Baloise Session

Keine Starallüren, aber auch wenig Emotionen: Glorias wenig ruhmreicher Ausflug

Salsa-Star Gloria Estefan trat gestern mit dem Kammerorchester Basel an der Baloise Session auf. Bei ihrem Ausflug in die Welt der Jazz-Standarts zeigte Estefan zwar keine Starallüren, aber auch nur wenig Emotionen. Ihr Stimme klang ungewohnt flach.

Stefan Schuppli
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Gloria Estefan an der Baloise Session: Keine Starallüren, aber auch wenig Emotionen.

Gloria Estefan an der Baloise Session: Keine Starallüren, aber auch wenig Emotionen.

Keystone

Experimente sind eigentlich fast immer interessant. Aber nicht immer glücken sie. Die sehr erfolgreiche Salsa-Sängerin Gloria Estefan wagte einen Ausflug in die Welt der Jazz-Standards aus dem «Great American Songbook» - ein Monument der (nord-)amerikanischen U-Musik.

Damit hat Frau Estefan die Latte hoch gehängt. Denn die Songs wurden teils hundert- und tausendfach interpretiert, man kennt sie und hat die eigenen Vorstellungen davon, wie ein Stück zu klingen hat.

Das sind gewiss Vorurteile, aber nicht nur. Wie kann überhaupt das vom ersten Takt an berührende Lied «Good morning Heartache» mit derselben Emotion wie damals von Billie Holiday gesungen werden? Fast nicht möglich. Auch Gloria hat das nicht geschafft. Irgendwie fehlten die magischen Momente.

«Das waren alles Lieder, die mein Vater gehört hat, ich bin mit ihnen gross geworden, ich habe sie als Kind geträllert. Ich wollte mit ihnen unbedingt irgendwann einmal ein Programm machen», erklärte Gloria Estefan am Konzert der Baloise Session am Dienstagabend.

Gutes Kammerorchester

Aufgeboten hatte sie das rund 20-köpfige Kammerorchester Basel, das diese ungewöhnliche Aufgabe mit grosser Spielfreude und Präzision löste und bei einigen Stücken auch für reichlich Zuckersirup sorgte. Geht in Ordnung! Diese Songbook-Stücke sind teils hart am Rande des Kitsches - warum sollen da die Streicher nicht noch eins draufgeben?

Verstärker- und Stimmprobleme

Leider gab es da zwei weitere Probleme: Erstens war die Klangqualität der Verstärkeranlage mangelhaft, möglicherweise auch die Akustik des Saales. Das Orchester klang so, als ob es in eine Blechwanne spielte. Der Sound war zweidimensional, man hatte nicht den Eindruck, dass hier ein Orchester live spielt. Oder war der Schepper-Ton sogar absichtlich als Referenz an die 40er-Jahre gedacht? Wohl kaum.

Problem zwei: Gloria Estefan hatte wiederholt Mühe, hohe Töne exakt zu treffen. Ihre Stimme klang merkwürdig flach. Das wiederum könnte mit Problem eins zusammenhängen. Auf der kürzlich erschienenen CD «The Standards» und auf dem Video-Trailer hat sie diese Intonationsprobleme nicht.

Abstimmung mit den Beinen

Nicht verwunderlich, dass das Publikum in der Reserve blieb. Das änderte schlagartig, als sie einige ihrer alten Hits krachen liess. Und auch Gloria machte es, so schien uns jedenfalls, mehr Spass. Das Publikum war sofort auf den Beinen, eilte zur Bühne, tanzte, klatschte, johlte. Das war die Gloria, die sie kannten und wollten. Es folgten wieder Songbook-Schmachtfetzten. Und das Publikum wartete wie bestellt und nicht abgeholt.

Auch Höhepunkte

Trotz allem: Auch Nicht-Salsastücke bescherten Höhepunkte, einige wenige. Auf das «What a wonderful World» von Louis Armstrong komponierte Pianist und Bandarrangeur Shelly Berg einen neoromantischen Streichersatz. Allerdings muss man schon Süsses mögen....

Im «Coming out oft the Dark» brillierte das Blech. Wie fast alle Stücke stellte sie auch dieses in einen persönlichen Zusammenhang. 1990 hatte sie einen schweren Autounfall, sie war gelähmt. Sie habe aber so viel positive Energie von Menschen aus der ganzen Welt empfangen, dass sie den Heilungsprozess mental habe unterstützen können - afrokubanische Mystik oder katholischer Glaube?

Gelungen war auch das «To be young at Heart» von Frank Sinatra. Sirup! Sie münzte das Lied auf sich: «Ich fühle mich manchmal wie eine Vierjährige», sagt sie, 56 Jahre alt, 35 Jahre verheiratet, seit Kurzem Grossmutter.

Und noch etwas: Gloria Estefan ist durch und durch sympathisch, ohne grosse Starallüren, einfaches Kleid, wenig Make-up, locker. Erfreulich für eine Frau mit 100 Millionen verkauften Scheiben und sieben Grammys.

«Vielleicht bin ich ja wieder mal hier», sagt sie zum Schluss. «Und bringe die Soundmachine mit» - ihre Salsa-Band. Sehr herzlicher Applaus: Gloria Estefans Standard bleibt Salsa.