Todestag
Jean Tinguely gegen das Unvermeidliche

Heute vor 20 Jahren starb der Basler Künstler, Bildhauer und Gründungsmitglied der Nouveaux Réalistes Jean Tinguely im Berner Inselspital. Er war derjenige, der Kunstwerke zum Leben erweckte.

Nikolaus Cybinski
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 Der Schweizer Künstler Jean Tinguely im Jahr 1990.
7 Bilder
 Der «Klamauk» fuhr an Autorennen und am Beerdigungszug für Jean Tinguely mit.
 Jean Tinguelys Arbeiten faszinieren noch 20 Jahre nach seinem Tod.
 Der «Luminator» von Jean Tinguely.
 Vereiste Skulpturen des Tinguely-Brunnen beim Schauspielhaus Basel.
 Der Tinguely-Brunnen auf dem Theaterplatz in Basel vor der Offenen Kirche Elisabethen.
Jean Tinguely

Der Schweizer Künstler Jean Tinguely im Jahr 1990.

«Manchmal interessiere ich mich für philosophische (und) soziologische Interpretationen, die man meinen Maschinen gibt - und davon gibt es viele. In den Titeln steckt immer eine kleine Portion Humor, es gibt eine Marge, mit Raum drumherum, die der Skulptur manchmal hilft, ihr eine Richtung gibt oder sie von ihr klar trennt», sagte Tinguely 1976 im Interview mit Charles Georg und Rainer Michael Mason.

«Le petit humour»: Ist er das zum Stichwort verkürzte Motto aller seiner machines? Und sind sie die Requisiten eines Welttheaters, das, wie Friedrich Dürrenmatt befand, nur noch als «tragische Komödie» erleb- und denkbar ist, weil in ihr «die Wirklichkeit im Paradoxen erscheint?» Ist nicht Dürrenmatts «alte Dame», dieses mechanische Konstrukt einer ernsten Jugendliebe, auch eine Tinguelysche machine?

Ich hauche euch Leben ein

Jean Tinguelys Skulpturen bewegen sich auf Knopfdruck. Ohne Strom sind sie starr und tot. Aber im Stillstand verraten sie sich, wenn sie vor uns stehen wie die Puppe Olympia, die tanzen möchte und nicht tanzen kann. Doch dann kommt einer, betrachtet das Ausgemusterte, das Verworfene, die Schrottteile und verspricht: Ich hauche euch Leben ein. Aufstehen sollt ihr wie Lazarus, euch bewegen und Zeugnis ablegen von der irren Gebrechlichkeit der Welt.

Vor drei Wochen in der Halle 4 des EuroAirports: Oben im 5. Stock lag er, der «Luminator», noch in Hunderte Einzelteile zerlegt, aus denen der Kranausleger und die Lafette herausragten. Dem Laienblick bot sich das geordnet ausgebreitete Chaos. Es zu einer «machine» zusammenzubauen, das war Tinguelys Leistung, die ihr im Kopf vorausgehende Vision. Er hat sein letztes Werk nicht mehr erlebt, der Tod nahm ihm diese Chance. Doch der Tinguely-Restaurator Jean-Marc Gaillard erzählt, dass Tinguelys Anweisungen immer knapp und präszise waren. «Ich will das so!» «Macht das jetzt so!», hat er gesagt, denn in seinem Kopf war alles klar und eindeutig, was in der Praxis spontanes Improvisieren nicht ausschloss.

Grosser Visionär

Und Tinguely wusste, warum er seine «machines» im öffentlichen Raum haben wollte: Noch die kleinste wie die grösste verstand er als Denk-Mal, also als Auforderung, die Vergänglichkeit nicht nur der Kunst, sondern der Welt zu begreifen. Und dieses sein Werk durchziehendes Vanitas-Thema macht ihn zu einem späten Nachfahren barocker Maler und Dichter. Sterben musste er vor zwanzig Jahren, doch dem Tod hat er seine «machines» entgegengestellt, und die verzögern sein unabwendbares Kommen.

Am 18. Oktober 1984 schrieb Tinguely an Franz Meyer, den langjährigen Direktor der Öffentlichen Kunstsammlung Basel: «Lieber Franz, du Blitz-Denker & klärender Philosoph & Edelhumanist - es wirkt für mich klärend, Dich gelesen zu haben, eben doch besser zu sehen im Eigengewirr /-warr der Vision: ich weiss jetzt besser: ich sehe «weiter» ich danke Dir für deine Mit-Arbeit & auf bald.» Zwanzig Jahre nach seinem Tod sehen auch wir weiter in unserem Eigengewirr/-warr und gedenken Seiner als eines grossen Visionärs.

Manifeste «Für Statik»

Jean Tinguely wurde am 22. Mai 1925 in Fribourg geboren. Zwei Jahre später zieht die Familie nach Basel um. Von 1941-45 macht er eine Lehre als Schaufensterdekorateur im «Globus» und besucht die Kunstgewerbeschule. Heiratet 1949 Eva Aeppli. 1951/52 macht er erste Experimente mit beweglichen Wasserplastiken im Wald von Basel. 1952 zieht er nach Paris, zwei Jahre später bekommt er seine erste Einzelausstellung in der Galerie Arnaud. Erste Exemplare der «Méta-Matics», der Malmaschinen, entstehen. 1959 wirft er 150 000 Manifeste «Für Statik» aus einem Flugzeug über Düsseldorf ab. 1960 ist er erstmals in New York. Lernt Niki de Saint Phalle kennen, mit der er zusammenlebt und künftig arbeitet.

Der internationale Durchbruch gelingt in den 60er-Jahren, Teilnahme an der «documenta» 3, 4 und 6 in Kassel. Ausstellungen in New York, Montreal, Chicago folgen. 1972-73 findet die erste Wanderretrospektive in Basel statt. 1977 wird der Fasnachtsbrunnen vor dem Theater den Basler Bürgern übergeben, 1980/81 folgt «La Fontaine Stravinsky» in Paris. Weitere erfolgreiche Ausstellungen finden in Paris, Köln, Amsterdam, München, Turin, Venedig und in der Galerie Beyeler statt. 1985 wird er Ehrenbürger seiner Geburtsstadt. Er entwirft Fasnachtskostüme für die «Kuttlebutzer». Nach länger währender Krankheit stirbt Jean Tinguely am 30. August 1991 im Berner Inselspital.

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