Inklusion
«Wir müssen auf unsere Rechte aufmerksam machen»: So erleben körperlich Behinderte die Freie Strasse

Wie erleben Blinde, Gehörlose und Menschen mit einer körperlichen Behinderung die Stadt Basel? Ein Spaziergang mit Betroffenen durch die Freie Strasse zeigt: Es ist ein Krampf.

Samanta Siegfried
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Der Baustellenlärm nimmt sehbehinderten Menschen wie Peter Hänggi und Banchu Madörin zusätzlich die Orientierung.

Der Baustellenlärm nimmt sehbehinderten Menschen wie Peter Hänggi und Banchu Madörin zusätzlich die Orientierung.

Kenneth Nars

Es ist laut in der Freien Strasse in Basel an diesem Mittwochvormittag: Bagger, Presslufthämmer und Fräsen arbeiten an der Umgestaltung der Einkaufsmeile, dazwischen zwängen sich grosse Lastwagen hindurch. Mittendrin tastet sich Peter Hänggi, 55, mit einem Blindenstock langsam vorwärts. «Der Lärm nimmt sehbehinderten Menschen zusätzlich die Orientierung», sagt Hänggi, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr erblindet ist. Er sei angewiesen auf das Geräusch der Schritte und seines Stocks.

An seiner Linken führt ihn Banchu Madörin, 25, ebenfalls sehbehindert, aber im Gegensatz zu Hänggi nicht komplett blind. Die beiden sind Teil des Stadtrundgangs «Gemeinsam unterwegs zu einem besseren Miteinander», zu dem Regierungspräsident Beat Jans, das Behindertenforum und die Fachstelle für die Rechte von Menschen mit Behinderung eingeladen haben. Die neu im Präsidialdepartement geschaffene Fachstelle überwacht und koordiniert die Umsetzung des Behindertenrechtegesetzes, das seit dem 1. Januar 2021 in Basel-Stadt in Kraft ist. Der Rundgang solle vor allem sensibilisieren, sagt der Leiter der Fachstelle Michael Wilke:

«Wir müssen das Thema Inklusion aus der Theorie ins praktische Leben holen. Was bedeutet es konkret, wenn ich nicht in einen Laden gehen kann?»

Vor diesem Problem ist soeben Christine Bühler gestrandet, Präsidentin des Behindertenforums. Aufgrund einer Geburtsbehinderung ist sie bereits ihr Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen. Vor den Stufen des «Vom Fass» und dem «Lindt Chocolate Shop» hält sie an und sagt: «Es gibt immer noch Geschäfte, die nicht rollstuhlgängig sind», fügt aber hinzu: «Früher konnte man sich mit dem Rollstuhl gar nicht in der Innenstadt bewegen, so gab es beispielsweise keine Trottoirabsenkungen. Heute werden mehr Anpassungen gemacht.»

Freie Strasse birgt künftig mehr Hindernisse

Neben ihr fährt Regierungspräsident Beat Jans im Rollstuhl und versucht, zu hohe Trottoirs und Baustellenrampen zu überwinden und Hindernissen auszuweichen. «Es ist sehr beeindruckend, mit wie vielen Einschränkungen Menschen mit einer körperlichen Behinderung im Alltag konfrontiert sind», stellt Jans bei seinem Selbstversuch fest. Er wolle sich verstärkt für die Anliegen von Menschen mit einer Behinderung einsetzen, denn: «In unserer Gesellschaft darf niemand zurückgelassen werden», betont er.

Beat Jans (links) nahm in einem Rollstuhl Platz, um den Rundgang aus deren Perspektive zu erleben, hier neben Christine Bühler, Präsidentin Behindertenforum, und Michael Wilke, Fachstelle für Behindertenrechte.

Beat Jans (links) nahm in einem Rollstuhl Platz, um den Rundgang aus deren Perspektive zu erleben, hier neben Christine Bühler, Präsidentin Behindertenforum, und Michael Wilke, Fachstelle für Behindertenrechte.

Kenneth Nars

Als er sich etwas später mit Augenklappe und Blindenstock auf dem renovierten Strassenabschnitt der Freien Strasse vortastet, macht ihn Hänggi darauf aufmerksam, wie die Bedürfnisse von Menschen mit einer Sehbehinderung nicht in die Planung miteinbezogen wurden:

Der Boden der neuen Einkaufsmeile hat keine Trottoirs, jedoch auch keine Leitlinie am Boden, an der sich blinde Menschen orientieren können. Mit dem Stock fühle sich nun alles gleich an, sagt Hänggi. Künftig hat er in der Freien Strasse folglich mit einer weiteren Schwierigkeit zu kämpfen. Zusätzlich zu den Mülleimern, den Stellwänden oder Autos, die das Trottoir versperren, den Fahrrädern, die an Hauswänden angeschlossen sind oder – immer häufiger – den Menschen, die auf das Smartphone starren und ihn deswegen übersehen.

Hier zeigen kleine Hindernisse grosse Auswirkungen, so wie dieser Spalt in der Strasse.

Hier zeigen kleine Hindernisse grosse Auswirkungen, so wie dieser Spalt in der Strasse.

Kenneth Nars

Was macht es mit einem, wenn seine Bedürfnisse übersehen werden?

«Menschen mit einer Behinderung sind es gewohnt, nicht in Entscheidungen miteinbezogen zu werden. Deswegen müssen wir auf unsere Rechte aufmerksam machen.»

Hier will die Fachstelle für die Rechte von Menschen mit Behinderung ansetzen. Konkret, indem sie die Verantwortlichen, etwa bei Bau- oder Sanierungsprojekten, zu einem Rundgang mit Betroffenen einlädt. So sollen beispielsweise bei der geplanten Umgestaltung des Rümelinsplatzes die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung berücksichtigt werden, sagt Michael Wilke.

Beat Jans (rechts), hier neben Simon Hitzinger beim Basler Rathaus.

Beat Jans (rechts), hier neben Simon Hitzinger beim Basler Rathaus.

Kenneth Nars

Soziale Barrieren müssen fallen

Dabei seien bauliche Massnahmen nur ein Puzzleteil für eine gelungene Inklusion. Mit dem Inkrafttreten des Behindertenrechtegesetzes hat Basel-Stadt die Aufgabe, Menschen mit Behinderung in allen Bereichen ein selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Leben zu ermöglichen.

Dazu gehört laut Wilke etwa das erweiterte Stimm- und Wahlrecht, mehr barrierefreier Wohnraum oder Jobs im ersten Arbeitsmarkt. Gerade in der Kantonsverwaltung würden erst sehr wenige Menschen mit einer Behinderung arbeiten. Zusammen mit dem Verein «Impulse» sollen Arbeitgeber darin geschult werden, was es heisst, Menschen mit einer Behinderung anzustellen. Denn, so Wilke:

«Das Problem ist im Kopf. Auch die sozialen Barrieren müssen fallen.»

Ähnlich sieht es die Präsidentin Christina Bühler vom Behindertenforum. «Die baulichen Anpassungen sind der erste Schritt, damit wir uns überhaupt unter die Leute mischen können», sagt Bühler. Erst von dort aus könne die Inklusion in den anderen Bereichen in Angriff genommen werden.

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