Herzstück

Du sollst Dir kein Foto machen

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland.

Martin Dürr
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Was früher analog geschah, passiert heute digital. Fällt einem das Ausmisten so leichter?

Was früher analog geschah, passiert heute digital. Fällt einem das Ausmisten so leichter?

PIXABAY

An zwei Quartier-Flohmärkten haben wir alles verkauft, das uns seit Corona in die Quere gekommen war. Unser Keller strömt asketische Ernsthaftigkeit aus wie ein Zen-Garten. Jetzt muss anderes ausgeräumt werden. Die Sommerferien sind schon fast vergessene Geschichte. Aber da gibt es noch Tausende Bilder im Computer und in der Cloud.

Lebten wir im vorigen Jahrhundert, wir würden vielleicht lange Dia-Abende machen. Unsere Freunde würden wir als Geiseln halten und mit Bildern von Natur und Historischem foltern. Da soll mir keiner kommen und sagen, Social Media habe nur Nachteile. Heute posten alle alles live und keiner muss zusehen. Natürlich gibt es dann und wann mal eine Perle zu entdecken. Dafür muss man allerdings durch sehr viele Fotos von Essen, unerkennbaren Menschen mit Sonnenbrillen und Hut auf Bergen scrollen. Ganz abgesehen von Verschwörungstheorien, die immer penetranter in der Timeline erscheinen.

Zeit auszumisten. Da müssen auch ein paar «Freunde» dran glauben, die wir eh nicht kennen. Schade, dass Virtuelles nicht recycled werden kann. Klar, es gibt Online-Flohmärkte (eine gute Sache), aber den Link zu einem Video mit «der Wahrheit» zu löschen ist nicht entfernt so befriedigend, wie wenn man früher einen besonders dummen Zeitungsartikel zusammengeknüllt in den Papierkorb schmiss. Um ihn später wieder herauszuklauben, zu glätten und falten und korrekt zu entsorgen im Altpapier, natürlich. Bevor ich aber endgültig ein alter Wetterer werde, gehe ich mit gutem Beispiel voran. Und beschliesse, meine Bilder-Bibliothek auf Wesentliches zu reduzieren.

Natürlich fange ich hinten an. Also bei den Ferien. Erstes Entsetzen beim Anblick von Dutzenden unscharfen Sonnenuntergängen. Warum habe ich nicht einfach nur den Sonnenuntergang genossen? Warum habe ich Bilder von Landschaften geschossen, an die ich mich schon jetzt nicht mehr erinnere? Felder und Strassen, wer braucht denn das? Ah, da, ganz im Hintergrund sind Berge zu erahnen. Wenn man ranzoomt, sieht es aus wie verpixelte Fahndungsbilder. Delete, delete, delete. Was ist das denn? Fast schwarze Bilder. Ach so, da wollte ich den Kometen Neowise fotografieren! Haha. Das ist wie in einem vollkommen dunklen Zimmer eine Katze suchen, die nicht da ist.

Darf man eigentlich Bilder von Menschen löschen? Ich meine nicht nur die ganz schlechten, bei denen jede Fotografierte aufschreit: «So schrecklich sehe ich aber nicht aus?!» Ich meine die einigermassen guten, die es zu Hunderten gibt. Es ist einfach eine Frage der Masse. So viele Bilder kann niemand je ansehen. Masse und Macht. Der Fotograf hat Macht. Ich weiss, wovon ich rede: mein Grossvater war Industriefotograf und -filmer. Mit den Filmresten wurde unsere Kindheit flächendeckend dokumentiert. Da habe ich gelernt, dass man besser hinter der Kamera steht als davor. Das weiss auch jeder, der früher Denunziant war und heute als «Leserreporter» Bilder einschickt. Im Zweifelsfall löschen. Oder noch besser: Behalte die wertvollsten Eindrücke im Herzen.