Gemeiner Krake hat Basel verlassen

Eine Ode an den Oktopus, den es nur noch im Zolli-Shop gibt

Derzeit gibt es im Zoo Basel keine Kraken. Das liegt hauptsächlich daran, dass auf deren Lebensbestimmung direkt der Tod folgt.

Lea Meister
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Vor fünf Jahren waren sich die Vivariumsmitarbeiter des Zoo Basel einig: «Ein solch pfiffiges Kerlchen hatten wir noch nie zur Pflege.»

Vor fünf Jahren waren sich die Vivariumsmitarbeiter des Zoo Basel einig: «Ein solch pfiffiges Kerlchen hatten wir noch nie zur Pflege.»

Torben Weber

Regelmässigen Zoobesuchern mag in den vergangenen Monaten etwas aufgefallen sein: Der Oktopus, der sich stets unter einem Muschelberg versteckt hatte, ist nicht mehr. Seesterne, Seeigel und Seewalzen – sie alle sind noch da, aber die Intelligenzbestie aus den Tiefen des Meeres fehlt. Manch einer mag vermutet haben, er verstecke sich einfach noch besser als in der Vergangenheit. Tatsächlich ist er aber im April verstorben. Seither leben im Zoo Basel vorerst keine Kraken mehr.

Ausser im Zolli-Shop. Dort findet man sie bereits vor dem Eingang. Flauschig sind sie und leuchtend rot. Im Innern geht es weiter mit Magneten, Plastikfiguren, Spielzeug, alles deutet auf die Gemeinen Kraken hin, die seit 2009 immer wieder im Zoo bestaunt werden konnten. Schon 1985 hielt der Zoo einen Moschuskraken, der ursprünglich erste «Basler Oktopus» also.

Die Oktopusse zogen jeweils einjährig ins Vivarium ein.

Die Oktopusse zogen jeweils einjährig ins Vivarium ein.

Torben Weber

Das «Tentakel-Orakel» erlangte vor zehn Jahren Berühmtheit

Der «gemeine», oder auch «gewöhnliche Krake» ist das viertintelligenteste Tier der Welt und somit alles andere als gewöhnlich. Der wohl bekannteste seiner Art ist «Paul», das «Tentakel-Orakel», das 2010 sämtliche Weltmeisterschaftsspiele der deutschen Fussballnationalmannschaft korrekt voraussagte. Lange Zeit, um von seinem unglaublichen Geschick und Gedankenreichtum zu profitieren, hat der achtarmige Meeresbewohner aber nicht, denn er wird nicht älter als zwei bis vier Jahre.

Das Eindrückliche und irgendwie auch Tragische an diesem Tier: Die Fortpflanzung bedeutet gleichzeitig auch das Ende der Elterntiere. Das Weibchen ist nach dem Schlupf der Jungen derart entkräftet, dass es daraufhin stirbt. Das Männchen scheidet bereits nach der Paarung aus dem Leben. Der Tod geht also Hand in Hand mit der Entstehung neuen Lebens.

Fortpflanzung ist die Lebensaufgabe der Kraken

Hart aber wahr: Während die Anteilnahme gross ist, wenn im Zoo ein Nashorn oder ein Elefant verstirbt, bleibt es um von uns gegangene Kraken ruhig. Denn mit der Fortpflanzung ist die Lebensaufgabe dieser Tierart erfüllt. Krakenweibchen produzieren gleich bis zu 500’000 Eier aufs Mal, wahrscheinlich mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es beim ersten und einzigen Versuch funktionieren muss. Die nur bis zu einem Millimeter kleinen Jungen machen sich dann als Plankton auf in die grosse weite Meereswelt – oder bis an die Scheiben des Aquariums.

Kraken halten Langeweile nicht aus, weshalb sie ständig beschäftigt sein müssen - das wirkt sich beispielsweise auf die Art der Fütterung aus.

Kraken halten Langeweile nicht aus, weshalb sie ständig beschäftigt sein müssen - das wirkt sich beispielsweise auf die Art der Fütterung aus.

Torben Weber

In einem Krakenleben hat Langeweile keinen Platz. Der erste Punkt auf der Liste der Lernziele eines Achtärmers ist deshalb das effiziente Einsetzen der acht Arme. Darauf folgt gleich anschliessend das Erlernen des richtigen Jagdverhaltens. Im Zolli wurden die Gehirnzellen der Aquarienbewohner jeweils von Beginn weg herausgefordert. So wurde das Futter in Dosen oder Gläsern ausgegeben, die mit Schraubverschlüssen versehen waren. Vergangenheitsform. Denn Stand jetzt ist nicht klar, wann und ob es wieder Oktopusse geben wird im Zoo Basel.

Die Aufzucht von Kraken brauche viel Fingerspitzengefühl, weshalb nur vereinzelt Exemplare aufgezogen würden, sagt Franziska Viscardi von der Kommunikationsabteilung auf Anfrage. Geschlüpfte Jungtiere würde man in Basel aber prinzipiell behalten.

Gleich beim ersten Versuch muss alles stimmen

Bisher haben sich Achtärmer im Zolli zwar vereinzelt gepaart, Jungtiere sind dabei aber noch keine geschlüpft. Es verhält sich also so, wie bei vielen Menschen auch: Es wollte bisher einfach nicht funktionieren. Mit dem einen, aber entscheidenden Unterschied: Nach einem Versuch ist Schluss. Ein hoch intelligentes Tier mit einer sehr kurzen Lebenszeit. Was Kraken in drei bis vier Jahren leisten, ist ziemlich eindrücklich.

Man stelle sich vor, zu was der Achtärmer fähig wäre, wenn er gleich lange leben würde, wie wir Zweibeiner. Vielleicht würde es nicht beim Vorhersagen der Fussball-WM-Resultate im Deutschen Fernsehen bleiben.