Architektur

Mit Strassen und Brücken Landschaft inszenieren

Die neue Kunstausstellung in Basel des Schweizerischen Architekturmuseums ist den Infrastrukturbauten gewidmet und soll die Landschaft inszenieren.

Christian Fluri
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bz Basellandschaftliche Zeitung

«Die Strasse über den Sustenpass wurde so gelegt, dass sich die Landschaft dem Autofahrer als touristische Attraktion präsentiert. Der Weg soll das Ziel sein», erzählt Hubertus Adam, Kodirektor des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel (SAM), und Kurator der neuen Ausstellung im Gespräch. Wir stehen vor den Schwarz-Weiss-Fotografien Martin Linsis und vor Plänen der 1946 gebauten Sustenstrasse.

Linsis Fotos machen augenfällig, wie die Passstrasse als «promenade architecture», als gezielte Intervention in die Alpenlandschaft angelegt ist. Der Reisende sollte sie als emotionales Erlebnis erfahren. Wendeplatten wurden als Parkplätze und Aussichtsterrassen gebaut. In den Fels wurde ein Tunnel gehauen, über den der Fluss künstlich als Wasserfall geführt wird. Linsis Schwarz-Weiss-Fotos zeigen diese Landschaftsinszenierungen an einem nebligen Wintertag. Die Bilder vermitteln, wie nostalgisch das damalige Reise-Verständnis auf uns heute wirkt - das gemächliche Fahren über die unter anderem mit Naturstein geschmückten Bergstrassen.

Der Sustenstrasse widmet das SAM einen Raum in der Ausstellung «Landschaft und Kunstbauten - Ein persönliches Inventar von Jürg Conzett, fotografiert von Martin Linsi». Die Bilder zeigen die Bedeutung von Infrastrukturbauten als Verbindungslinien zwischen den Regionen. Vor allem blicken sie hinter die Oberfläche der alltäglichen, von uns oft als profan und hässlich empfundenen Brücken-, Unterführungs-, Strassen- und Geleisebauten. Sie lassen uns den gestalterischen Gedanken hinter dahinter entdecken. Und sie sind eindrückliche Dokumente des sich wandelnden Zeitgeistes der modernen, mobilen Gesellschaft.

Imaginäre Reise durch die Schweiz

Der Aarauer Bauingenieur und architektonisch denkende Brückenbauer Jürg Conzett, der in Chur mit Gianfranco Bronzini und Patrick Gartmann ein eigenes Büro hat, fuhr mit Linsi durch die Schweiz, um das Netz an Brücken, Strassen und Geleisen zu fotografieren. Die Sammlung wurde 2010 an der Architektur Biennale in Venedig gezeigt. Hubertus Adam hat nun aus der Sammlung der Fotografien gemeinsam mit Jürg Conzett neu ausgewählt und die Ausstellung im SAM als imaginäre Reise durch die Schweiz aufschlussreich und ästhetisch überzeugend gestaltet. Lange rote Bänke, wie wir sie von Bahnhöfen kennen, laden nicht nur zum Verweilen ein, sie setzen den Schwarz-Weiss-Fotos auch farbige, ironische Tupfer entgegen und gliedern zugleich geschickt die Räume.

Die imaginäre Reise ist auch eine Zeitreise in die Vergangenheit - bis zu den Holzbrücken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Reise startet im sanktgallischen Sittertobel, führt über Basel und Zürich ins Hochrheingebiet und Mittelland, in den Kanton Graubünden über die Sustenstrasse ins Wallis und Tessin.

Zu bestaunen sind einmal grosse Ingenieurleistungen wie das Sitterviadukt von 1910 oder das Langwieser Viadukt der rhätischen Bahn von 1914. Ebenso ein grosser Ingenieurstreich war das 1856 gebaute Rümlinger Viadukt, das sich gleich einem römischen Aquädukt durch die Landschaft zieht.

Vom Heimatschutz zur Moderne

Das Spannungsfeld zwischen einer rückwärts gewandten und einer die Technik zelebrierenden Ästhetik zeigt sich eindrücklich in Basel. Die dem Mittelalter nachempfundene Mittlere Rheinbrücke steht der Johanniterbrücke, der in einem flachen Bogen über den Rhein gelegten Stahl-Beton-Konstruktion, gegenüber.

Linsis Fotografien sind gestalterische Schmuckstücke. Unter anderem setzen sie ästhetisch überzeugend ins Bild, dass zum Beispiel die Autobahnbrücken in der Leventina genau gedachte architektonische Eingriffe in die Nordtessiner Berglandschaft sind. Die sich durch das Tal schlängelnden Brücken haben ihre eigene Eleganz - als technisch frappierende Kunstwerke, die einer hohen, individuellen Mobilität das Wort reden.

Heutigem Landschaftsbewusstsein entsprechen die teils preisgekrönten Brücken von Conzetts Büro: Sie stehen für eine kunstvolle Moderne, die einen engen Dialog mit der Landschaft führt, sie aber ebenso in Szene setzt - für den Wanderer. Ein Beispiel ist der Travestinersteg über die Viamalaschlucht. Linsis fotografische Inszenierung des scheinbar ins Nichts führenden Weges zwischen den Betonpfeilern der Hängebrücke ist beeindruckendes Plakatbild der Ausstellung, die die Schweiz in modernem Licht jenseits falscher Idylle zeigt.
Landschaft und Kunstbauten Schweizerisches Architekturmuseum Basel, Steinenberg 7, bis 17. Juli.