Tierwelt

Der Rehbock auf dem Wolf: Nach dem Hörnli hat der nächste Friedhof tierischen Besuch

Nach dem Hörnli hat nun auch der Friedhof im Dreispitz einen wilden Bewohner. Es handelt sich um einen Rehbock. Bisher ist er noch alleine und wird von der Stadtgärtnerei geduldet.

Ayse Turcan
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Der Friedhof Wolfgottesacker (Bild) ist nach dem Hörnli der zweite Friedhof, der einen Lebensraum für wilde Besucher bietet.

Der Friedhof Wolfgottesacker (Bild) ist nach dem Hörnli der zweite Friedhof, der einen Lebensraum für wilde Besucher bietet.

Roland Schmid

Der Himmel ist dunkel über dem Friedhof Wolfgottesacker. Soeben hat es aufgehört zu regnen, die Luft riecht nach feuchter Erde und nassen Blättern. Es tropft von den Ahornbäumen und Kastanien, die hier wachsen und die gemeinsam mit den historischen Grabmälern eine hervorragende Kulisse für einen Horrorfilm abgeben würden – oder aber ein Zuhause für einen Rehbock.

Einst strichen hier im Osten der Stadt noch Wölfe über die Felder – woher Ruhestätte und Areal auch ihren Namen haben. Nun hat sich ein anderes Wildtier eingenistet. Seit drei Monaten lebt ein männliches Reh innerhalb der Friedhofsmauern. Ganz dem Klischee entsprechend lässt es sich aber nur selten beobachten. Die für die Pflege des Friedhofs zuständige Stadtgärtnerei weiss vom neuen Bewohner der Ruhestätte. Und stört sich nicht daran. Laut Emanuel Trueb, dem Leiter Stadtgärtnerei, wurde das Tier nun seit mehreren Tagen nicht gesehen. «Wir gehen aber davon aus, dass er noch immer auf dem Friedhof lebt», so Trueb.

Eine mögliche Attraktion für Spaziergänger

Der Wolfgottesacker wurde 1872 eröffnet und ist eine der ältesten Anlagen dieser Art, die heute noch in Betrieb sind. Die sich auf dem Friedhof befindenden Gebäude und die Gartenanlage sind seit 1995 denkmalgeschützt. Auf den zahlreichen historischen Grabsteinen finden sich Burckhardts, Gysins und andere alte Basler Geschlechter.

Die Zeiten, in denen Wölfe die Gegend unsicher machten, sind lange vorbei. Heute befindet sich der Friedhof mitten in der Gewerbezone. Auf der einen Seite die Münchensteinerstrasse mit M-Parc und Obi, auf der anderen Bahngleise und der Güterbahnhof. Von Wald oder Natur weit und breit keine Spur. Wie konnte sich also ein Reh in die Gegend verirren?

Der Leiter der Stadtgärtnerei hat eine Theorie: «Ich gehe davon aus, dass der Rehbock den Bahngeleisen entlang gelaufen ist. Vielleicht kam er gar vom Jura her.» Doch auch er findet das Auftauchen des Tiers aussergewöhnlich. Denn die Ruhestätte liegt nicht nur in einem sehr urbanen Gebiet, sondern ist durch Mauern und Gitterstäbe so gut abgeschlossen, dass der Rehbock den Wolf fast durch das Haupttor betreten haben muss. Und das am helllichten Tag, denn auch das Tor ist nachts geschlossen.

Friedhöfe als Lebensraum

Der Wolfgottesacker ist bereits der zweite Basler Friedhof, der zum Lebensraum für Wildtiere wird. Anders als die Rehe auf dem Hörnli, die sich so stark vermehrt haben, dass die Stadtgärtnerei eine Abschussbewilligung beantragt hat, muss der Rehbock auf dem Wolf nicht um sein Leben fürchten. «Solange es nicht wesentlich mehr Tiere sind, kann er bleiben», meint Trueb. Für ein einzelnes Tier habe es genügend Futter auf dem Wolfgottesacker. Es fragt sich, wie lange der Rehbock allein bleiben will.