Kunstmuseum Basel

Endlich nur Auge sein: Warum Kunst entschleunigt

In aufgeregten Zeiten empfiehlt sich die Kunst als Gegenmittel. Das zeigt die Präsentation neuer Werke der Emanuel Hoffmann-Stiftung in Basel. Ein Entschleunigungsversuch mit Nebenwirkung.

Mathias Balzer
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David Claerbout_H_2014.10_DA08_300ppi_beschn (1) Continously Contemporary im Museum Gegenwart, Basel
4 Bilder
Neue Werke der Emanuel Hoffmann-STiftung
Toba Khedoori Continously Contemporary im Museum Gegenwart, Basel
Jeff Wall Continously Contemporary im Museum Gegenwart, Basel

David Claerbout_H_2014.10_DA08_300ppi_beschn (1) Continously Contemporary im Museum Gegenwart, Basel

bz Basel

Irgendwann ist sie in Verruf geraten, die Idee, dass Kunstwerke zur Kontemplation laden. Die stille Betrachtung wurde ersetzt durch den lärmigen Publikumsanlass oder die permanente Selbstspiegelung mittels Selfie.

Die rauschenden Events sind derzeit jedoch abgesagt, der Messezirkus stillgelegt, der Kitzel des Dabeiseins fällt weg. Das könnte der Kunst eigentlich zum Vorteil gereichen. Vor allem dem Museum und der Sammlung als Speicher von Meisterwerken. Gerade in Zeiten der Ungewissheit ist das Gedächtnis der Sammlung der beste Ort, um die horizonterweiternden Qualitäten der Kunst zu testen oder gar wiederzuentdecken.

Vor 40 Jahren wurde es unter dem Namen «Museum für Gegenwartskunst» eröffnet

Das Museum Gegenwart des Kunstmuseums Basel zeigt derzeit neben dem Frühwerk der deutschen Künstlerin Isa Genzken neue Werke der Emanuel Hoffmann-Stiftung. Das Haus am Rhein ist eng mit derselben verbunden. Vor 40 Jahren, im Februar 1980, wurde es unter dem Namen «Museum für Gegenwartskunst» eröffnet. Es war das erste seiner Art in Europa und konnte mittels einer Schenkung von Maja Sacher-Stehlin, Witwe von Emanuel Hoffmann und Gründerin der Stiftung, erbaut werden.

Zum Jubiläum zeigt das Haus Neuzugänge der hoffmannschen Sammlung. Die Kuratorinnen und Kuratoren können dabei aus dem Vollen schöpfen. «Continoulsy Contemporary» ist als dreiteilige Ausstellung angelegt. Der erste Teil ist zurzeit zu sehen, der zweite ab Februar, ebenfalls mit mehreren Künstlerinnen und Künstlern. Der dritte Part im Mai ist dann vollumfänglich dem Werk der britischen Künstlerin Tacita Dean gewidmet.

Vor der Inspiration kommt die Irritation

Wie steht es nun aber in diesem Fall um die horizonterweiternden Qualitäten eines Sammlungsbesuchs? Am Anfang steht die Irritation. In einer kleinen Blackbox läuft ein Video des belgischen Künstlers David Claerbout. Es dauert 18 Minuten und 44 Sekunden und zeigt einen Baum, dessen Blätter hin und wieder impressionistisch vom Wind bewegt werden.

Der Vogel, der da einmal an der Bildecke auftaucht, ist in diesem Kontext bereits Action. Ein eigenartiges Gefühl, dieses künstliche Substrat zu betrachten, mit Maske im Gesicht, während vereinzelt ein anderes Maskengesicht in die Blackbox schaut, und draussen die Sonne scheint.

Im Gang hängt eine Gemäldeserie des belgischen, in Mexiko lebenden Künstlers Francis Alÿs. Eigentlich ist er mit Performances im öffentlichen Raum bekannt geworden. Hier zeigt er sich jedoch als hintergründiger Maler und Erbe der Surrealisten.

Aktualität löst das Rätsel dieser Bilder nicht

An Tischen sitzen sich Doppelgänger gegenüber, die mit ihrem Atem ein transparentes Papier in der Schwebe halten. Die Assoziation zu den allgegenwärtigen Plexiglasscheiben stellt sich ein. Aktualität löst das Rätsel dieser Bilder jedoch nicht.

Eine weitere Denkaufgabe stellt sich im Kabinett mit drei Werken der deutschen Plastikerin Katharina Fritsch. Eine junge Frau stürzt von einem Felsen, andere Frauen rauchen in einem New Yorker Salon Opium, flankiert von drei gelben Puppen: Frau mit Lappen, Frau mit Besen und Kind mit Ball. Unterläuft Fritsch hier Frauenklischees mit den Abgründen des Biedermeier?

Und bereits steht das nächste Boudoir der Verunsicherung bereit. Der kanadische Altmeister Jeff Wall zeigt bis ins kleinste Detail inszenierte Fotografien, eingefrorene Momente, die an Edward Hopper denken lassen. Wieso fällt da ein Junge von einem Geräteschuppen im Garten? Was genau machen drei schwarz gekleidete Männer nachts am Rande eines Parks? Wieso liegt der nackte junge Mann am Boden eines Privatbüros, und worauf wartet die Nackte Frau auf dem Bett?

Wir wissen es nicht. Aber wir merken, wie sich diejenige Bewusstseinsinstanz langsam verflüchtigt, die für simple Zuschreibungen zuständig ist. Ein angenehmer Zustand, der sich im Saal mit Werken der australisch-irakischen Künstlerin Toba Khedoori noch verstärkt. Sie tackert grossformatiges, wachsgetränktes Papier an die Wände und schafft es mit ein paar Linien Unendlichkeit und Weite, mit ein paar sandfarbenen Rechtecken Vergänglichkeit zu evozieren.

Unbeschwert konzentriert, statt mental reduziert

Und dann noch einmal der Belgier Claerbout: Aus einem im Internet gefunden Foto von Arbeitern der Firma Shell in Nigeria macht er grosses Kino. Die Männer stehen unter einer Autobahnbrücke, vor dem Regen Schutz suchend. In Slowmotion schwenkt die Kamera ihnen entlang und über das Wasser am Boden. Politisches Statement, Sinnlichkeit, Abstraktion und vergehende Zeit: Hier fällt alles zusammen und nährt den Wunsch, einfach nur noch Auge zu sein.

Längst ist die Irritation dem Zustand unbeschwerter Konzentration gewichen. Die sonst aktiven, Komplexität reduzierenden Deutungsmuster haben sich – temporär zumindest – aufgelöst. Das ist rational schwer zu fassen.

Aber vielleicht hilft ein Besuch im dritten Stock des Museums bei Joseph Beuys. Ein Video zeigt, wie er versucht, einem toten Hasen die Bilder der Kunst zu erklären. Oder es hilft eine Fahrt mit der Fähre ans andere Rheinufer: schön langsam und horizonterweitert.

Continously Contemporary: Neue Werke der Emanuel Hoffmann-Stiftung. Bis 10. Januar. Kunstmuseum Basel, Gegenwart. www.kunstmuseumbasel.ch