Strafgericht
Ein persönlicher Kampf gegen schwarze Kästen

Ein 41-jähriger Mann läuft mit einem Messer herum, zerstört Verstärker und schwarze Autos. Das Basler Strafgericht wies ihn gestern in die Psychiatrie ein.

Patrick Rudin
Drucken
Teilen
Schwarze Kästen sind für den Angeklagten «Schmerzverstärker».

Schwarze Kästen sind für den Angeklagten «Schmerzverstärker».

zVg

«Man will Ihnen helfen, dass Sie wieder in ein normales Leben zurückkehren können. Man will Sie nicht wegsperren», erklärte Gerichtspräsident Roland Strauss dem 41-jährigen Mann. «99,9 Prozent meines Lebens war ich zugänglich. Für 0,01 Prozent kriege ich jetzt solchen Ärger», hatte der Mann zuvor geklagt. Das Dreiergericht ordnete gestern eine sogenannte stationäre Massnahme an, es ging von einer Schuldunfähigkeit des Mannes aus. Seit rund 20 Jahren leidet er an einer Schizophrenie. Bei derartigen Verfahren wird kein konkretes Strafmass festgelegt.

In einer Nacht im vergangenen Januar ging der Mann zuerst zu einem Bekannten, lief wortlos in dessen Wohnung und kappte mit einem Messer die Verbindung des Receivers zu dessen Stereoanlage. Ein Wurf gegen das Fenster brachte nicht viel, daraufhin zertrümmerte er den Receiver vor dem Haus.

Bekannten mit Messer verletzt

Später in der Nacht klingelte er bei anderen Bekannten, wurde aber nicht hereingelassen und verletzte einen Mann mit dem Messer leicht an der Hand. Auch hier wollte er aus seiner Sicht eigentlich Gutes tun und einen Verstärker zerstören: Schwarze Kästen sind für ihn «Schmerzverstärker», wie er vor Gericht erklärte. Offenbar liess sich der Mann von der Romanverfilmung «Dune» von David Lynch aus dem Jahre 1984 beeindrucken, auch in den Romanen von Frank Herbert werden sogenannte Schmerzverstärker geschildert.

Gegen fünf Uhr morgens zerstach er rund um den Basler Kannenfeldpark dann an 18 Autos und drei Velos die Pneus, auch hier suchte er sich ausschliesslich schwarze oder zumindest dunkelfarbige Fahrzeuge aus. Die Polizei nahm ihn schliesslich fest, seither sitzt er in Haft.

«Jeder braucht Hilfe»

«Haben Sie den Eindruck, Sie brauchen Hilfe?», fragte ihn der Gerichtspräsident. «Sicher, jeder braucht Hilfe», antwortete der Mann. Im Gefängnis schaue er den ganzen Tag Fernsehen. «Wenn ich viel Sport mache, heisst es, ich sei manisch». In eine Klinik wollte er nicht, doch auch vor einem Freispruch hatte er Angst. «Ich habe keine Wohnung, keine Vertrauenspersonen. Wenn ich raus komme, stehe ich alleine da. Psychiatrie ist schlimmer als Gefängnis. Da wird mir immerhin die Wahl gelassen, Medikamente zu nehmen oder auch nicht», sagte er.

Es ist seine erste strafrechtliche Verurteilung, doch in den letzten 20 Jahren war der Mann schon viele Male in der Psychiatrie – teils freiwillig, teils aber auch unfreiwillig. Mehrmals brachte ihn auch die Polizei in die Klinik, seiner Ansicht nach auch wegen Bagatellen. «Die haben mich wie einen Amokläufer behandelt», beschwerte er sich gestern beim Gericht.

Während der Haft organisierte man für ihn ein Vorstellungsgespräch in einer Klinik in der Ostschweiz. «Ich glaube nicht, dass ich dorthin gehöre. Was soll ich dort?», fragte er. Er brauche Unterstützung in anderer Form. «Wer ist in den letzten zehn Jahren auf mich zugekommen und hat mich besucht? Niemand – keine Sau», meinte er sichtlich frustriert.

Sein Verteidiger betonte, er stelle keine Gefahr für seine Mitmenschen dar und beantragte vergeblich, das Gericht solle bloss eine ambulante Massnahme beschliessen. Der 41-Jährige liess durchblicken, dass er das Urteil weiterziehen wird.

Aktuelle Nachrichten