Baselworld 2017

Designerin Gyzide Akbulut: «Diese Woche ist wie ein wunderbarer Trip»

Die Basler Designerin Gyzide Akbulut stattet seit Jahren hochrangige Ausstellerinnen der Baselworld mit ihren Kollektionen aus. Diese suchen bewusst das Exklusive.

Rahel Koerfgen
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Powerfrau: Gyzide Akbulut in ihrer Basler Atelier-Boutique. Martin Töngi
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Gyzide Akbulut in ihrer Basler Atelier-Boutique.

Powerfrau: Gyzide Akbulut in ihrer Basler Atelier-Boutique. Martin Töngi

Martin Toengi

Die Rollen sind mit einem Samtband sorgfältig zusammengebunden, lehnen an der Wand neben dem grossen Spiegel. Es sind Stoffbahnen, ein halbes Dutzend, ausgerollt je 18 Meter feinste Maulbeerseide. Ihre Farben tragen Namen wie Apollo, Aurora oder Pax, die Göttin des Friedens. «Friedlich ist es hier gerade nicht. Eher Ausnahmezustand, aber das ist gut», sagt Gyzide Akbulut, und lacht.

Die Modedesignerin schwirrt feengleich in ihrem Atelier herum, zupft an blau-rosa Seide, die um eine Puppe drapiert ist, rückt ihr kinnlanges Haar für den Fotografen zurecht. In wenigen Stunden startet die Baselworld. Dann gerät die Stadt ein bisschen aus dem Takt, weil sie plötzlich Metropole ist, Metropole des Schmucks und der Uhren.
Und sobald das passiert, befindet sich Akbulut voll in der Spur. «Diese Woche ist wie ein wunderbarer Trip», sagt sie. In einer Gasse inmitten der Basler Altstadt, nur einen Steinwurf vom Rhein entfernt, befindet sich die Atelier-Boutique der zierlichen Frau. Hier entwirft und schneidert sie feminin-sportliche Luxus-Streetwear und Abendbekleidung für Frauen zwischen 30 und 60. Während der Baselworld auch für zwei Ausstellerinnen.

Alles ist möglich

Einen Teil der Maulbeerseide hat Akbulut zu einem schulterfreien, knielangen Kleid verarbeitet. Bald kommt es an einem Abendevent der Baselworld zum Einsatz. Die Trägerin ist die Schweizer Vertreterin von Gc, der Uhrenmarke des US-Labels Guess. Zusammen mit der Geschäftsführerin von Gc, die in Los Angeles lebt, lässt sie sich seit acht Jahren für die Messe exklusiv von Akbulut einkleiden.

Jeweils ein paar Monate vor der Messe schickt Akbulut den beiden Frauen die Entwürfe zu, damit diese vorsondieren können. Kurz vor dem Start der Baselworld kommen die Kundinnen im Atelier zur Anprobe im Atelier vorbei; das noch unfertige Kleidungsstück wird ihrem Stil angepasst. «Es ist alles möglich, ich passe mich ganz ihrer Stimmung und ihren Bedürfnissen an», sagt Akbulut. Danach arbeitet sie zwei Tage an der Nähmaschine durch.
Die Aufträge während der Baselworld würden ein sehr gutes Geschäft für sie darstellen, wenngleich es mit sehr viel Aufwand verbunden sei, sagt Akbulut. «Vor allem aber ist es ein schönes Gefühl. Wenn ich die Baselworld besuche und sehe, wie toll meine Kundinnen in meinen Kleidern aussehen.» Und es sei ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass ihre Mode auch in Los Angeles weitergetragen werde.
Akbulut könnte mehr Ausstellerinnen einkleiden. Viel mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass ihre Kollektionen dieses «Je-ne-sais-quoi» haben. Sogar Naomi Campbell ist mal an einer Party ein Kleid der Baslerin aufgefallen. Akbulut ist aber glücklich mit diesem kleinen Auftragsvolumen. «Zu mehr würde mir die Kapazität fehlen. Ich bin meine einzige Angestellte, das soll auch so bleiben.

Ich will mir selber treu bleiben. Und genug Zeit für meine Stammkundinnen haben.» Sie empfinde es als unpersönlich, wenn sie Dutzende Leute ausstatten müsste. «Ein Kleidungsstück wird erst einzigartig, wenn es auf eine Person zugeschnitten ist. Es kommt auf die Anpassungen an, auf die Feinarbeit am Schluss.»
Die Mode von Akbulut kostet zwischen 300 und 3500 Franken, es komme auf das Material an. So liegt der Preis für das Maulbeerseidenkleid für die Guess-Ausstellerin bei 3200 Franken – der Stoff wird exklusiv für die Baslerin in der Schweiz gewoben. Das leisten ihre Baselworld-Kundinnen sich gerne, sagt Akbulut: «Gerade an einer Uhren- und Schmuckmesse ist es wichtig, herauszustechen. Mit Massenware ist das nicht möglich. Sie haben sich bewusst für das Exklusive entschieden.»

In etwas Besonderes investieren

Einzigartigkeit in der Mode, so Akbulut, sei heute mehr denn je gefragt, ein Trend, der sich manifestiere. Damit habe sie sich in Basel eine Nische geschaffen. «Viele kaufen ihre Basics günstig ein und investieren ein- oder zweimal im Jahr in etwas Besonderes, das sie sowohl tagsüber als auch abends gut kombinieren können.»
Zehn Jahre nachdem sich Akbulut selbstständig gemacht hat kann sie gut von ihrer Arbeit leben. Zu Beginn habe sie das Geld mit Anpassungen wie Hosenkürzungen verdient, «solche Arbeit machst du im Schlaf». Daneben habe sie zweimal jährlich kleine Kollektionen à 15 bis 40 Teile entworfen und angefertigt. Werbung habe sie nie gemacht. «In einer Stadt wie Basel kann man sich auf Mundpropaganda verlassen.» Die Stammkundinnen mögen insbesondere Akbuluts Hemden und Blusenkleider, die sie Saison für Saison neu interpretiert.
Mit Schleifen etwa oder neuen Materialien, mit Drapagen oder Rüschen am Décolleté. Kombiniert mit Spitzendessous, Jeans oder gehäkelten Shorts, die im Sommer sehr angesagt sein werden.
Ihre Mode soll zwar zeitlos sein, trotzdem behält Akbulut die Trends im Auge: «Das ist Inspiration.» Messen in Paris oder München geben ihrer Kreativität Nahrung. So haben viele Teile ihrer aktuellen Kollektion Spitzeneinsätze; weit geschnittene Hosen gehören ebenso dazu wie eine im Kimono-Style geschnittene Bluse oder eine Jacke aus beschichtetem Brokatstoff.

«Gerade Frauen um die 60 schätzen es, dass ich ein Stück weit mit der zeitgenössischen Mode gehe. Sie wünschen sich einen jungen Stil, Kleider, die sie tragen können, ohne sich alt zu fühlen.» Heute sei 60 kein Alter mehr, viele seien jung geblieben und fit. Dies stehe im Widerspruch zur Tatsache, dass Mode für Frauen ab 50 oftmals bieder wirke.

Und wenn nun Naomi Campbell während der Baselworld anklopft? Gyzide Akbulut strahlt: «Da könnte ich unmöglich Nein sagen.» So unmöglich ist das nicht, wenn Basel eine Woche lang zur Metropole wird.