Nähkästchen
Onorio Mansutti: «Ich hätte in die Chaplin-Familie gehört»

In den Vorbereitungen fürs Klosterbergfest von nächster Woche fand Onorio Mansutti Zeit für ein Gespräch.

Martina Rutschmann
Drucken
Teilen
«Kinder in Brasilien»-Stiftungsgründer Onorio Mansutti ist erleichtert, «Rhythmus» und nicht ein anderes Wort aus dem Nähkästchen gefischt zu haben.

«Kinder in Brasilien»-Stiftungsgründer Onorio Mansutti ist erleichtert, «Rhythmus» und nicht ein anderes Wort aus dem Nähkästchen gefischt zu haben.

Kenneth Nars

Onorio Mansutti, was sagt das Nähkästchen: Worüber sprechen wir?

Onorio Mansutti: Über Rhythmus. Da denke ich an Georg Kreislers Lied «Zwei alte Tanten tanzen Tango». Darin singt er: «Jeder Schritt muss bei dem Rhythmus ein Vergnügen sein.» Wunderbar!

Als Brasilien-Fan bevorzugen Sie aber Samba, oder?

Nicht unbedingt. Tango finde ich erotisch, ich weiss allerdings nicht, ob er erotisch sein soll oder ob das bloss Machismus ist.

Ihr Lieblingssänger ist Frank Sinatra – und das schon seit über 60 Jahren. Verleidet er Ihnen denn nie?

Etwas Gutes verleidet einem nie. Ich mochte epochenweise auch andere Sänger, Leonard Cohen und Cat Stevens zum Beispiel, Frank Sinatra blieb ich aber stets treu. Er ist mein Sänger, mein Leben. Seine Musik höre ich jeden Tag.

Ist Sinatras Musik rhythmisch?

Wenn er Jazz singt: Ja! Er hat etliche Jazz-Preise gewonnen, wurde aber nicht überall ernst genommen. Es hiess, er sei ein Mafioso, weil er in Clubs sang, die der Mafia gehörten. Dabei war er ein herzensguter Mensch. Die Hälfte seiner Konzerte waren Charity Events.

Sehen Sie Parallelen zwischen ihm und sich?

Nein, man kann New Jersey nicht mit Allschwil vergleichen. Ihn hat das Milieu geprägt, das kann ich von mir nicht behaupten. Wir mögen nicht einmal denselben Whisky: Er trank Bourbon, ich trinke Scotch (lacht).

Sie schwärmen von Jazz und Singer-Songwriter-Musik, lassen am Klosterbergfest aber keine solchen Bands auftreten. Warum nicht?

Soll ich am Caipi-Stand ein Mozart-Quartett spielen lassen? Wir haben Pop- und Rockbands engagiert, das gefällt den Leuten. Ich kann das Fest nicht nach meinem Gusto gestalten, obwohl mir im richtigen Leben noch andere Musik gefallen würde.

Was halten Sie im richtigen Leben von Leuten, die einen Abend lang an der Bar hängen und zehn Caipirinhas trinken?

Das finde ich toll, das bringt gleich einen ganzen Studienmonat für eines der Kinder, das wir mit dem Fest und der Stiftung «Kinder in Brasilien» unterstützen.

Das Klosterbergfest hat den Ruf, ein Massenbesäufnis zu sein.

Dieses Image wollen wir abschütteln, indem wir tagsüber ein tolles Programm mit kulturellen Inhalten bieten. Aber klar, nachts ist es ein Fest. Gehen Sie mal an eine Chilbi in der Innerschweiz, dort trinken die Leute genauso viel, wahrscheinlich aber eher Kaffi-Fertig als Caipirinha.

Musik, Tanz – und wie sieht Ihr Lebensrhythmus aus?

Ich stehe immer früh auf. Am Morgen bin ich am kreativsten, weil ich dann noch frisch bin. Ausserdem gehe ich gern früh mit meinem Hund in den Langen Erlen spazieren.

Was könnte Sie aus dem Rhythmus werfen?

Ich bin gegen den Konjunktiv. Gegen Fragen wie «Was würdest Du machen, wenn Du krank wärst oder einen Sechser im Lotto hättest...»

Was würden Sie tun, wenn Sie einen Sechser im Lotto hätten?

Dazu äussere ich mich nicht, denn ich weiss es schlicht nicht. Was täten Sie, wenn Sie Angelina Jolie wären?

Sie werden bald 80 Jahre alt und haben nach wie vor unendlich viel Energie. Woher nehmen Sie die?

Ich habe mehr Energie als je zuvor! Woher die kommt? Keine Ahnung. Sie ist einfach da. Vielleicht, weil ich inzwischen tun kann, was ich will. Früher musste ich mich anpassen. Ich bin sehr arm aufgewachsen, wir lebten zu viert in einer Einzimmer-Wohnung ohne Dusche, da konnte ich nicht einfach in den Tag leben.

Als Modefotograf lernten Sie später das Gegenteil kennen, nämlich die Welt der Schönen und Reichen. Widert Sie diese Welt manchmal an?

Was mich anwidert, sind Menschen, die ihren Reichtum nicht nutzen. Neulich sah ich einen Film über die reichen Söhne und Töchter in St. Tropez. Die kaufen Champagner für mehrere Tausend Euro, um damit herumzuspritzen. Das widert mich an, zumal ich den Champagner trinken würde.

Auch bei ernsten Themen sind Sie lustig. Werden Sie ernst genommen?

Ich hoffe es! Ich möchte nicht wichtig genommen werden, aber ernst. Da geht es mir wie meinem verstorbenen Freund Jeannot Tinguely. Die meisten Leute nahmen ihn als das wahr, was er auch war – ein Clown. Wenn man aber den Tinguely-Brunnen beobachtet, sieht man, welch tiefsinniges Meisterwerk er geschaffen hat.

Was ist daran tiefsinnig?

Ein Beispiel: Die Figur, die Wasser schöpft, das dann zwischen den Fingern zerrinnt, symbolisiert die Sinnlosigkeit der menschlichen Raffgier. Bei Charlie Chaplin war das ähnlich. «Modern Times» besteht ja aus lauter bösen Metaphern, trotzdem lacht man drüber. Ich vergleiche mich nicht mit Charlie Chaplin, bin aber sicher, dass ich in diese Familie gehört hätte.

Aktuelle Nachrichten