Gassenarbeit
Ein Briefkasten für Hunderte: Der «Schwarze Peter» hilft Obdachlosen

Der Verein «Schwarzer Peter» bietet Obdachlosen die Möglichkeit, bei der Jobsuche eine Adresse anzugeben. Dies ermöglicht den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Die Gassenarbeiter unterstützen viele Menschen ohne festen Wohnsitz.

Annika Bangerter
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Sie beraten in ihrem Büro im St. Johann, aber vor allem direkt auf der Strasse. Die drei Gassenarbeiter vom Verein «Schwarzer Peter»: Yvonne Bürgin, Tobias Hochstrasser und Julia Schuler (von links nach rechts).

Sie beraten in ihrem Büro im St. Johann, aber vor allem direkt auf der Strasse. Die drei Gassenarbeiter vom Verein «Schwarzer Peter»: Yvonne Bürgin, Tobias Hochstrasser und Julia Schuler (von links nach rechts).

Kenneth Nars

340 Adressen für ein Haus. Was nach einem riesigen Wohnblock klingt, ist ein zweistöckiges Gebäude im St. Johannsquartier. Dort gibt der Briefträger die Post für Hunderte von Menschen ab, deren Namen neben keiner Klingel stehen. Beim «Schwarzen Peter», dem Verein für Gassenarbeit, nennt man sie nicht Obdachlose, sondern «Menschen ohne festen Wohnsitz».

«Denn die meisten Betroffenen finden kurzzeitig Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten. Häufig ziehen sie mit ihrem Rucksack von Sofa zu Sofa», sagt Tobias Hochstrasser, Gassenarbeiter beim «Schwarzen Peter». Ohne eigene Adresse zahlt die Sozialhilfe aber keine Beiträge aus; eine Job- oder Wohnungsbewerbung ist praktisch chancenlos. Die Anschrift ist eine Art Eintrittskarte in die Gesellschaft.

Deshalb bietet der Verein «Schwarzer Peter» sogenannte Meldeadressen an. Kamen 2010 durchschnittlich um die hundert Menschen auf diesem Weg an ihre Post, waren es im letzten Jahr 270. «In Basel gibt es ein massives Wohnungsproblem. Betroffen sind nicht nur Ausgesteuerte, sondern Menschen wie du und ich. So beraten wir auch ehemalige Bankangestellte, denen ein Job-Verlust oder eine Scheidung den Boden unter den Füssen weggezogen hat», sagt Yvonne Bürgin.

«Ab auf die Gasse»

Die Gassenarbeiterin schlüpft in ihre dunkelgrüne Manchester-Jacke, greift zu ihrer blauen Umhängetasche. Gemeinsam mit Tobias Hochstrasser zieht sie los – «ab auf die Gasse», wie sie sagt. Neben den Beratungsgesprächen im «Schwarzen Peter» findet ihre Arbeit vor allem draussen statt – auf Plätzen, in Parks. Die Gassenarbeiter stoppen dort, wo andere den Blick in eine andere Richtung wenden: bei Menschen, die sich inmitten der Stadt am Rande der Gesellschaft bewegen. Bei Menschen ohne Zuhause, Stellenlosen oder Süchtigen.

«Wir sind vor allem tagsüber unterwegs, da sind unsere Leute klarer. Abends sind sie häufig erschöpft – das Leben auf der Gasse ist anstrengend», sagt Julia Schuler, Gassenarbeiterin beim «Schwarzen Peter». An diesem verregneten Montagnachmittag trifft sie ihre beiden Kollegen am Claraplatz. Die Hündin Cunda bemerkt die drei Gassenarbeiter als erste, bellt, wedelt freudig mit dem Schwanz. «Heute habe ich leider kein Gutzi für dich», sagt Yvonne Bürgin und streichelt ihr über den Kopf.

Cunda gehört Yann. Er lernte die Gassenarbeiter vor acht Jahren in der Suppenküche Soup’n’Chill kennen. «Wenn es mir nicht gut geht, kann ich mit ihnen sprechen. Sie helfen bei Problemen, aber wir sitzen auch gemütlich zusammen», sagt Yann. Die Postadresse beim «Schwarzen Peter» sei eine grosse Hilfe für ihn. Der gebürtige Kleinbasler sucht eine Wohnung – ein Unterfangen, das «wegen der horrenden Preise fast unmöglich ist», wie er sagt. Weil er seine zwei Hunde nicht in die Notschlafstelle mitbringen darf, schläft er draussen im Wald.

Langjährige Beziehungen

Die Menschen, die sich am Claraplatz treffen, kennen die Gassenarbeiter mit Namen, begrüssen sie mit einem Händedruck, eine Frau umarmt Yvonne Bürgin. «Wo hast du diese Nacht geschlafen?», fragt diese. Die Gassenarbeiter kennen «ihre Leute», wie sie sie liebevoll nennen, häufig schon seit Jahren. Sie wissen um ihre Probleme, ihre Verhältnisse, ihre Beziehungen, ihre Familiengeschichte. Aus unverfänglichen Gesprächen werden schnell Mini-Beratungen. Probleme mit den Ämtern, Drogenentzug, Alkoholkonsum sind ebenso Thema wie ein Schwumm im Rhein oder ein Fussballmatch. «Ein Grossteil unserer Tätigkeit ist Beziehungsarbeit. Indem wir auch über scheinbar Belangloses sprechen, bauen wir ein Vertrauensverhältnis auf», sagt Julia Schuler.

Beach Boys und Hardcore-Musik

Die einzelnen Gruppen «ihrer Leute» könnten unterschiedlicher kaum sein. Standen die Gassenarbeiter am Claraplatz zwischen Menschen im mittleren Alter, die mit Bierdosen in der Hand zusammen schwatzten, besuchen Julia, Tobias und Yvonne eine halbe Stunde später junge Männer in Bomberjacken. Glatzen, einige tragen Hosen im Military-Look. Plätscherten am Claraplatz Songs von den Beach Boys, dröhnt im Pavillon der Elisabethenanlage Hardcore aus den Boxen. Ein etwa 20-Jähriger steht am Rand der Gruppe. Seine blonden Haare sind zu einer Art Haartolle frisiert. Er dreht demonstrativ den Kopf weg, beobachtet gelangweilt den Strassenverkehr. Auf die Begrüssung von Yvonne reagiert er nicht. «Wer nicht reden will, wird von uns nicht bedrängt. Unser Angebot ist freiwillig. Wir arbeiten akzeptierend und auf Augenhöhe», sagt Tobias Hochstrasser.

Das funktioniert. Am Bahnhof kommt ein etwa 50-jähriger Mann in grauen Faltenhosen auf die Gassenarbeiter zu. Er scheint auf sie gewartet zu haben – der «Schwarze Peter» spricht sich auf der Gasse herum. «Parlez-vous français?» Tobias Hochstrasser erklärt dem Mann, wo die Anlaufstelle für Sans-Papiers ist. Julia Schuler kramt in ihrer Tasche einen Stadtplan hervor. Sie erklären ihm, dass sie an zwei Nachmittagen pro Woche Kurzberatungen im «Schwarzen Peter» durchführen. Ohne Voranmeldung.

Einen Tag später werden die Gassenarbeiter ihn im St. Johann treffen – im Büro des «Schwarzen Peter». Als einer von vielen. Offene Fragen gibt es genug.

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