochen. «Man muss sich allem aussetzen. Dabei braucht es Kondition und Show gleichermassen. Um zu gewinnen, muss alles zusammenpassen», sagt Christ. Es klingt wie eine Parabel auf ihre Politlaufbahn. Nach dem Anwaltsexamen wechselte Christ zum Tango Argentino und von der Bühne in den Salon. Tango, das ist auch ein etwas verruchter Tanz, das Spiel zwischen steifem Oberkörper und über den Boden fegenden Beinen. Heute Samstagabend tritt Christ wieder auf, an der Gala von Pat’s Big Band.

Das Wahlversprechen an den Sohn

Bald muss sich Christ auf dem nationalen Polit-Parkett beweisen. Welche Themen sie bewirtschaften kann, weiss sie noch nicht: «Die GLP hat die Fraktion zu einem Gespräch eingeladen. Dort werde ich mehr erfahren». Die Gesundheitspolitik würde sie interessieren, sagt Christ, die während acht Jahren im Basler Gesundheitsdepartement angestellt war und sich als Partnerin der Kanzlei Balex in diesem Bereich spezialisierte.

Vier Jahre bleiben Christ. Bei den nächsten Wahlen verliert Basel-Stadt einen Sitz. Ändert sich die Basler Parteienlandschaft nicht grundlegend, wird Christ ihren Sitz kaum halten können. Das weiss sie selber, auch im Rausch des Triumphs ist sie nüchtern geblieben. «Diese vier Jahre sind ein Geschenk», sagt sie, «und ich kann nicht mehr, als alles zu geben.»

Wo in ihrem Leben sie einen Bruch erlebt hat, wollen wir wissen. Christ überlegt lange, doch es will ihr nichts einfallen. Ihr Leben sei bis jetzt sehr geradlinig verlaufen: Ehemann, zwei Kinder und zwei Kätzli, Haus in Riehen. «Vielleicht bin ich schon ein Bünzli», sagt sie etwas schnippisch, «aber dieses Programm steht man auch nur durch, wenn man sich in den eigenen vier Wänden in stabile Verhältnisse zurückziehen kann.»

Schon jetzt kann Katja Christ ein erstes Wahlversprechen einlösen. «Wenn ich gewählt werde, gehen wir ins Drei König essen», gab sie ihrem Sohn – ein Feinschmecker – ihr Ehrenwort. Er wird sich nicht nur deshalb mit ihr so gefreut haben.

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