Kommentar

Familienbande

Jörg Meier
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Wenn plötzlich ein unbekanntes Paar vor der Tür steht und dein Neugeborenes kennenlernen möchte, dann kann das im ersten Moment etwas merkwürdig sein. (Symbolbild)

Wenn plötzlich ein unbekanntes Paar vor der Tür steht und dein Neugeborenes kennenlernen möchte, dann kann das im ersten Moment etwas merkwürdig sein. (Symbolbild)

Pixabay

Unverhofft steht ein unbekanntes älteres Paar vor der Tür. Die Frau streckt der jungen Mutter eine Geburtsanzeige entgegen. «Ist das hier dein Kind?», fragt sie. Die verdutzte Mutter nickt. «Dann gratulieren wir ganz herzlich», sagt der Mann und die rüstige alte Dame doppelt nach. «Dürfen wir jetzt das Baby sehen?»

Doch die junge Mutter gibt den Weg in die Wohnung nicht kampflos frei. «Ich kenne Sie nicht», sagt sie, «wer sind Sie?»
Jetzt äussert sich der Mann: «Das ist doch die Josy, und ich bin der Bernhard. Aber wer bist eigentlich du?»
«Ihr kennt mich auch nicht?», fragt die junge Mutter.

«Nein», antwortet Josy, «deshalb sind wir hier. Wir mussten doch wissen, wer uns diese Geburtsanzeige
geschickt hat. Denn dein Name sagt uns gar nichts. Müssten wir dich denn kennen?»

Langsam begreift die junge Mutter, wie alles zusammenhängt: Sie hat pflichtbewusst die ganze Adressliste der umfangreichen Verwandtschaft abgearbeitet und so ziemlich allen noch lebenden Angehörigen der Familie mütterlicherseits eine Geburtsanzeige geschickt.

Dunkel erinnert sie sich jetzt auch wieder an Grosstante Josy und Grossonkel Bernhard. Sie hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen; Josy ist jetzt wohl über 90-jährig. Nachdem das geklärt ist, bittet die Grossnichte Grosstante und Grossonkel in die Wohnung und präsentiert ihnen den friedlich schlafenden Urgrossneffen. «Wir haben dem kleinen Beat ein Paar Finkli mitgebracht», sagt Josy fröhlich. «Eddie», sagt die Mutter geduldig, «dieses Kind heisst Eddie.»