Portrait

Die Cüplifeministin: Sibylle von Heydebrand, eine bürgerliche Frauenrechtlerin

Sibylle von Heydebrand ist eine seltene Frauenrechtlerin. Sie ist eine Bürgerliche. Vor allem aber ist sie eine Netzwerkerin.

Benjamin Rosch
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Die Arlesheimer Ermitage ist das zweite Zuhause von Sibylle von Heydebrand.

Die Arlesheimer Ermitage ist das zweite Zuhause von Sibylle von Heydebrand.

Kenneth Nars

In der griechischen Mythologie nahmen die Moiren eine spezielle Stellung ein. Klotho, Lachesis und Atropos woben das Schicksal, teilten den Geschöpfen ihre Lebensfäden zu und durchtrennten sie, wenn der Tod nahte. Die Macht der Moiren war so gross, dass nicht einmal die Götter ihr Werk zu stören vermochten.

Wir treffen Sibylle von Heydebrand, 60, in der Ermitage von Arlesheim, ihrem «zweiten Wohnzimmer», wie sie gerne sagt. Von Heydebrand ist eine forsche Frau mit weichen Gesichtszügen und grossen Augen. Sie redet gerne und viel, aber nie aufdringlich, sie will selbst alles von ihrem Gegenüber erfahren. Auf dieses Gespräch hat sie sich gut vorbereitet, sogar die Abschlussnoten des Journalisten erforscht. Das ist die Geschichte einer Frau, die wenig dem Zufall überlässt und gerne die Fäden selber in die Hand nimmt.

Mit 16 von zuhause ausgezogen

Sibylle von Heydebrand ist geboren in Bern und aufgewachsen in einem humanistischen Haushalt. «Überall standen Bücher», erzählt sie. Einen Fernseher erlaubte sich die Familie nicht, dafür unternahm sie ausgedehnte Reisen durch Italien, erforschte Mosaiken in Ravenna und Kirchen der Emilia-Romagna. Klassisches Bildungsbürgertum eben.

Schon mit 16 Jahren wagte von Heydebrand die erste Ablösung, sie zog von zuhause weg und absolvierte das Gymnasium in Neuenburg. Die Eltern wollten das so, die Tochter war einverstanden. «Wer ins Wasser geworfen wird, lernt schnell schwimmen», sagt von Heydebrand. «Es war mein Glück: Der Unterricht auf Französisch hat mich gefordert.»

Die Eltern unterstützten sie, doch viel Geld blieb ihr nicht. Abwechslungsweise ass sie Spaghetti und Risotto, «manchmal mit Hackfleisch». Für mehr reichte es nicht in der Wohngemeinschaft.

Es war jene Zeit, in der von Heydebrand sich für den Feminismus zu interessieren begann. Wirklich dabei gewesen sei sie nicht, sagt sie. Es reichte für eine Fiche. Bis heute ist Sibylle von Heydebrand keine feministische Vorkämpferin. Sie sagt: «Wenn es eine Gelegenheit gibt, dann setze ich mich für die Frauen ein.» Genau das ist es, worauf sich von Heydebrand aber gut versteht: Gelegenheiten schaffen. So etwa mit ihrem neuesten Projekt, den Members of Moira. Mit vier Freundinnen zusammen hat sie ein Netzwerk von Frauen gegründet, die sich gegenseitig unterstützen, politisch wie wirtschaftlich. Vier der fünf Gründungsmitglieder gehören der FDP an. Inzwischen sind es zwanzig Moiren, doch schon bald werden die «Memebers of Moira» wachsen, langsam, aber beständig. Es ist eine Mischung aus Serviceclub und Zunft. «Wir leben die Freundschaft», sagt von Heydebrand.

Frauenrechtlerin bürgerlichen Zuschnitts

Es gibt wenige so aktive Feministinnen bürgerlichen Zuschnitts wie Sibylle von Heydebrand. Über die Grenzen der Region bekannt ist der Neujahrsanlass für Frauen, den sie jahrelang ausgerichtet hat. An ihrer letzten Veranstaltung trat Bundesrätin Simonetta Sommaruga als Hauptrednerin auf.

Der Frauenstreik ist nicht mein Stil.

(Quelle: Sibylle von Heydebrand)

Obwohl sie FDP-Mitglied ist, tritt sie selten im üblichen politischen Rahmen auf, zumindest bekleidet sie kein Amt. Und schon gar nicht politisiert von Heydebrand mit einem Transparent auf der Strasse wie etwa am Frauenstreik. «Das ist nicht mein Stil», sagt sie und lächelt zurückhaltend. «Aus meiner Sicht gibt es auch keine Frauenthemen. Es gibt nur Gesellschaftsthemen.» Lohngleichheit ist ihr wichtig, «denn es geht ja auch die Männer an, wie viel Geld wir nachhause bringen.»

Aus den gleichen Gründen setzt sie sich für den Vaterschaftsurlaub ein. «Er könnte für mich auch länger sein als die geforderten zwei Wochen.» Von Heydebrand scheut sich auch nicht, ihre Meinung gegen ihre Partei zu vertreten. Die Baselbieter FDP hat am Donnerstag die Nein-Parole gefasst.

Sibylle von Heydebrand ist eine Cüplifeministin im bestgemeinten Sinn: Netzwerken statt Empowerment, Konversation statt Klassenkampf. Auf der Website der Members of Moira steht, man wolle mit den Männern zusammenarbeiten. Sibylle von Heydebrand schafft das Patriarchat nicht ab, sie kopiert Teile davon für die Sache der Frau.

Sie will es sich beweisen und allen anderen

Nach einer kleinen Exkursion durch die Geschichte der Ermitage hat von Heydebrand Platz genommen auf einem Steinbänkchen. Im Hintergrund plätschert ein Wasserfall über einen moosbewachsenen Felsen. Der englische Landschaftsgarten als Biotop der Aufklärung bietet die perfekte Szenerie für das Gespräch mit Sibylle von Heydebrand. Sie erzählt gerne von ihrer Jugend.

Nach der Matur studierte sie Jurisprudenz in Genf und später in Basel. «Ich mag den Basler Charakter, er ist ein bisschen frecher, spritziger», sagt Heydebrand. Von ihrem Berner Dialekt ist nicht viel geblieben. Daneben arbeitete sie im Service. Es war ihre Lebensschule. Von Heydebrand lernte die Menschen kennen, wie sie sich bewegten, wie sie sich benahmen. Sie unterstreicht das gerne, es ist ihr wichtig, an ihren eigenen Leistungen gemessen zu werden. Es ist vielleicht die Bürde eines adligen Namens, dass von Heydebrand sich immer wieder beweisen will, wahrscheinlich auch sich selber. Auf keinen Fall ist sie jemand, die sich auf Errungenem ausruhen will. Erst vor wenigen Jahren schrieb sie deshalb noch eine Doktorarbeit. Das hatte sie sich lange vorgenommen. Seit 2012 doziert sie an der Höheren Fachschule IBZ.

Auf ihrer ganz persönlichen «Bucketlist» stand auch das Engagement für die Uno. Seit Januar 2020 ist von Heydebrand ständige Repräsentantin der Vereinten Nationen und setzt sich dort für Frauenrechte ein. Stolz zeigt von Heydebrand ein Bild von sich unter dem berühmten Dach des Sitzungssaals in Genf. Den Weg dorthin hat sie von langer Hand geplant: Sie trat der International Alliance of Women bei, einem Weltbund für Frauenrechte. An Kongressen knüpfte von Heydebrand Kontakte und beteiligte sich an Projekten. Etwa an «Water and Pads for Schoolgirls», das Mädchen den Zugang zu Wasser und Binden ermöglicht.

Noch hat Sibylle von Heydebrand ihre Bucketlist nicht abgearbeitet, zwei Bücher möchte sie etwa noch schreiben. Mehr verrät sie nicht. Und dann sind da natürlich die verschiedenen Anlässe, an denen sie Frauen unterstützt, Verbindungen schafft und so ein grosses Netzwerk spinnt. Der Name «Members of Moira» passt dazu in jeder Hinsicht.