Wahlen Basel-Stadt

Plötzlich mögen CVP-Wähler Nägelin – vielleicht

Politologe Thomas Milic von Sotomo sagt, die Unterstützung für Lorenz Nägelin habe bei den CVP-Wählern vielleicht gar nicht so stark zugenommen, wie es die Umfrageergebnisse vermuten lassen würden.

Mark Walther
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Die Zustimmung für Lorenz Nägelin ist bei CVP-Wählern gestiegen.

Die Zustimmung für Lorenz Nägelin ist bei CVP-Wählern gestiegen.

Kenneth Nars
Thomas Milic ist Politologe bei Sotomo

Thomas Milic ist Politologe bei Sotomo

zVg

Herr Milic, in der zweiten Wahlumfrage haben deutlich mehr CVP-Wähler angegeben, SVP-Kandidat Lorenz Nägelin wählen zu wollen als noch in der ersten Umfrage. Woher kommt dieser grosse Sprung?

Thomas Milic: Diesen Anstieg darf man nicht überinterpretieren. Die CVP ist in Basel eine kleine Partei. Weil die Anhängerschaft klein ist, ist das Umfrageergebnis entsprechend weniger aussagekräftig. Was man aber sicher sagen kann: Die Zustimmung für Lorenz Nägelin hat im CVP-Lager zugenommen.

Die Annäherung der CVP an die SVP – ist das auch ein nationaler Trend?

Ja. Der neue Präsident Gerhard Pfister fährt eine konservativere Linie als seine Vorgänger. Die Annäherung hat man auch bei der Debatte zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative gesehen. Da haben sich im bürgerlichen Lager vor allem zwischen FDP und SVP Gräben aufgetan. Die CVP war näher bei der SVP als die FDP.

Hat sich die konservativere Linie des Präsidenten schon auf die Wähler ausgewirkt?

Die Wähler orientieren sich generell nicht so stark an der Meinung eines Parteipräsidenten. Ausserdem ist Pfister noch relativ neu im Amt. Die CVP ist unter Pfister aber zumindest in der Tonlage nach rechts gerutscht. Es kann sein, dass das teilweise auf die Wähler abgefärbt hat.

Dann hängt die breitere CVP-Unterstützung nicht mit der Person Nägelins zusammen.

Doch, natürlich auch. Gerade bei Majorzwahlen ist es wichtig, ob ein Kandidat auch von Wählern anderer Parteien unterstützt wird. Stark polarisierende SVP-Vertreter hatten in der Vergangenheit kaum Chancen in Majorzwahlen. Nägelin ist im Auftreten hingegen moderat. Im Kanton Zürich sitzen zwei SVP-Mitglieder im Regierungsrat: Beide gelten als moderat und wurden zuletzt klar wiedergewählt. Anders sah es bei den Zürcher Ständeratswahlen 2007 und 2011 aus. Damals traten Ueli Maurer und Christoph Blocher an, beide sehr bekannt, aber auch polarisierend. Beide konnten jenseits ihrer eigenen SVP-Wählerschaft kaum Stimmen holen.

Besteht nicht die Gefahr, dass ein moderater SVP-Kandidat vom rechten Parteirand nicht unterstützt wird?

Diese Gefahr besteht immer. Für SVP-Wähler gibt es aber kaum valable Alternativen – anders als für linke Wähler. Ein SP-Politiker mit Tendenz zur Mitte verliert schneller Wähleranteile, weil es links der SP noch andere Parteien gibt: in Basel etwa die Basta.

Elisabeth Ackermann hat im Rennen um das Regierungspräsidium massiv aufgeholt. Wieso?

Es ist normal, dass eine neue Kandidatin anfangs eher zurückliegt. Neukandidierende haben zu Beginn eines Wahlkampfs immer einen Prominenzrückstand gegenüber den Bisherigen.

Überrascht es Sie, wie nahe Ackermann Baschi Dürr kommt?

Es war zu erwarten, dass sie aufholt. Der linke Block ist stärker als die 30 Prozent, die sie in der ersten Welle hatte. Hinzu kommt, dass der Wahlkampf generell das Blockdenken verstärkt. Die Meinungen der Wähler nähern sich im Wahlkampf der Parteielite an. Diese versucht, ihre Schäfchen um sich zu scharen.

Was auch die CVP erfolgreich praktiziert.

Genau. Es gibt aber noch einen Umstand, der das Blockdenken verstärkt.

Welchen?

Die Struktur der Basler Wahlzettel. Darauf sind die Wahlvorschläge der Parteien gekennzeichnet. Die Wähler können deshalb eine der Listen «unverändert» einlegen, ohne auch nur einen Kandidaten zu kennen. Die Frage sei erlaubt: Sollte man bei Personenwahlen nicht die Parteienbezeichnung weglassen, damit die Personen im Vordergrund stehen?