Reportage

Die Rechnung für Leymen geht auf, doch bald soll Schluss sein mit Zuzügern

Günstig2 x Natur + Tram = Erfolg. Im idyllischen Elsass liegend und über das Tram mit der Stadt, der Kultur, den Pharmakonzernen verbunden, lockt das Dorf Jahr für Jahr mehr Schweizer und Expats an – doch damit soll irgendwann Schluss sein.

Helena Krauser
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Repo Leymen
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Kirstin Barton, Expat, die in der Roche in Basel arbeitet. Sie ist seit 2019 offiziell Französin.
Das 10er-Tram ist die Lebensader von Leymen: es verbindet Leymen mit Basel und der Agglomeration.
Der Markt auf der Place de l'église...
...findet jeweils am Freitag statt.
Die Mairie, das Rathaus, von Leymen.
Die Dorfansicht im Neubaugebiet Richtung Biel-Benken.
Der Anschlag am Rathaus.
Die Dorfansicht von Leymen: Links oben ist die Ruine Landskron zu sehen.
Der offene Bücherschrank an der Hauptstrasse Richtung Rodersdorf.
Wo man sich trifft: die «Couronne d’Or» an der Rue Principale.

Repo Leymen

Roland Schmid

Kurz nach dem Bahnhof in Flüh nimmt das Tram nochmals Fahrt auf. Die Strecke bis Leymen ist lang. Drei Minuten braucht der 10er, um von dem Schweizer Dörfchen über die Grenze bis nach Leymen zu fahren. Gleich nach der Kurve, dort wo das Tram schneller wird, beginnt die Weite. Der Blick schweift über die Felder, links oben beginnt der Tannenwald, rechts im Tal sind die ersten Häuser des elsässischen Dorfes zu sehen.

Am Bahnhof in Leymen herrscht Ruhe. Wenn das gelbe Tram auf dem Weg nach Rodersdorf hinter der nächsten Kurve verschwindet und die Angereisten entweder den Berg hoch zur Ruine Landskron oder über die steile Rue de la Gare in Richtung der Restaurants laufen, hört man nichts mehr. Der Bahnhof liegt im oberen Teil des Dorfes, hier stehen ein paar vereinzelte Häuser. Viel mehr gibt es nicht. In den vergangenen Jahren sind ein paar Schranken, Ampeln und Zäune hinzugekommen. Sie führen die Fussgängerinnen und Fussgänger sicher an den Gleisen vorbei. Früher ging man den kurzen Weg bis zu dem kleinen namenlosen Strässchen, das in den oberen Teil des Dorfes und zur Landskron führte, über die Gleise – auf den Schienen balancierend.

Vor allem im Sommer, wenn die Sonne den Asphalt erhitzt und die Bienen im Lavendel surren, ist die Stille beinahe körperlich zu spüren. Leymen ist dann je nach Blickwinkel, Alter und Tagesform entweder wahnsinnig öde oder grenzenlos frei. Wer hier aufwächst, kennt diese Ambivalenz zwischen unglaublich langweiligen Sonntagnachmittagen und aufregenden Abenteuern am Bachufer.

Viel mehr lässt sich über die Gemeinsamkeiten der Kinder, die in Leymen aufwachsen, allerdings nicht sagen. In dem Dorf mit 1300 Einwohnerinnen und Einwohnern leben Menschen aus 36 verschiedenen Nationen. Viele von ihnen kommen aus der Schweiz, einige aus England. Aber auch Menschen aus Italien, Griechenland, Russland, Australien und den USA ziehen nach Leymen. Die Erwachsenen verdienen ihr Geld in der Schweiz, häufig in der Pharmaindustrie oder im Spitalwesen. Ihre Kinder besuchen oft die internationalen Schulen in Basel, nehmen Klavierstunden in der Schweiz und geniessen, wenn sie älter sind, das städtische Nachtleben. Dank Tram und Nachtbus können sie sich eigenständig bewegen. Kurz: Sie leben als Expats und Grenzgänger in Leymen.

Mehr als ein Drittel sind Ausländerinnen und Ausländer

35 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner haben keine französische Staatsbürgerschaft. Wäre der Wille zur Integration bei den Zugezogenen nicht so gross, könnte diese Zahl noch viel höher ausfallen. Denn viele lassen sich nach ein paar Jahren einbürgern. Mittlerweile ist auch die Zahl der zugezogenen Kinder, welche die lokale Schule besuchen, gestiegen.

Immer wieder hört man, der Grund dafür sei, dass die Arbeitgebenden aus der Pharmabranche nun nicht mehr wie noch vor ein paar Jahren das Schulgeld für die internationalen Schulen übernehmen. Die betroffenen Familien wollen sich dazu allerdings nicht konkret äussern, da sie in ihrem Vertrag mit den Arbeitgebenden zustimmten, dieses Thema vertraulich zu behandeln.

Hier fühlten wir uns am wohlsten.

(Quelle: Kirstin Barton, Zugezogene Leymerin)

Kirstin Barton gehört zu denen, die sich unbedingt integrieren und aktiv einbringen möchten. Sie lebt mit ihrem Mann im oberen Teil des Dorfes nicht weit von der Kapelle Âmes-du-Purgatoire (Kapelle der Seelen des Fegefeuers). Die Töchter sind mittlerweile ausgezogen. Als sie vor rund 15 Jahren von England nach Leymen zogen, stand schon fest, dass sie sich hier längerfristig niederlassen wollen. Ihr Mann wurde dementsprechend auch mit einem «local contract», also unter denselben Bedingungen wie die lokalen Arbeitnehmenden, angestellt und nicht mit einem spezifischen Expatvertrag. Nach Leymen kamen sie, weil der Ort ihnen spontan sehr gefiel. «Wir fuhren damals durch verschiedenste Dörfer in Frankreich, der Schweiz und Deutschland. In Leymen fühlten wir uns dann am wohlsten. Deshalb entschieden wir, hierher zu ziehen» sagt Kirstin Barton. Ihre Töchter waren damals vier und fünf Jahre alt.

Sie besuchten die Schule im Dorf und später das Lycée in Frankreich. Mittlerweile studieren sie in Strassburg und Schottland. Englisch und Französisch sprechen sie fliessend, Deutsch haben sie in der Schule gelernt. Auch Kirstin Barton hat in Kursen und durch Freiwilligenarbeit in der Schule Französisch gelernt. Deutsch versteht sie. Die Integration ist sehr wichtig für sie. Deshalb haben sie und ihre Familie sich auch einbürgern lassen. Seit 2019 besitzen sie die französische Staatsbürgerschaft.

Von 2015 bis 2017 war Kirstin Barton sogar Mitglied des Gemeinderats. Gemeinsam mit der Gruppe «Leymen Loisirs» initiierte sie Sportgruppen für Zumba und Basketball.

Jean, schass’ emol de Gickel üs’m schardin

Geht man vom Bahnhof aus die steile Strasse hinunter ins Dorfzentrum, läuft man geradewegs auf einen offenen Bücherschrank zu. Auf den Buchrücken stehen englische, deutsch und französische Titel. Die Mehrsprachigkeit hat in Leymen einen hohen Stellenwert. Am sichtbarsten wird dies, wenn man das Gemeindeblatt aufschlägt. Alle Texte im Heft erscheinen auf Französisch, Deutsch und Englisch. «Das Heft widerspiegelt die Vielfalt unserer Gemeinde, deshalb erscheint es seit etwa zehn Jahren dreisprachig», sagt der Maire Rémy Otmane. Notwendig ist dies, weil sich nicht alle Zugezogenen so eifrig integrieren wie die Familie Barton. «Viele Expats kaufen ein Haus, leben vier, fünf Jahre hier und verkaufen es dann wieder», sagt Rémy Otmane. Dementsprechend bemühen sie sich auch nicht unbedingt, Französisch zu lernen.

Bei den Englischsprechenden stellt Otmane tendenziell einen stärkeren Willen zur Integration fest als bei den Grenzgängern. «Die Schweizer haben ihr Umfeld gleich über der Grenze und deshalb nicht ein so starkes Bedürfnis, sich hier einzubringen», sagt er. In die Mairie kommen sie vor allem dann, wenn sie Probleme mit ihren Nachbarn haben. Häufig geht es dabei um Äste, die auf ihr Grundstück wachsen. «Wir weisen sie dann darauf hin, dass sie solche Probleme untereinander lösen müssen», erzählt Otmane. Viele Schweizer erwarten, dass mit ihnen in Leymen Schweizerdeutsch beziehungsweise Elsässisch gesprochen wird. «Es wäre daher schon ziemlich wichtig, dass der Maire von Leymen auch Elsässisch spricht», so Otmane.

Das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechzigerjahre wurde versucht, das Elsässische auszurotten. Es wurde aus den Schulen verbannt. Wenn die Schülerinnen und Schüler Elsässisch sprachen, wurden sie bestraft. Der Dialekt galt als hinterwäldlerisch und durch seine Verbindung zum Hochdeutschen als nationale Schande. Für Elsässer dieser Generation habe dies später zu beruflichen Nachteilen geführt, sagt Otmane. Weil sie kein Deutsch sprechen, konnten sie zum Arbeiten nicht so einfach in die Schweiz. Deshalb seien viele dieser Jobs von Deutschen übernommen worden. Die älteren Menschen, die zur Schule gingen, als Elsässisch noch stolz gesprochen wurde, mischen Französisch und Deutsch hingegen selbstverständlich und wechseln mitten im Satz die Sprache. Daraus entstehen Sätzen wie der folgende, der in Leymen immer wieder als Paradebeispiel des Elsässischen verwendet wird: «Jean, schass’ emol de Gickel üs’m schardin, er frisst mir min ganzes legüm.»

Im Dorf reden sie von den «Fremden» und den «Eigenen»

Wenn Rémy Otmane von den Bewohnerinnen und Bewohnern seines Dorfes spricht, benutzt er häufig die Zuschreibungen «Fremde» und «Eigene». Die Fremden, das sind die Zugezogenen, die Grenzgänger und die Expats. Die eigenen, das sind die, die schon lange im Dorf leben, die Franzosen, die hier aufgewachsen sind. Der Maire benutzt diese Zuschreibungen, ohne dabei feindlich gegenüber den Fremden zu sein. Im Gegenteil, er bemüht sich sehr, ein gemeinschaftliches Dorfleben zu gestalten. In den vergangenen Jahren ist viel passiert. An der Rue Principale wurde 2010 ein Supermarkt eröffnet, seit einem Jahr gibt es jeden Freitag einen kleinen Markt, es sind viele Vereine gegründet worden, in denen sich auch Zugezogene engagieren. Im Restaurant Couronne d’or entstand ein «Café linguistic», in dem Französisch, Deutsch und Englisch geübt wird. Dennoch wird auch deutlich, dass Leymen nicht unendlich weiter wachsen will. Die Attraktivität des Standorts ist nicht nur ein Segen für das Dorf. Otmane sagt: «Wir haben eher zu viel Bauland. Leymen soll sich in den nächsten Jahren nicht verdoppeln. Wir wollen ja kein Städtchen werden.»

Die Sache mit dem Bauland ist ein Thema, das Leymen immer wieder beschäftigt. Manch ein Bürgermeister sah im Verkauf seines eigenen Landes ein lukratives Geschäft, andere wollten lieber nicht zu viele Zuzüglerinnen und Zuzügler in Leymen sehen. Es scheint, als ob der Gemeinderat nun versucht, durch die Stärkung des Dorfzentrums und des Vereinsleben den Kern des Dorfes zu festigen, um zu verhindern, dass es durch die vielen Neubauten am Dorfrand zerfleddert und keinen Zusammenhalt mehr hat. Es wird eine Identität gesucht. Für ein Dorf, das seinen Platz seit jeher zwischen den Fronten hat. Ein Dorf, das je nach Perspektive als «Goldküste Frankreichs» oder als «günstiges Bauland in Stadtnähe» gesehen wird. «Für einen Normalverdiener aus Frankreich ist es mittlerweile fast unmöglich, sich ein Leben in Leymen zu leisten», sagt Jean-Marc Petit. Er selbst ist Franzose und hat sein Geld als Französischlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Basel verdient. Seine Frau ist Schweizerin. Als der fünfköpfigen Familie vor dreissig Jahren die Miete in Arlesheim zu teuer wurde, beschlossen sie, nach Leymen zu ziehen. Damals war das Bauland hier noch einiges günstiger. Mittlerweile sei es ungefähr um das Fünffache gestiegen, erzählt Petit. Der Grund dafür ist die Zauberformel, die Leymen für Grenzgänger innen und Grenzgänger so lukrativ macht. Günstigeres Bauland als in der Schweiz und dennoch gut erschlossen durch den öffentlichen Verkehr. Schon den Kleinsten im Dorf sei klar, wie die Formel funktioniert: «Fragt man die Schulkinder, was sie später einmal werden wollen, sagen sie: ‹Ich will in der Schweiz arbeiten›».

Plötzlich war die Grenze wieder präsent

Die Rechnung ginge allerdings nicht auf, läge Leymen nicht so schön – umgeben von Feldern, Wiesen und vor allem von sehr viel Wald. Von den 1164 Hektaren Land, die zu Leymen gehören, sind 400 Hektaren Wald. Auf der einen Seite wächst der Tannenwald über den Landskronberg, auf der anderen Seite reihen sich sanft die bewaldeten Hügel aneinander, irgendwo dazwischen liegt die Kapelle Heiligenbrunn.

Für uns war es wie eine andere Welt.

(Quelle: -minu, Schriftsteller und Stadtoriginal)

Zu der ursprünglich heidnischen Kultstätte gehört eine Quelle, der heilende Kräfte zugesprochen werden. Die Natur und die Weite waren es auch, die den Basler Journalisten und Stadtorginal -minu in den 70er-Jahren gemeinsam mit seinem Partner nach Leymen zogen. Dort lebten sie bis vor fünf Jahren während der Sommermonate. «Die Aussicht, die man hat, wenn man von Biel-Benken nach Leymen fährt, hat es für uns ausgemacht. Hier stösst der Blick nicht auf Berge oder Überbauungen wie in den umliegenden Schweizer Gemeinden.» Für ihn habe sich Leymen angefühlt wie eine andere Welt, die nur 20 Minuten von Basel entfernt liegt. Kurz nachdem -minu und sein Partner das Haus im Dorfzentrum gekauft hatten, erzählte die ehemalige Besitzerin von einer Dame, die sie die «Dorfzeitung» nannte. Sie wohne im Haus gegenüber und wisse immer genau, was im Dorf passiert. Wenn zwei Männer gemeinsam in ein Haus ziehen, wäre das Getratsche bestimmt gross. -minu ging daraufhin direkt zu der Dame und stellte sich vor. Auf die Frage, wo denn ihre Frauen seien, sagte er, es gebe keine. «Und wer macht dann den Haushalt?» fragte sie. Ein paar Tage später fing die Dame als Haushälterin bei den beiden Männern an.

Damals lebten kaum Schweizer in dem Dorf. Der Boom kam erst später. Im Dorfkern eröffneten mehrere Lokale und so kamen nicht nur immer mehr Zuzüger, sondern auch viele Wanderer und Restaurantbesucher. Jean-Marc Petit wohnt an der Rue de la Gare, die den Dorfkern mit dem Bahnhof verbindet. «Es ist lustig zu beobachten, wie die Menschen am frühen Freitag- und Samstagabend vom Tram aus in Scharen runterlaufen und später, ausgelassen, heiter und einiges langsamer wieder die steile Strasse hochkommen und nach Basel zurückfahren.»

Die Grenze ist für uns nicht existent.

(Quelle: Rémy Otmane, Maire von Leymen)

Seit Corona sind solche Szenen seltener geworden. Eines der Restaurants «l’Ange» musste sogar schliessen. Der Lockdown hat Leymen hart getroffen. Plötzlich waren die Grenzen, die sonst praktisch nur auf dem Papier existieren, wieder präsent. Schweizer Soldaten patrouillierten mit Sturmgewehren an den Landesgrenzen, wiesen Spaziergänger zurecht und hinderten den Postboten daran, die Briefe zu einem Haus am Dorfrand zu bringen, das nur über eine Strasse zu erreichen ist, die durch die Schweiz führt. Nach Medienberichten, unter anderem von dieser Zeitung, über das Tram, das trotz Grenzschliessung noch in Leymen hielt, fiel auch diese Verbindung zu der Schweiz. «Den Bewohnerinnen und Bewohnern blieb nichts anderes übrig, als über St. Louis oder Hegenheim zu fahren», sagt Maire Otmane. Er habe versucht, die zuständigen Personen dazu zu bewegen, Kontrollen im Tram einzuführen, sodass unterschieden werden könnte zwischen denjenigen, die nur einkaufen gehen wollen, und denjenigen, die zur Arbeit fahren müssen. Erfolg hatte er dabei aber nicht. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass das Militär auf dieser Strecke kontrolliert hätte. Bereits während des Ersten Weltkrieges begleiteten schweizerische und deutsche Soldaten die damalige Birsigtalbahn. Als die Strecke von Juni 1940 bis April 1945 wieder gesperrt wurde, verband eine Busverbindung die Dörfer Rodersdorf, Flüh und Mariastein.

In Leymen hofft man, dass eine solche Grenzschliessung nicht wieder nötig sein wird. «Wir leben auf dem gleichen Boden und atmen die gleiche Luft. Für uns ist die Grenze nicht existent», sagt der Maire Rémy Otmane.